Irak: Kirchenbau für die Hoffnung

Sechs Jahre nach den IS-Eroberungen geht der Wiederaufbau in der Ninive-Ebene weiter

Gläubige beim Gebet in der ausgebrannten Kirche.
Foto: Kirche in Not

"Viele Christen fühlten sich bei ihrer Rückkehr entmutigt, als sie die Kirche zerstört vorfanden. Als der Wiederaufbau begann, schöpften sie neue Hoffnung, dass die Schönheit des Gotteshauses auch das Gemeindeleben wiederbeleben wird", erklärte der syrisch-katholische Priester Ammar Yako im Gespräch mit dem weltweiten katholischen Hilfswerk "Kirche in Not". Er beaufsichtigt den Wiederaufbau der zerstörten Al-Tahira-Kirche in Karakosch. Der Ort in der Ninive-Ebene wird von den Christen auf Aramäisch auch Baghdeda genannt.

Die der Unbefleckten Empfängnis Mariens geweihte Kirche ist eines der größten und bedeutendsten Gotteshäuser im Irak, so wie auch Karakosch über Jahrhunderte die größte christliche Stadt des Landes war – bis zum 06. August 2014: Damals eroberten die Kämpfer des sogenannten "Islamischen Staates" die Region um Mossul und machten Karakosch und weitere Ortschaften nahezu dem Erdboden gleich. "Beim Angriff des IS wurde die Kirche in Brand gesteckt und geplündert. Die Terroristen sprengten auch den Kirchturm", erzählt Yako.

Aus der Lourdes-Grotte wurde ein Schießstand

Rund 120 000 Christen aus der Ninive-Ebene mussten über Nacht fliehen. Die meisten von ihnen fanden Zuflucht in und um Erbil, der Hauptstadt der Autonomen Region Kurdistan. In Karakosch verwendeten die IS-Besatzer die Lourdes-Grotte im Hof der Kirche als Schießstand. Sie verbrannten Gebetbücher und Handschriften. "Es gab in der Kirche ein Kreuz aus reinem Silber, das eine Reliquie vom Kreuz Christi enthielt. Die Terroristen haben es vermutlich gestohlen. Ein wertvolles Gemälde der Jungfrau Maria wurde verbrannt", beklagt der Priester. Was die Terroristen nicht zerstörten, erledigten Raketenangriffe und Unwetter.

Zwei Jahre ging das so, bis im Herbst 2016 irakische Truppen und ihre Verbündeten die Region zurückerobern konnten. Zigtausend vertriebene Christen kehrten in ihre alte Heimat zurück. In Karakosch sind rund die Hälfte der einst über 11 000 christlichen Familien wieder da. Das zeigen die neuesten Daten, die das Wiederaufbaukomitee für die Ninive-Ebene veröffentlicht hat. "Kirche in Not" hatte es mit den lokalen christlichen Kirchen aus der Taufe gehoben. Zusammen mit anderen Organisationen wurden seit 2016 zehntausende Wohngebäude wiederhergestellt.

Kirchen werden wieder Zentren des öffentlichen Lebens

Nun sind in einem nächsten Schritt Kirchen, Kindergärten, Gemeindezentren und Pfarrhäuser dran. Wieder kommt das Geld maßgeblich von "Kirche in Not". Ammar Yako erklärt die tiefe Bedeutung hinter dem Projekt: "Der Wiederaufbau der großen Al-Tahira-Kirche ermutigt die Christen, in ihrer Heimat zu bleiben. Die Kirche wurde 1947 geweiht. Vorher stand hier schon ein Vorgängerbau, der ebenfalls der Jungfrau Maria geweiht war. Jeder Christ hat hier das Gefühl, dass diese Kirche Teil seiner Geschichte und seines kulturellen Erbes ist."

Der Wiederaufbau ist auch aus künstlerischer Hinsicht bedeutsam: Das Kirchendach ruht auf 22 aus einem Stück gehauenen Marmorsäulen aus Mossul. Sie wurden einst als "Juwelen" des Kirchengebäudes bezeichnet, nun aber haben sie durch Brände und Beschuss tiefe Risse bekommen. Das war auch einer der Gründe, warum die Kirche 2018 für öffentliche Gottesdienste geschlossen werden musste. Auch die Bögen und Säulen im Altarraum drohten einzustürzen. Mittlerweile sind die Sicherungsmaßnahmen dort weit fortgeschritten.

Erinnerung an Terror bewahren und zeigen

"Der Wiederaufbau ist auch deshalb wichtig, weil in der Al-Tahira-Kirche die syrisch-katholische Gemeinschaft Würdenträger und Delegationen empfängt, die in der Region zu Gast sind", erklärt der mit der Bauaufsicht betraute Priester. Mit den Fortschritten ist er so weit zufrieden, auch wenn Corona den Fortschritt ausgebremst hat. Deshalb sind in diesem Jahr auch keine größeren Gedenkveranstaltungen zum Jahrestag der Vertreibung geplant. Der Wiederaufbau geht einfach weiter. "Wir sind derzeit an Dach und Gewölbe. Als nächstes kommen Portal und Turm dran, zuletzt der Altar", erklärt Yako.

Es geht weiter: Das ist vielleicht die wichtigste Botschaft – allen Unsicherheiten zum Trotz. Denn viele Christen fürchten eine Rückkehr des IS, fühlen sich von muslimischen Milizen drangsaliert oder durch die Politik vergessen. Doch ihre Ziele bremst das nicht, wie Ammar Yako erklärt: "Mögen die Mauern der Al-Tahira-Kirche bald vom Gebet der Gläubigen widerhallen! Wir hoffen, dass wir in einem separaten Raum religiöse Gegenstände ausstellen können – aber auch die Wandschmierereien, die der IS hinterlassen hat. Die Welt soll sehen, was der Terrorismus uns allen angetan hat."

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