Der unbekannte Kartäusermönch, der eines der wichtigsten Werke über Innerlichkeit schrieb

Kartäuser der Kartause von Portes beim sonntäglichen Spaziergang.
Foto: Wikimedia / will_cyclist (CC BY 2.0)
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24 March, 2018 / 2:30 PM

Durch den Salesianerpater Joseph Tissot ist im Jahre 1894 in Paris das Buch "La vie intérieure simplifiée et ramenée à son fondement" veröffentlicht worden. Es blieb zunächst noch wenig bekannt, sollte aber bald eines der wichtigsten und meistgelesen Werke der Frömmigkeit werden. Joseph Tissot (1840 – 1894) war als geistlicher Schriftsteller und Ordensoberer im Salesianerorden bekannt. Eines Tages bekam er ein Manuskript zugespielt; er könne damit machen, was er wolle, es also ruhigen Gewissens in den Papierkorb werfen oder auch veröffentlichen. Er veröffentlichte es und in seinem Todesjahr 1894 erschien die erste Auflage in Frankreich. Ihr sollten viele weitere Auflagen folgen.

Die erste deutsche Übersetzung mit dem Titel "Das innerliche Leben. Über die Notwendigkeit, es zu vereinfachen und wieder auf seine Grundlage zurück zu führen" erschien 1904 im Regensburger Manz-Verlag. Bis hinein in die 60er-Jahre des 20. Jahrhunderts wurde das Buch mehrfach neu aufgelegt. Seit den 60er-Jahren war es verpönt. Der Verlag Fassbaender hat vor 15 Jahren in Wien das 235-seitige Buch neu herausgegeben. Es trägt weiterhin zu recht wieder den alten Titel.

Wahrer Autor dieses Buches, das auch in seiner Neuausgabe vom Jahr 2003 unter "P. Josef Tissot" tituliert, ist in Wahrheit ein Kartäusermönch. Es handelt sich um Pater François de Sales Pollien. Wer ist dieser Kartäusermönch, der, wie alle Mitglieder des Kartäuserordens, niemals zu ihren Lebzeiten ein Buch unter ihrem Namen veröffentlichen?

Joseph Pollien wurde am 1. August 1853 in einem Dorf bei Annecy in Hochsavoyen, geboren. Eine katholische Erziehung und Schulbildung lässt in ihm bereits früh eine priesterliche Berufung reifen. Er studiert Theologie und wird 1877 zum Priester geweiht. Sieben Jahre wirkte er als Seelsorger in diözesanen Einrichtungen, vor allem in der Jugendarbeit.

Im Alter von 31 Jahren tritt Joseph Pollien als Postulant in der Grande Chartreuse (Große Kartause, bei Grenoble) ein, wo unter dem Ordensnamen Franz von Sales eingekleidet wird. Nach der Ablegung der Profess beginnt eine rege Tätigkeit in verschiedenen Häusern des Ordens. Zunächst schicken ihn die Oberen in die Kartause von Bosserville (Nancy). Hier bekleidete er klösterliche Ämter u. a. als Beichtvater der Brüder. Die gleichen Funktionen werden ihm in Sélignac (Ain bei Lyon) und in Montreuil-sur-Mer (Nordfrankreich) anvertraut.

Im Jahre 1901 wird François de Sales Prior der Kartause Mougères (Languedoc, Südfrankreich). Da dieses Kloster wegen der Antikirchlichen Gesetze in Frankreich geschlossen werden soll, geht er mit seiner Klostergemeinschaft ins Exil nach Belgien, bis auch dieses Haus im Jahre 1902 geschlossen wird. Die Mönche kommen in die italienische Kartause Farneta (Provinz Lucca), die bis heute besteht. François de Sales bleibt hier bis er 1911 in die slowenische Kartause Pleterje versetzt wird. Slowenien war damals Teil der österreichisch-ungarischen Monarchie. Auch in Pleterje war er Prior. In dieser Kartause wurden zu jener Zeit viele Emigranten aus französischen Klöstern aufgenommen, u. a. aus der Benediktinerabtei Solesmes. Im Jahre 1914 wird er in die kalabrische Kartause Serra San Bruno versetzt, wo er bis zu seinem Tod am 12. Februar 1936 die längste Zeit seines klösterlichen Lebens verbringt.

Zwar werden viele unveröffentlichte Manuskripte von François de Sales Pollien in den Archiven der Großen Kartause aufbewahrt, doch gibt es nur dieses eine Buch. Theologisch ist es der "aszetischen Disziplin" der katholischen Religion zuzuordnen. Dieser Terminus wird heutzutage und seit dem 2. Vatikanischen Konzil nicht mehr verwendet, beschreibt aber die Lehre von der Frömmigkeit.

"Das innerliche Leben. Über die Notwendigkeit, es zu vereinfachen und wieder auf seine Grundlage zurück zu führen" gibt grundlegende Erläuterungen für ein gottwohlgefälliges Leben, damit die Seele zum ewigen Heil gelangen kann. Der Kartäuser schöpft dabei aus seiner reichen Erfahrung als Seelenhirte junger Menschen, wie bei seinen Mönchen. Er wusste, dass das geistliche Leben ein inneres Lebens sein muss. Und dieses müsse vereinfacht werden, damit es von möglichst vielen Christen gelebt werden könne.

Das Manuskript des Buches, das einst der Salesianer Joseph Tissot bekam, wurde von diesem gründlich studiert. Als treuer Priester und Ordensmann, wie als Schriftsteller geistlicher Texte, hatte er Erfahrung und erkannte, wie wertvoll das Schriftstück von François de Sales Pollien war.

Im zweiten Teil geht es um das Buch und die Grundlagen für das Gebet. Hier klicken, um diesen zu lesen.