Papst Franziskus warnt davor, "sich in einen 'Kreuzzugsgeist' einzuhüllen"

Papst Franziskus, Quebec, Kanada, 28. Juli 2022
Foto: Vatican Media
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Bei einer Vesper mit Bischöfen, Priestern, Diakonen, Personen des Geweihten Lebens, Seminaristen und Pastoralarbeitern am späten Donnerstagnachmittag in Quebec (Ortszeit) stellte Papst Franziskus die Frage in den Raum: "Wie steht es um unsere Freude? Bringt unsere Kirche die Freude des Evangeliums zum Ausdruck?"

Angesichts der Säkularisierung, so der Pontifex, gebe es häufig einen negativen Blick auf die Gesellschaft. Der Glaube fühle sich "angegriffen" und sehe sich als "Rüstung", um sich "gegen die Welt zu verteidigen. Er klagt die Realität bitter an und sagt: 'Die Welt ist böse, es herrscht die Sünde', und läuft damit Gefahr, sich in einen 'Kreuzzugsgeist' einzuhüllen."

Diese Mentalität verurteilte Franziskus als "nicht christlich". Sie sei "nicht der Weg Gottes, denn er – wie das Evangelium sagt – 'hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern ewiges Leben hat' (Joh 3,16). Der Herr, der die Weltlichkeit verabscheut, hat einen positiven Blick auf die Welt."

Statt eines negativen Blicks seien die Katholiken "aufgerufen, einen Blick wie Gott zu haben, der das Gute zu erkennen weiß und beharrlich danach sucht, es sieht und nährt. Das ist kein naiver Blick, sondern ein Blick, der die Wirklichkeit unterscheidet."

"Wenn wir einer negativen Sichtweise nachgeben und oberflächlich urteilen, laufen wir Gefahr, eine falsche Botschaft auszusenden, als ob hinter der Kritik an der Säkularisierung die Sehnsucht nach einer sakralisierten Welt stünde, nach einer Gesellschaft vergangener Zeiten, in der die Kirche und ihre Amtsträger mehr Macht und gesellschaftliche Bedeutung hatten", so der Papst. "Dies ist eine falsche Perspektive."

Krise der "Formen und Weisen" der Glaubensverkündigung

Mit Blick auf "die Veränderungen in der Gesellschaft" sagte Franziskus, man erkenne, "dass nicht der Glaube in der Krise ist, sondern gewisse Formen und Weisen, durch die wir ihn verkünden". Er sprach von "drei Herausforderungen" in der Verkündigung des Evangeliums.

Zum einen dürfe man sich "nicht anmaßen, die Freude des Glaubens zu vermitteln, indem wir denjenigen, die den Herrn noch nicht in ihr Leben aufgenommen haben, sekundäre Aspekte präsentieren, oder indem wir nur bestimmte Praktiken nur wiederholen oder pastorale Formen der Vergangenheit nachahmen", so der Pontifex. Es brauche "pastorale Kreativität, um auf die Menschen dort zuzugehen, wo sie leben, und Gelegenheiten zum Zuhören, zum Dialog und zur Begegnung zu schaffen".

Desweiteren brauche es das Zeugnis mehr noch als Worte: "Das Evangelium wird wirksam verkündet, wenn es das Leben ist, das spricht, wenn es die Freiheit offenbart, die andere befreit, das Mitgefühl, das keine Gegenleistung verlangt, die Barmherzigkeit, die ohne Worte von Christus spricht."

In diesem Zusammenhang bat der Papst die Opfer des Bösen, das "einige" Menschen in der Kirche begangen haben, "erneut um Vergebung". "Der Schmerz und die Beschämung, die wir empfinden, müssen zu einer Gelegenheit zur Umkehr werden: Nie wieder!", rief er aus.

Als dritte Herausforderung in der Verkündigung des Evangeliums sprach Franziskus über Geschwisterlichkeit. "Die Kirche wird umso mehr eine glaubwürdige Zeugin des Evangeliums sein, je mehr ihre Mitglieder die Gemeinschaft leben, indem sie Gelegenheiten und Räume schaffen, damit jeder, der sich dem Glauben nähert, eine gastfreundliche Gemeinschaft vorfindet, die zuzuhören und in einen Dialog einzutreten weiß, und die eine gute Qualität der Beziehungen fördert."

"Die Bischöfe untereinander und mit den Priestern, die Priester untereinander und mit dem Volk Gottes: Sind wir Geschwister oder Konkurrenten, die in Parteien gespalten sind?", fragte der Papst in diesem Kontext. "Und wie sind unsere Beziehungen zu denen, die nicht 'zu uns' gehören, zu denen, die nicht glauben, zu denen, die andere Traditionen und Bräuche haben?"

Abschluss der Papstreise am Freitag

Vor seiner Abreise zurück nach Rom am Freitagabend (Ortszeit) wird Papst Franziskus noch in Iqaluit Station machen, einer kleinen Stadt mit nicht einmal 8.000 Einwohnern im hohen Norden von Kanada. Selbst im Juli herrschen dort gewöhnlich niedrige Temperaturen im einstelligen Bereich.

Dort wird sich der Papst mit ehemaligen Schülern der sogenannten "Residential Schools" treffen. Die "Residential Schools" waren staatlich vorgeschriebene internatartige Bildungseinrichtungen für Indigene, um sie von elterlichem Einfluss fernzuhalten. Auch Missbrauch war ein häufiges Problem.

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