Nigeria: Zwischen Neuanfang und Chaos

Oliver Dashe Doeme, Bischof von Maiduguri (Nigeria)
Foto: Kirche in Not

Der Bischof von Maiduguri im Nordosten Nigerias, Oliver Dashe Doeme, sieht sein Heimatland in einer zwiespältigen Situation: „Im Großen und Ganzen ist der Nordosten viel friedlicher geworden im Gegensatz zu den anderen Landesteilen. Nigeria befindet sich in einer Krise, wir erleben eine Menge böser Kräfte in unserem Land.“ Das stellte der Bischof bei einem Besuch in der internationalen Zentrale von „Kirche in Not“ in Königstein im Taunus fest.

Dabei waren bis vor kurzer Zeit im Nordosten des Landes islamistische Gewalt, Morde, Vertreibungen und Entführungen an der Tagesordnung. Doch mittlerweile laufe es nach den Worten von Bischof Doeme in der Region „viel besser“. Zur gleichen Zeit, als er 2009 sein Amt in Maiduguri antrat, verwandelte sich die kleine muslimische Sekte „Boko Haram“ in eine der brutalsten Terrorgruppen der Welt. Der Bischof sah sich dazu gezwungen, 25 seiner Pfarrgemeinden aus Sicherheitsgründen zu schließen. Ganze Gebiete waren in der Hand der Terroristen.

„Der Krieg wurde auf Knien gewonnen“

Doch allmählich begann sich das Blatt zu wenden, was Bischof Doeme auf göttliches Eingreifen zurückführt. Er hatte 2014 eine Vision: Jesus reichte ihm ein Schwert, das sich anschließend in einen Rosenkranz verwandelte. „Der Krieg wurde auf Knien gewonnen“, ist der Bischof überzeugt. Seit 2020 habe es in der Region Maiduguri kaum noch Angriffe von „Boko Haram“ gegeben; viele vertriebene Menschen seien in ihre Heimat zurückgekehrt. Doch nun versinke das übrige Nigeria in Chaos und Gewalt: „Die Krise mag im Nordosten abflauen, aber nicht in anderen Teilen des Nordens und sogar im Süden von Nigeria.“ Diese Gewalt richte sich oftmals gezielt gegen Christen, die in Nigeria rund die Hälfte der Bevölkerung ausmachen und im Süden sogar in der Mehrheit sind. Der Bischof verweist auf die zahlreichen Entführungen und Morde an Priestern. „Es gibt Fulani-Hirten [mehrheitlich muslimische Nomaden; d. Red.], die christliche Gemeinden angreifen; es gibt Banditen, die Gemeinden überfallen und Menschen entführen.“

„Wir hoffen auf einen neuen Präsidenten“

Die Menschen würden leiden und hungern. „Wir haben eine Situation in Nigeria, die wir bislang noch nie erlebt haben. Unser Land ist ein Scherbenhaufen“, sagte Bischof Doeme. Die Hauptschuld sieht er bei der Regierung und lässt keinen Zweifel daran, dass er auf eine baldige Veränderung hofft: „Im Moment ist Mohammadu Buhari Präsident, aber wir hoffen auf einen mitfühlenden neuen Präsidenten, dem das Volk am Herz liegt und der es einen kann.“

Vor wenigen Wochen waren in Nigerias Hauptstadt Abuja mehrere öffentliche Einrichtungen und militärische Ziele von islamistischen Milizen überfallen worden. Beobachter sehen dahinter geplante Anschläge, die darauf abzielen könnten, die bevorstehenden Präsidentschaftswahlen im Jahr 2023 wegen der politisch instabilen Situation zu vertagen.

In seiner Diözese Maiduguri setzt Bischof Oliver Dashe Doeme derweil alles daran, die seelischen Wunden zu heilen und weiteren Extremismus zu verhindern. Das wichtigste Instrument dazu sei Bildung: „Wir haben es uns zur Aufgabe gemacht, dass die Kinder von der Grundschule bis zur Universität eine gute Ausbildung erhalten. Das ist der Schlüssel zum Sieg über Boko Haram. Wenn die Menschen eine Perspektive haben, ziehen sie nicht in den Kampf.“

Trauma- und Versöhnungsarbeit

Auch die therapeutische Betreuung von Priestern, Ordensfrauen und Gläubigen, die durch die zurückliegenden Ereignisse traumatisiert sind, ist dem Bischof wichtig: „Die Menschen kehren gestärkt zurück.“ „Kirche in Not“ sei in vielen Bereichen ein wichtiger Partner. Seine Diözese benötige auch Hilfe, um Flüchtlinge beim Neuanfang zu unterstützen, denn stattliche Hilfe gebe es keine.

Eine weitere Herausforderung sei es, die ehemaligen Anhänger von Boko Haram wieder in die Gesellschaft zu integrieren und Versöhnung zu fördern. Dazu setzt Bischof Doeme ebenfalls auf die Kraft des Gebetes und der geistlichen Erneuerung: „Wir haben am 13. Mai unsere Diözese erneut dem Herzen Mariens geweiht. Die Menschen fühlen sich geistig aufgerichtet und ermutigt, und das macht sie bereit zu vergeben, wie Jesus am Kreuz, der seinen Henkern vergeben hat. Dadurch gewinnen auch die Menschen in Nigeria Mut zur Vergebung.“

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