In Jesus Christus hat Gott einen Namen und ein Gesicht: Kardinal Koch in Manoppello

Wortlaut der Predigt zum Segen "Omnis Terra"

Kardinal Kurt Koch in Manoppello am 19. Januar 2020
Foto: Alexey Gotovskiy / CNA Deutsch
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In der Basilika vom Heiligen Antlitz in Manoppello hat Kardinal Kurt Koch am heutigen Sonntag ein Pontifikalhochamt gefeiert und mit dem Schweisstuch Christi den Segen Urbi et Orbi gespendet. 

Der ehemalige Bischof von Basel ist seit 2010 Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen. Die "Vera Icon" aber, mit der er den Segen spendete, ist jenes soudarion, das Johannes in seinem Evangelium der Auferstehung Christi von den Toten erstmals unter den zurückgelassenen Grabtüchern Christi in Jerusalem erwähnt.

Bis zum Jahr 1527 war das Schweisstuch der Kronschatz der Päpste im Petersdom; um das Jahr 1978 wurde es von dem Kapuzinerpater Domenico da Cese wiederentdeckt.

So ist nun auch Kurt Koch in jene Tradition eingetreten, die Papst Innozenz III. im Januar des Jahres 1208 begründete, als er das heilige Schweißtuch Christi erstmals der Öffentlichkeit der Lateinischen Christenheit vorstellte, indem er es barfuß vom Petersdom zu der nahen Hospitalkirche Santo Spirito in Sassia trug.

Omnis Terra heißt dieser Sonntag nach den liturgischen Eingangsworten aus dem 65. Psalm: Omnis terra adoret te, Deus, et psallat tibi! "Die ganze Erde bete Dich an, o Gott, und singe Dir Loblieder!".

Die erste Prozession mit dem Antlitz Christi durch Papst Innozenz III. wurde quasi zum Ursprung aller "heiligen Jahre".  Doch erst vor vier Jahren wurde diese Tradition, die im Sacco di Roma 1527 an ein Ende kam, durch die Erzbischöfe Georg Gänswein und Edmund Farhat aus dem Libanon in Rom im "Jahr der Barmherzigkeit" wieder aufgenommen, das Papst Franziskus 2015 dem "lebendigen Gesicht vom Erbarmen des Vaters" gewidmet hatte.

Mit seiner Pilgerreise nach Manoppello lässt Kardinal Koch für das Jahr, in dem nördlich der Alpen selbsternannte Reformer den  "Synodalen Weg" beschreiten wollen, sein eigenes Motto als Bischof über der Welt aufleuchten: Ut sit in omnibus Christus Primatum Tenens – "Christus sei Vorrang in allem".

Die Worte entstammen dem Brief an die Kolosser, wo der Apostel Paulus schreibt:

"Christus ist das Bild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene der ganzen Schöpfung.  Denn in ihm wurde alles erschaffen im Himmel und auf Erden, das Sichtbare und das Unsichtbare, Throne und Herrschaften, Mächte und Gewalten; alles ist durch ihn und auf ihn hin erschaffen. Er ist vor aller Schöpfung und in ihm hat alles Bestand. Er ist das Haupt, der Leib aber ist die Kirche. Er ist der Ursprung, der Erstgeborene der Toten; so hat Christus in allem den Vorrang."

CNA Deutsch dokumentiert den Wortlaut der Predigt mit freundlicher Genehmigung des Vatican Magazin.

SEHT, DAS LAMM GOTTES

Predigt von

Kurt Cardinal Koch

am Sonntag Omnis Terra in der Basilika vom Heiligen Antlitz in Manoppello

 

Person mit Namen und Gesicht

Wenn man sich mit einem anderen Menschen und seinem Geheimnis vertraut machen will, ist man gut beraten, seinen Namen zu kennen. Dazu rät bereits das Sprichwort: "Nomen est omen". In diesem Wort liegt es begründet, dass im Leben von uns Menschen Namen eine grosse Rolle spielen. Bereits vor der Geburt eines Menschen machen sich die Eltern Gedanken über den Namen, den sie dem Neugeborenen geben wollen und welche Lebensperspektiven sie damit verbinden. Denn der einmal erhaltene Name begleitet den Menschen sein Leben lang. Bei seinem Namen wird er gerufen, mit seinem Namen ist er identifizierbar, und mit seinem Namen muss er seine Unterschrift geben. Mit seinem Namen ist er vor allem anrufbar. Wenn wir einen Menschen bei seinem Namen rufen, eröffnet sich eine persönliche Beziehung zu dem mit dem Namen Bezeichneten. In dieser grossen Bedeutung, die der Name im Leben eines Menschen hat, zeigt sich an, dass sich im Namen das Wesen einer Person ausdrückt.

Mit dem Namen allein können wir freilich mit dem Geheimnis eines Menschen noch nicht ganz vertraut werden. Der Name allein bleibt irgendwie abstrakt und hängt in der Luft, wenn er nicht einem konkreten Gesicht zugeordnet werden kann. "Nomen est omen": Dieses Sprichwort beginnt erst zu sprechen, wenn man dem Gesicht begegnet, das diesen Namen trägt. Denn jeder Mensch hat ein unverwechselbares Gesicht, das seine Originalität im besten Sinn des Wortes zum Ausdruck bringt. Wie ein Mensch mit seinem Namen anrufbar ist, so ist er mit seinem Gesicht anschaubar und ermöglicht damit eine ganz persönliche Beziehung zu einem anderen Menschen, der ihm ebenfalls sein Gesicht zeigt, so dass wahre Kommunikation "face to face" entsteht.

Name und Gesicht machen aus einem Menschen eine ganz konkrete Person. Denn der Name ist ein Beziehungswort und bringt es an den Tag, dass der Mensch aufgrund seines Namens angerufen werden und selbst andere Menschen ansprechen kann. Und aufgrund seines Gesichts kann er von anderen Menschen angeblickt werden und kann er selbst andere Menschen ansehen und ihnen so Ansehen geben, worauf bereits die Sprache hinweist. Es ist kein Zufall, dass das hebräische Wort für Gesicht "paním" im Griechischen mit "prosopon" und im Lateinischen mit "persona" übersetzt worden ist. Denn eine Person zeichnet sich dadurch aus, dass sie einen Namen und ein Gesicht hat.

Wenn wir uns diese Zusammenhänge vergegenwärtigen und zudem bedenken, dass die geschichtliche Erkenntnis des Geheimnisses des Menschen als Person im christlichen Ringen um das Verständnis Gottes als des Dreieinen möglich geworden ist, dann öffnet sich uns auch die Türe zum innersten Geheimnis des christlichen Glaubens: Das Neue der christlichen Offenbarung besteht nicht in einer neuen religiösen Idee und auch nicht in einem neuen ethischen Entschluss, sondern in einer Person. Niemand ist so sehr Person wie Gott selbst, und wir Menschen werden umso mehr Personen, je mehr wir mit ihm in persönlicher Beziehung stehen und an jene Person glauben, in der Gott sich uns in endgültiger Weise zu erkennen gegeben hat, indem er uns seinen Namen offenbart und sein Gesicht gezeigt hat, nämlich in seinem Sohn. Jesus Christus hat uns den Namen Gottes zugänglich gemacht, und Jesus Christus selbst ist das uns Menschen zugewandte Gesicht Gottes.

Jesus Christus als Gottes Name und Gesicht

"Vater, ich habe deinen Namen den Menschen offenbart, die du mir aus der Welt gegeben hast" (Joh 17, 6a). Mit diesem Bekenntnis im Hohepriesterlichen Gebet benennt Jesus die Mitte seiner göttlichen Sendung in unserer Welt. Damit setzt er selbstverständlich voraus, dass auch Gott, den er seinen Vater nennt und mit dem er von Angesicht zu Angesicht in Beziehung ist, einen Namen hat. Dass Gott einen Namen hat, ist geradezu der auffälligste Tatbestand im biblischen Gottesbild. Der Name Gottes ist dabei gewiss Ausdruck von Erkenntnis des Wesens Gottes. In erster Linie aber macht er das Wesen Gottes anrufbar. Wie wir Menschen bei unserem Namen gerufen werden, so dürfen wir als Glaubende auch den Namen Gottes anrufen. 

In der Sicht der Heiligen Schrift sind es freilich nicht wir Menschen, die Gott einen Namen geben und ihn damit gleichsam in seine Anrufbarkeit zwingen könnten. Gott ist vielmehr nur deshalb anrufbar, weil er sich selbst anrufen lässt; und sein Name ist uns Menschen nur bekannt, weil Gott selbst ihn bekannt gegeben hat. Die durch den Namen Gottes ermöglichte persönliche Beziehung zwischen uns Menschen und Gott wird deshalb nicht von uns Menschen, sondern nur von Gott her errichtet. Der Name Gottes ist der Ausdruck der biblischen Grundtatsache, dass Gott sich nennt und offenbart, wie Jesus seine Sendung darin zusammenfasst, dass er uns Menschen den Namen Gottes offenbart hat. An anderer Stelle formuliert Jesus sein eigenes Herzensanliegen und Lebensziel mit der Gebetsbitte: "Vater, verherrliche deinen Namen" (Joh 12, 28). Jesus gibt sich damit gleichsam als der neue Moses zu erkennen, der die Sendung des ersten Moses, nämlich die Kundgabe des Namens Gottes als "Jahwe", in einer noch tieferen Weise vollzieht.

Wie Gott in seinem Sohn Jesus Christus uns Menschen seinen Namen offenbart hat, so hat er uns auch zu erkennen gegeben, dass er ein Gesicht hat, indem er in seinem Sohn sein wahres Gesicht gezeigt hat, wie es Jesus Christus selbst bezeugt: "Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen" (Joh 14, 6). Mit diesem Bekenntnis antwortet Jesus auf die bedrängende Bitte des Apostels Philippus, Jesus möge ihm und seinen Mitaposteln den Vater zeigen. Philippus bringt damit die Urbitte der Menschheit ins Wort, dass sie das Gesicht Gottes sehen und ihm von Angesicht zu Angesicht begegnen möchte. Diese Bitte zieht sich wie ein roter Faden bereits durch das Alte Testament hindurch, wie das Gebet eines Verfolgten in Psalm 17 sehr schön zum Ausdruck bringt: "Ich aber will in Gerechtigkeit dein Angesicht schauen, mich satt sehen an deiner Gestalt, wenn ich erwache" (Psalm 17, 15). Dass das Suchen nach Gottes Antlitz das ganze Leben umfasst, spricht Psalm 24 unumwunden aus: "Das sind die Menschen, die nach ihm fragen, die dein Antlitz suchen, Gott Jakobs" (Psalm 24, 6).

Die Ursehnsucht der Menschen, die im Alten Testament eine besonders eindringliche Bitte gefunden hat, ist in Jesus Christus in Erfüllung gegangen. Jesus Christus ist der authentische Zeuge dafür, dass Gott für den christlichen Glauben kein weltferner Gott ist und auch nicht einfach eine philosophische Hypothese über die Entstehung des Kosmos, sondern ein Gott, der uns Menschen sein wahres Gesicht gezeigt, uns damit sein endgültiges Wort geschenkt und uns mit seinem vollständigen und unüberbietbaren Wort der Liebe angeredet hat, wie diese Kernmitte des christlichen Glaubens der heilige Johannes vom Kreuz in einem Satz verdichtet hat: "Gott hat uns seinen Sohn gegeben, der sein Wort ist, und so hat er uns alles auf einmal in diesem einen Wort gegeben, und es bleibt nicht weiter mehr zu sagen." In der Tat bleibt nichts weiter mehr zu sagen, weil Gott in Jesus Christus uns Menschen so nahe gekommen ist, wie es näher gar nicht mehr möglich ist, indem er uns seinen Namen offenbart und sein wahres Gesicht gezeigt hat.

Lebenslanges Suchen nach dem Antlitz "voll Blut und Wunden"

Angesichts des endgültigen Ernstes der Offenbarung Gottes in seinem Sohn stellt sich uns die weitere Frage, wie das Gesicht Gottes genau aussieht. Darauf gibt uns Johannes der Täufer im heutigen Evangelium die entscheidende Antwort. Als er Jesus auf sich zukommen sah, sagte er: "Seht, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt" (Joh 1, 29). Gott trägt in Jesus Christus das Gesicht eines Lammes. Dieser Gesichtszug Gottes muss uns zu denken geben und lädt uns ein, vor diesem Gesicht zu verweilen.

Beim ersten Hinhören wird uns diese Botschaft vielleicht harmlos und sogar etwas romantisch erscheinen. Ihre ganze Brisanz erhält sie aber dann, wenn wir bedenken, dass Christus das Gesicht eines Lammes und gerade nicht das Gesicht eines Löwen oder eines Wolfes trägt. So freilich haben die Menschen ihn damals erwartet, und so hoffen wir Menschen es auch heute immer wieder, dass Gott mit der Kraft eines Löwen die Welt und ihre Strukturen aus den Angeln hebt und eine neue schafft. Doch Christus trägt nicht das Gesicht eines Löwen. Mit dessen Bild haben sich vielmehr die Könige unserer Welt immer wieder dargestellt, um damit ihre Macht demonstrativ zu feiern. Christus trägt auch nicht das Gesicht einer Wölfin, mit dessen Bild sich das antike Rom zur Schau gestellt hat, um sich mit seiner Ordnungsmacht als Erlöserin darzubieten. Johannes der Täufer führt uns vielmehr vor Augen, dass die Erlösung nicht durch die grossen und mächtigen Tiere kommt, sondern dadurch, dass Christus als Lamm und damit in der Kraft seiner wehrlosen Liebe zu uns Menschen gekommen ist.

Hier scheint der tiefste Grund auf, dass zum Geheimnis Jesu Christi immer auch das Kreuz gehört und dass in unserer Welt das Antlitz Christi sich immer auch als "Haupt voll Blut und Wunden" darbietet. Denn Lamm-Sein und Kreuz sind unlösbar miteinander verbunden. Christus ist gerade darin der Gute Hirte seines Volkes und damit die Erfüllung jenes Knechtes, den der Prophet Jesaja verheissen hat, dass er selbst Lamm wird und sich auf die Seite der geschundenen Lämmer stellt, um mit ihnen mitzuleiden und sie zu erlösen. Denn Jesus hat uns Menschen dadurch erlöst, dass er sich hingegeben hat, indem er ein Liebender ist. Denn der innerste Kern der Sendung Jesu ist die Liebe, und deshalb ist diese Sendung nirgendwo anders erfüllt als am Kreuz, wie dies der Evangelist Johannes bezeugt: "So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat" (Joh 3, 16).

Wenn wir hier im Heiligtum von Manoppello das "Heilige Antlitz" betrachten und verehren, dann begegnet uns das Gesicht eines wehrlosen Lammes und zugleich das Gesicht voll Blut und Wunden, und zwar deshalb, weil uns das Gesicht der grenzenlosen Liebe Gottes entgegen kommt. Wir sind eingeladen, dieses Bild zu verehren und das Antlitz Gottes zu suchen, wie es Papst Benedikt XVI. bei seinem persönlichen Pilgerbesuch in Manoppello uns ans Herz gelegt hat: "Das Antlitz des Herrn zu suchen muss unser aller Wunsch, der Wunsch aller Christen sein; wir nämlich sind , die in dieser Zeit sein Antlitz suchen, das Antlitz des ". Diese Worte hat Papst Benedikt XVI. in bewusster Bezugnahme auf Psalm 105 ausgesprochen, in dem die Aufforderung steht: "Fragt nach dem Herrn und seiner Macht; sucht sein Antlitz allezeit".

Mit dem Wort "allezeit" sind wir eingeladen und in die Pflicht zur Sorge genommen, dass unser Leben als Christen darin besteht, dass wir uns in der Tiefe unserer Existenz immer nach dem Antlitz des Herrn sehnen und dass diese Sehnsucht nicht ins Leere greift, weil der christliche Glaube uns die schöne Botschaft schenkt, dass Gott einen wunderbaren Namen und ein liebendes Gesicht hat. Wenn wir sein Antlitz suchen und verehren, dann steht unser ganzes Leben unter dem Segen Gottes, der in der Zusage seines Angesichts besteht: "Der Herr segne dich und behüte dich. Der Herr lasse sein Angesicht über dich leuchten und sei dir gnädig. Der Herr wende sein Angesicht dir zu und schenke dir Heil". Dieses Leuchten von Gottes Angesicht ist der Segen, den wir brauchen und um den wir bitten in der Feier der Eucharistie. In ihr schaut uns der Herr mit seinem Gesicht der grenzenlosen Liebe an und schenkt sich als Lebensbrot, das geistliche Nahrung auf dem Weg in die Ewigkeit ist, in der wir das Angesicht Gottes ohne Ende loben und anbeten werden.

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