Der koptisch-orthodoxe Mönch Mattȃ Al-Maskȋn und das geistliche Leben

koptisch-orthodoxes Makarios-Kloster
Foto: Wikimedia Commons (CC BY-SA 1.0)
17 September, 2022 / 8:30 AM

Abuna (Pater) Mattȃ Al-Maskȋn wurde als Yussuf Iskander am 1. November 1919 in Banha, nördlich von Kairo, geboren. Der weltweit bekannte „lebende Heilige“ der koptisch-orthodoxen Kirche starb am 8. Juni 2006 in Abu Maqar.

Yussuf Iskander entstammte einer christlichen Familie. Er studierte Pharmazie in Kairo und wurde 1943 erfolgreicher Apotheker in Damanhur. Seine Begegnung mit dem äthiopischen Asketen Abd al-Masih al-Habashi entfachte in ihm die Sehnsucht nach dem Mönchtum. Im Alter von 29 Jahren trat er 1948 in das „Kloster Anba Samuel – Deir Anba Samuel“ in Mittelägypten ein und nahm den Mönchsnamen Matta (Matthäus) an. Zuvor verkaufte er seine Apotheke und gab seinen ganzen Besitz an die Armen weiter. Als junger koptisch-orthodoxer Mönch zog er sich immer wieder für eine längere Zeit als Eremit in die Einsamkeit der Wüste zurück, wo er in einer Höhle ein streng asketisches Leben führte.

1951 wechselte er in die Sketis-Wüste (Wadi al-Natrun) in das sogenannte „Syrer-Kloster – Deir al-Surian“. Hier wurde er am 19. März 1951 zum Priester geweiht und zum Hegumenos (Vorsteher, geistl. Vater) ordiniert. Später wurde er zum Patriarchalvikar in Alexandrien berufen, kehrte aber 1956 nach Deir al-Surian und 1959 nach Deir Anba Samuel zurück.

Immer wieder kamen junge Männer zu ihm mit der Bitte, Mönch zu werden und von ihm geführt zu werden. 1960 ging er mit elf akademisch gebildeten in die Einsamkeit des Wadi al-Rayan. Sie führten nach dem Vorbild der Wüstenmönche ein streng asketisches Leben.

Der Koptenpapst Kyrillos VI. entsandte 1969 Matta und seine Mitbrüder in das kirchengeschichtlich zwar bedeutende und nach Makarios dem Ägypters benannte, aber nur noch von wenigen Mönchen besiedelte „Deir Abu Maqar – Makarios-Kloster“. Hier widmete sich Matta, der sich jetzt „al-Maskȋn – der Arme“ nannte, dem Wiederaufbau der Klosteranlage und der Mönchsgemeinschaft.

In den folgenden Jahren traten bis zum Jahr 2006 130 Mönche ein, die allesamt eine akademische Herkunft aufzuweisen hatten. Sie führten ein Leben der Arbeit und des Gebetes. Ihre wirtschaftliche Grundlage war eine moderne Landwirtschaft sowie die Herausgabe und der Druck von geistlichen Schriften.

Der koptisch-orthodoxe Mönch Mattȃ Al-Maskȋn ist Autor zahlreicher Bücher, nicht nur zu geistlichen Themen, sondern auch zu biblischer Exegese, kirchlichen Riten und weiteren theologischen Themen. Als er im Jahr 1985 mit Koptenpapst Schenuda III. in Konflikt geriet, wurden seine Bücher aus den offiziellen Buchhandlungen der Kirche verbannt. Doch der „lebende Heilige“, wie er von vielen bezeichnet wurde, ist bis heute ein viel gelesener geistlicher Führer, von dessen Schriften auch einige in deutscher Sprache erschienen sind.

Die Erfahrung Gottes im Leben des Menschen“

„Das Geheimnis dieses Buches liegt in der Verwandlung der Worte über das Gebet in Gebet.“ Dieses im Jahr 2019 im „Beuroner Kunstverlag“ erschienene Buch zitiert das Vorwort des Verfassers seiner englischen Ausgabe des Jahres 2003. Mattȃ Al-Maskȋn betont, dass sein Buch nicht der Lektüre, sondern dem Gebet dienen soll und unmittelbar ins Beten führen will: „Wenn sich dein Herz an einem bestimmten Punkt entflammt, lege das Buch zur Seite, wirf dich zu Boden und bete. Vereine so das Gebet mit der Lesung.“

Als sich Yusuf Iskander vor seinem Eintritt ins Kloster von einem Freund verabschiedet, schenkt ihm dieser ein maschinengeschriebenes Manuskript von 122 Seiten. Yusuf nahm es zusammen mit der Heiligen Schrift mit in seine Einsamkeit und entdeckte bald den Reichtum dieser Aufzeichnungen. Sie bestanden vor allem aus Väterzitaten der orthodoxen Tradition Russlands und wurden für ihn als einziges „Erbe aus der Welt“ zur täglichen Nahrung und geistlichen Richtschnur. Mattȃ Al-Maskȋn beginnt ohne Unterlass zu lesen und zu beten. Er ergänzt die Notizen mit Texten von westlichen Vätern (z. B. Augustinus, Gregor der Großen) und stellt den Aufzeichnungen seine eigenen Erfahrungen zur Seite. Als die Materialsammlung angewachsen ist, wird sie erstmals 1952 veröffentlicht und später in viele Sprachen übersetzt.

„Die Erfahrung Gottes im Leben des Menschen“ liest sich nicht wie andere Bücher über das Gebet. Vielmehr führt es immer tiefer ins Gebet hinein. Der Mönch redet die Sprache eines mit Bestimmtheit und in klaren Worten sprechenden strengen geistlichen Lehrers: „Glaube aber nicht, dass es genügt, sich von den Menschen zu entfernen, um in die Einsamkeit zu gelangen, noch sich in sein Zimmer zurückzuziehen, um in der Stille zu sein. Nein, die Einsamkeit entsteht zuerst im Herzen, und das Schweigen beginnt im Intellekt und nicht im Mund.“

Der Leser muss bereit sein sich zu öffnen um zu verstehen. Mattȃ Al-Maskȋns Gedanken muss man aufmerksam betrachten. Mehr noch, der Autor mach deutlich, dass es um harte Arbeit geht, um Mühsal, die sogar an hartes körperliches Arbeiten herankomme.

Der erfahrene Wüstenmönch betont, dass es unmöglich ist, zu einem authentischen Erfolg in der Kontemplation oder im geistlichen Leben zu kommen, ohne die erforderlichen „Anstrengungen in der Erlernung der Askese und der Tugenden“. Der eigene Geist müsse zerschlagen werden, doch lasse sich das nicht an „einem Tag erwerben und nicht aus Büchern lernen“. Vielmehr bedürfe es eines Lebens der „tiefinneren Beziehung zu Gott“.

Die Neuschöpfung des Menschen“

Dieses Buch entstand etwa zehn Jahre bevor Mattȃ Al-Maskȋn starb. Die deutsche Übersetzung entstand noch zu Lebzeiten des Autors, wurde nochmals überarbeitet und veröffentlicht. Vor einem Jahr konnte die zweite Auflage in der „Edition Hagia Sophia“ erscheinen.

„Die Neuschöpfung des Menschen“ ist eine christliche Anthropologie. Sie beruht auf dem, was der Schöpfungsbericht sagt, und dem, was die Schriften der Apostel Paulus und Johannes zur Schöpfung, aber auch zur Neuschöpfung des Menschen sagen.

Die Übersetzerin Magdalena Meyer-Dettum weist in ihrem Vorwort darauf hin, dass das „Motiv dieser Arbeit am Ende seines Lebens“ ein „sorgenvolles Bedauern“ war, „wie wenig in der heutigen Christenheit das Bewusstsein ausgebildet ist, durch den Empfang der christlichen Taufe mit den notwendigen Fähigkeiten für ein ‚Neues Menschsein‘ in der Ähnlichkeit Christi ausgerüstet zu sein“. Mattâ al-Maskîn erkannte die Notwendigkeit, „diesem fundamentalen Mangel – um der Verantwortung der Kirchen gegenüber der von Gott geliebten Welt willen – entgegenzutreten“.

So handle es sich hier um einen „leidenschaftlichen an die Christen der heutigen Kirchen gerichteten Aufruf“, auf die „in der Taufe empfangenen Gnaden Gottes mit aktiver hingabebereiter Liebe zu antworten und im Vertrauen auf die Hilfe des Heiligen Geistes – die ständig neu erfleht werden darf und muss – als einzelner Gläubiger und als Kirche auf den steilen Wegen Jesu Christi mutig voranzugehen.“

Mattȃ Al-Maskȋn entfaltet zunächst das Handeln Gottes an den Menschen, dargestellt in der Schöpfung (Genesis) und im Leben, Leiden und der Auferstehung seines Sohnes. Jesu handeln erweist sich in seiner Liebe bis ans Kreuz und durch seine geschenkte Gnade. Das Buch macht deutlich, wie sehr sie ihre Konkretisierung erfährt durch die Taufe und die Eucharistie.

Der Autor charakterisiert den neuen Menschen in seiner Beziehung zu Jesus Christus, der wahren Neuschöpfung. Er bedauert hier zutiefst, dass die Christen diese nicht in der vollen Bedeutung für ihr Leben erkennen. Mit dem Buch will er helfen und Abhilfe schaffen, damit die Menschen zu einem tiefen Glauben gelangen.

Zweifellos ist es eine Stärke von Mattȃ Al-Maskȋn, verschiedene Aussagen der Bibel so aufeinander zu beziehen, dass sie nachvollziehbar, schlüssig und verstehbar sind: das christliche Menschenbild wird klar und deutlich dargestellt. Doch er mahnt: „Es ist bedauerlich, dass zahlreiche Gläubige sich damit begnügen, zu verstehen und zu wissen, und sich einzubilden, das sei Glaube. Es ist aber eine Sache, den Glauben zu verstehen, und eine andere, ihn wirksam zu empfangen und in Wirklichkeit darin zu leben.“

Geistliche Hilfen auf dem Weg zu Christus“

In einer ausführlichen Einleitung erschließt die Übersetzerin Magdalena Meyer-Dettum die nachstehenden Lehrtexte und Predigten von Mattȃ Al-Maskȋn. Sie entstanden für die Mönche seines Klosters. Es handelt sich um eine Sammlung von Texten, in denen er die Erfahrungen, Einsichten, und das Wissen der Wüsten- und der Kirchenväter weitergab. Die deutsche Übersetzung aus dem Arabischen liegt nun erstmals vor und ist in der „Edition Hagia Sophia“ in diesem Sommer erschienen.

In fünf großen Kapiteln werden Themen angesprochen, die in der katholischen Welt im Deutschland des Jahres 2022 lediglich ein peripheres Dasein fristen. Erörtert werden die Themen: „Wie die Bibel zu lesen ist“, „Hinweise für das Gebet“, „Der Heilige Geist in Konfrontation mit dem Feind in Hinblick auf das Reich Gottes“, „Der tiefere Sinn des Fastens“ und „Die Umkehr“.

Mattȃ Al-Maskȋn betont, dass die rechte Lesung der Heiligen Schrift die unverzichtbare Grundlage, ja die Krönung des geistlichen Wachstums ist. Deren Ziel ist schon auf Erden die „Liebesvereinigung der gläubigen Person mit Gott“.

Der Autor und Lehrer für das geistliche Leben wendet sich sodann dem Gebet zu. Er bietet eine hilfreiche und ermutigende Einstimmung in dieses Thema und erläutert die Notwendigkeit der persönlichen Disposition. Es ist gut, „Christus während des Gebets in der Haltung eines Sünders zu begegnen“. Auch soll der Gläubige „seine Beziehung zu Gott nicht auf die Gefühle oder die Empfindungen gründen“, er solle „das Sinnliche vielmehr mit dem Glauben übersteigern.“

In Kapitel 3 geht es um die Konfrontation mit dem Feind im Hinblick auf das Reich Gottes: Christus „lässt nicht zu, dass wir uns mit unseren eigenen Mitteln auf den Weg des Kampfes begeben.“ Es ist notwendig, den Fürsten dieser Welt abzuschwören: „Habt Mut, ich habe die Welt überwunden! (Joh 16,33)“

Die „geistlichen Werkzeuge“ dazu folgen in den beiden nächsten Kapiteln. Zunächst das Fasten: Dadurch wird „die Bindung zwischen unseren Instinkten und Satan gekappt“. „Diese Werke – Fasten, Nachtwachen, Gebet, Dienst, Opfer – können aber auch eine verborgene Liebe ausdrücken und sich an die Aufgaben des täglichen Lebens anfügen, der Arbeit, die es ermöglicht, das tägliche Brot zu verdienen oder auch die Kinder aufzuziehen.“

Im letzten Kapitel „Die Umkehr“ wird das Gleichnis vom „verlorenen Schaf“ präsentiert. Nur durch eine wirkliche Umkehr werden wir gerettet. Nicht der Mensch kann den Menschen retten. „Es steht dem Gottlosen nicht an, den Gottlosen zu rechtfertigen, er könnte es nicht.“ Mattȃ Al-Maskȋn erinnert seine Mönche und einen jeden von uns: Die „Sünde zersetzt den Willen, entkleidet uns unserer Persönlichkeit, sie lässt die Seele ihre Integrität verlieren. Der Mensch wird unfähig, gegen die Tyrannei der Begierde und die Anziehung der Sünde zu widerstehen.“

Hinweis: Meinungsbeiträge wie dieser spiegeln allein die Ansichten der jeweiligen Gast-Autoren wider, nicht die der Redaktion von CNA Deutsch.

Mattȃ Al-Maskȋn: Die Erfahrung Gottes im Leben des Menschen; Beuroner Kunstverlag 2019; 370 Seiten; 27,90 Euro; ISBN: ‎978-3870713713

Mattȃ Al-Maskȋn: Die Neuschöpfung des Menschen; Edition Hagia Sophia 2021; 188 Seiten; 19,90 Euro; ISBN: ‎978-3963210952

Mattȃ Al-Maskȋn: Geistliche Hilfen auf dem Weg zu Christus; Edition Hagia Sophia 2022; 164 Seiten; 17,90 Euro; ISBN:‎ 978-3963211249

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