Kirche und Verhütungsmittel: Experten finden Fehler in Text der Päpstlichen Akademie

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Foto: Simone van der Koelen / Unsplash

Neun internationale Experten weisen in einem offenen Brief auf schwerwiegende Irrtümer hin, die in einem vor wenigen Wochen veröffentlichten Buch der Päpstlichen Akademie für das Leben verbreitet wurden, das die Änderung der Lehre der katholischen Kirche zur Anwendung von Verhütungsmitteln befördern will.

"Man kann sich nicht gut um ein Ehepaar kümmern, es seelsorgerlich betreuen, beraten und begleiten, indem man eine Seelsorge betreibt, die außerhalb der medizinischen Wissenschaft liegt", erklären die Experten der Päpstlichen Akademie.

Vorzuschlagen, dass Katholiken auf Verhütungsmittel zurückgreifen könnten, wie es das von der Päpstlichen Akademie für das Leben veröffentlichte Dokument tut, "ist über eine theoretische intellektuelle Übung hinaus eine Behauptung, die weder die Realität der Studien über die Begleitung von Eheleuten berücksichtigt, noch die Erfahrung so vieler Ehen".

Der offene Brief mit dem Titel "Eine Pastoral außerhalb der Erfahrung hört auf, pastoral zu sein" wurde unterzeichnet vom spanischen Arzt Jokin de Irala, Mitglied der Päpstlichen Akademie für das Leben (in der italienischen Abkürzung PAV), vom Michèle Barbato, Fachärztin für Geburtshilfe und Gynäkologie aus Italien, vom Arzt Aimé Bazeboso, dem Präsidenten der Afrikanischen Föderation für Familienmaßnahmen (Fédération Africaine d’Action Familiale, FAAF) aus der Demokratischen Republik Kongo und von der italienischen Ärztin und Präsidentin der italienischen Konföderation der Zentren für natürliche Geburtenregelung, Maria Boerci.

Es unterzeichneten zudem der italienische Arzt Facharzt für Innere Medizin Paolo Bordin; Serena Del Zoppo, Gynäkologin mit besonderer Erfahrung auf den Gebieten natürliche Familienplanung und Unfruchtbarkeit, sowie Beraterin in Naprotechnologie (Fruchtbarkeitsverbesserung bei unerfülltem Kinderwunsch); die französische Ärztin Isabelle Ecochard, ehemalige Präsidentin des European Institute for Family Life Education (EIFLE); der belgische Arzt Pierre Hernalsteen, Professor mit Erfahrung in Belgien, den Niederlanden, der Ukraine und Ruanda, sowie der italienische Arzt Furio Pesci, Professor an der Universität La Sapienza in Rom.

Damit reagieren die Experten auf das Buch "Etica teologica della vita. Scrittura, tradizione sfide pratiche" (Theologische Ethik des Lebens. Schrift, Tradition, praktische Herausforderungen), das in diesem Jahr von der Päpstlichen Akademie für das Leben im Verlag des Vatikans (Libreria Editrice Vaticana, kurz LEV) veröffentlicht worden war.

Der Text fasst auf 528 Seiten die Konferenzen eines von der Päpstlichen Akademie für das Leben im Jahr 2021 abgehaltenen theologischen Seminars zusammen und ist mit einer Einführung des Präsidenten der PAV, Erzbischof Vincenzo Paglia, versehen.

Laut Paglia stellt das Buch, das vorschlägt, dass Katholiken auf Verhütungsmittel zurückgreifen können, einen "Paradigmenwechsel" in der Moraltheologie dar. "Der Text nimmt eine radikale Änderung vor, er geht sozusagen von der Kugel zum Polyeder über", erklärte er.

Die Position der katholischen Kirche zu Verhütungsmitteln "hat sich nicht geändert"

Die Experten für Gesundheit, Fruchtbarkeit und Begleitung von Familien beklagten, dass nach der Veröffentlichung des Buches durch die PAV "in einigen kirchlichen Umfeldern und in den Medien etwas Verwirrung herrschte, weil sie es als eine Änderung seitens des Heiligen Stuhls bezüglich dieser Fragen interpretierten".

"Aber die Position der katholischen Kirche hat sich nicht geändert", präzisierten sie.

"Die Manuskriptvorschläge stammen von einer Expertengruppe. Sie spiegeln nicht die Position der Akademie wider", fügten sie hinzu.

Die Unterzeichner des offenen Briefes erinnerten daran, dass "der heilige Johannes Paul II. davor gewarnt hatte, das 'Gesetz der Gradualität' mit der 'Gradualität des Gesetzes' zu verwechseln, so als ob es im göttlichen Gesetz mehrere Grade oder Formen von Geboten für verschiedene Menschen in ihren persönlichen Situationen gäbe".

"Das Gesetz der Gradualität geht davon aus, dass wir alle eingeladen sind, die Vorschläge der Kirche voll zu leben, auch wenn wir es nach und nach schaffen, sie zu erreichen, ausgehend von unserer Fähigkeiten und persönlichen Umständen, unterstützt von der Gnade und begleitet, um Schwierigkeiten zu überwinden", erklärten sie.

"Papst Franziskus führt uns in dieser Linie und betont nachdrücklich die Bedeutung der Begleitung und der barmherzigen Unterscheidung bei den Eheleuten: 'All diese Situationen müssen in konstruktiver Weise angegangen werden, indem versucht wird, sie in Gelegenheiten für einen Weg hin zur Fülle der Ehe und der Familie im Licht des Evangeliums zu verwandeln. Es geht darum, sie mit Geduld und Feingefühl anzunehmen und zu begleiten' (Amoris Laetitia, Nr. 294)."

Für die Experten "würde die Gradualität des Gesetzes bedeuten, dass es verschiedene Gesetzte gibt – je nach Person und Umständen".

Nach der Präzisierung, dass "die Seelsorge nicht hinter den medizinischen Erkenntnissen bleiben darf", betonten die Experten, dass „einige von uns seit 40 Jahren mit Ehepaaren arbeiten und sie begleiten, in verantwortungsvoller Elternschaft, im Erleben ihrer ehelichen Sexualität und in der Anwendung natürlicher Methoden in Bezug auf ihre Fruchtbarkeit, sowie im ständigen Dialog, um Schwangerschaften zu begünstigen, zu planen oder zu vermeiden".

Das wissen wir nach 60 Jahren über Verhütungsmittel

Die Experten hoben hervor, dass nach sechs Jahrzehnten der Verwendung von Verhütungsmitteln "die nachgewiesenen Ergebnisse Licht auf die Auswirkungen werfen, die dieser 'neue' pastorale Ansatz haben würde".

"In den 1960er-Jahren wurde Paaren erklärt, dass die Pille das Problem der sogenannten Überbevölkerung lösen würde. Nach 1968 wurde den Frauen erklärt, dass die Pille sie vor 'ungewollten' Schwangerschaften schützen und Abtreibungen verhindern würde. In den 1970er-Jahren wurden Techniken der künstlichen Befruchtung entwickelt, um Paaren dabei zu helfen, das 'Wunschkind' zu bekommen."

"Später, in den 1980er-Jahren, hieß es, das Kondom würde Infektionen und auch 'ungewollte' Schwangerschaften verhindern", fügten sie hinzu.

"Das Ergebnis, die Verschlechterung der Familien und der Zwang der Regierungen, wurde von der Enzyklika Humanae Vitae (HV) vorhergesagt: zusätzlich zur Verschlechterung der Situation der Frauen, die durch diese Methoden 'befreit' werden sollten, und der Zunahme der gescheiterten Ehen, erleben wir jetzt einen 'demografischen Winter' und die Epidemien von sexuell übertragbarer Infektionen nehmen zu", beklagten sie.

In diesen Jahrzehnten, so die Experten, "haben wir gelernt und bestätigt, dass die natürliche Methode, die als 'symptothermale Methode' bekannt ist, fünfmal wirksamer ist als Kondome", eine Schwangerschaft zu verhindern.

Es ist auch bekannt, dass "einer der Wirkmechanismen der aktuellen Antibabypille die frühzeitige Eliminierung von Embryonen durch Verhinderung ihrer Einnistung ist", unterstrichen sie und wiesen darauf hin, dass "viele Frauen sie nicht verwenden wollen würden, wenn sie wüssten, dass die Vernichtung eines Embryos möglich ist".

Sie erinnerten zudem daran, dass laut der "bisher besten Studie über die Beziehung zwischen Pille und Brustkrebs", die im New England Journal of Medicine veröffentlicht wurde, "bekannt ist, dass orale hormonelle Verhütungsmittel das Risiko von Brustkrebs auf epidemische Weise erhöhen."

"Sie reduzieren einige Krebsarten, aber das ist nicht vergleichbar mit dem Risiko, Brust-, Leber- und Gebärmutterhalskrebs zu erzeugen", präzisierten sie.

Darüber hinaus "erhöhen orale Kontrazeptiva das Risiko für Myokardinfarkt und Schlaganfall um 60 Prozent". Der Konsum dieser Substanzen sei auch mit "einem erhöhten Risiko für Depressionen sowie für Suizide und Suizidversuche" verbunden.

Die Wissenschaft habe auch gezeigt, dass "die Anwendung von Ansätzen wie der Naprotechnologie ähnliche Ergebnisse erzielt wie künstliche Methoden der assistierten Reproduktion – ohne ihre bioethischen Nachteile und Nebenwirkungen", zu denen das Drama der "eingefrorenen Embryonen" gehört.

Für die Experten "hätten in den letzten 50 Jahren unzählige Todesfälle aufgrund der oben beschriebenen Ursachen vermieden werden können, wenn man nur die Lehren von Humanae Vitae befolgt hätte".

"Wenn wir heute die pastorale Anwendung von Humanae Vitae in Frage stellen, indem wir Probleme bei der Verwendung von natürlichen Methoden anführen, kann uns das zu einem der größten Skandale im Bereich der öffentlichen Gesundheit aller Zeiten führen, da dies die Gesundheit von Millionen von Frauen beeinträchtigen würde", warnten sie.

"Auf der anderen Seite wäre es ein beispielloser Sieg für die Pharmaindustrie, die versucht, die aktuellen medizinischen Beweise zur Antibabypille zum Schweigen zu bringen, um ihr Geschäft auf Kosten der Frauengesundheit weiter auszubauen", prangerten sie an.

Der Erfolg natürlicher Methoden

Die Experten versicherten, dass "moderne natürliche Methoden die eheliche Autonomie fördern; sie sind effektiv, ökologisch und gesund", und betonten, dass ihre Entwicklung im Laufe der Jahre "immer bessere Effizienz gezeigt hat, mit Hilfe von Anwendungen für Smartphones, die symptothermale Algorithmen beinhalten, durch individualisierten Unterricht und durch die Unterstützung von Zentren, die diese Methoden auf der ganzen Welt mit Erfolg und Professionalität fördern".

Nachdem sie daran erinnerten, dass diejenigen, die mit natürlichen Methoden im Gesundheitswesen und in der Familienbetreuung arbeiten, "die Enkelkinder der ersten Anwenderinnen der oralen Verhütungsmittel begleiten", mahnten die Experten, dass "die von der oben genannten Arbeitsgruppe vorgeschlagenen pastoralen Ansätze nicht neu sind. Sie wurden 60 Jahre lang an manchen Orten angewendet, wahrscheinlich weil sie nicht an Humanae Vitae geglaubt haben oder weil sie nicht wussten, wie sie den Ehepaaren auf andere Weise helfen könnten, oder weil sie vom Einfluss der Pharmaunternehmen auf die Medien und auf Beschäftigte im Gesundheitswesen mitgerissen wurden."

"Heute hören wir in unserer täglichen Praxis ganz unterschiedliche Stimmen. Junge Frauen – meist Ungläubige – sind traurig, ja sogar empört, weil ihnen nie gesagt wurde, dass sie ohne Verhütung leben könnten. Manchmal mussten sie sogar abtreiben, einfach weil sie diesen Verhütungsmitteln blind vertrauten", beklagten sie.

Nach der Entdeckung der natürlichen Methoden, versicherten sie, "fühlen sich die jungen Frauen wieder wohl als Frauen, sie fühlen sich zum ersten Mal wirklich emanzipiert, Besitzerinnen ihres Körpers und ihrer Sexualität".

Diese jungen Frauen, fuhren sie fort, "wollen keinen Pfarrer mehr, der davon ausgeht, dass das 'Ideal' nichts für sie ist, der Verhütung billigt, Abtreibungen minimiert und eine Scheidung für unvermeidlich hält. Die in diesen Jahren an vielen Orten angewandten pastoralen Ansätze haben für sie die Bedeutung verloren, weil sie deren physische und psychische Folgen erlitten haben. Sie wollen den Traum erfüllen, den die Kirche seit Jahrhunderten hegt."

"Statt weiter von den falschen Hoffnungen der 60er-Jahre abgeschleppt zu werden, die alt und gescheitert sind, kann die Kirche mit mehr Kraft die ganze Erfahrung jener aufnehmen, die in diesem Bereich arbeiten, um einen neuen pastoralen Plan zu erstellen und ein Zeichen der Hoffnung zu sein für die jungen Menschen, die nach Wahrheit hungern und die ihr Ehe-Projekt auf die bestmögliche Weise leben wollen", bekräftigten sie.

Das Gesetz der Gradualität auf die Familienplanung anzuwenden, hieße für die Experten, "die natürlichen Methoden denjenigen vorzuschlagen, die ihre Schwangerschaft verschieben wollen, und sie – wenn Schwierigkeiten auftreten – bei Problemlösungen zu begleiten, damit sie wie die anderen die frohe Botschaft leben können, die die Kirche verkündet."

"Die Gradualität des Gesetzes und diese 'neuen' Vorschläge wären gleichbedeutend damit, ihnen zu sagen: 'Dieses Ideal ist nichts für euch. Verwendet in eurer Situation Kondome oder andere Verhütungsmethoden.'"

Sie betonten auch die Notwendigkeit "eines wenn möglich größeren Einsatzes, bei dem Laien, Beschäftigte des Gesundheitswesens, Universitäten mit christlicher Inspiration, mehr tun, viel mehr tun, um die Aufmerksamkeit leichter auf diese Ehepaare zu richten und sie zu verbessern".

"Es ist an der Zeit, die gescheiterten Paradigmen der sexuellen Revolution aufzugeben", erklärten sie und unterstrichen, dass es ebenso an der Zeit ist, "dass die Kirche eine echte und erneuerte Pastoral entwickelt, die nachhaltig ist und einer ganzheitlichen Ökologie folgt, ausgerichtet auf freie und verantwortungsbewusste Männer und Frauen".

"Die Lehre der Kirche ist gesund und fördert die öffentliche Gesundheit", erklärten sie und hoben hervor, dass die natürlichen Methoden "den Dialog in der Ehe und die Achtung des anderen fördern und zudem die Bindung und die Ziele des Paares stärken."

"Wenn sie aus der Liebe kommen, vermehren sie die wahre Liebe; wenn sie aus der Freiheit kommen, vermehren sie die Freiheit. Es ist an der Zeit, denn unsere Erfahrung und die Wissenschaft bestätigen, dass es möglich ist", schlossen sie.

Den vollständigen (spanischen) Text des offenen Briefes "Eine Pastoral außerhalb der Erfahrung hört auf, pastoral zu sein" finden Sie hier.

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