Die Kapuziner, Teil VI: Auf den Hügeln von Pescara

Leben und Tod des Vincenzo d'Elpidio

Fra Vincenzo als Novize 1952 in Sulmna.
Foto: Antonio Bini / Mit freundlicher Genehmigung
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31 December, 2020 / 6:12 AM

Bis vor Kurzem konnte man an der italienischen Adria eine Reise in Vergangenheit unternehmen, denn im dortigen Kapuzinerkonvent lebte einer der letzten geistigen Söhne Pater Pios, Fra Vincenzo D’Elpidio. Kurz vor Weihnachten ist er im Alter von 88 Jahren gestorben. Ein Erlebnisbericht!

Es dämmerte schon nach einem jener leuchtenden, aber schon nicht mehr so hitzigen Spätsommertage in den Abruzzen, deren erste Ausläufer in Pescara Colli wir nun erklommen. Am Strand von Pescara, wo wir den Nachmittag verbracht hatten, wehte eine leichte, fast herbstliche Brise. Es war ein friedlicher Tag, an dem die Pandemie Italien verlassen zu haben schien. Man konnte meinen, es sei alles schon wieder "früher", wie vor jenem Februar 2020 als die Bilder aus Bergamo halb Europa erschreckten. Die Italiener genossen in diesem fast touristenfreien Sommer die letzten unbeschwerten Tage, bevor eine zweite Welle, woher auch immer kommend, auch diesen Strand leerspülen sollte.

Wir waren auf Einladung von Antonio Bini nach Pescara gekommen, der mit seiner Frau Francesca in einem großen Haus nahe beim Strand mit einer riesigen Bibliothek lebt und der selbst eine wandelnde Bibliothek ist. Der Historiker ist die Autorität, wenn es um die Lokalgeschichte der Abruzzen geht – und insbesondere für Manoppello und das dort aufbewahrte Volto Santo. Da verwundert es wenig, dass er Pressesprecher des Santuariums vom Heiligen Antlitz ist und rechte Hand des Rektors Carmine Cuccinelli, der in diesen Tagen seine Versetzung nach Giulianova erhalten hat – mit neuen Aufgaben in einem großen Marienheiligtum, der "Madonna delle Splendore", von denen es so viele in dieser Gegend gibt. Die Abruzzen sind ein Heiliges Land, das gerne von der Gottesmutter aufgesucht wird.

Große Aufregung allenthalben: Denn ein Großteil der Mönche in Manoppello wird ausgetauscht – in einem großen Rondo durch die neu geschaffene Provinz "Abruzzo, Lazio e Umbria". Man fragt sich: "Wer sind die Neuen, wohin werden die Alten versetzt, wie geht es weiter?" In dieser Unruhe, die jedem Ende und jedem Anfang innewohnt, hat Dottore Bini den Avvocato René Udwari und mich, als Freunde des Volto Santo, nach Pescara eingeladen – zu einem guten Mittagessen, einen Strandbesuch und einer "conversazione" im Hof seines Hauses. Ganz unvermittelt greift er zum Mobiltelefon, wählt eine Nummer und vereinbart "tra pochi minuti" einen Besuch bei Fra Vincenzo. Es ist fast dunkel, als wir an jenem 10. September 2020 vor dem Konvent ankommen und gerade noch einen Parkplatz finden. In der Wallfahrtskirche der "Madonna von den Sieben Schmerzen" gegenüber geht gerade eine Messe zu Ende. Zwischendurch schlängelt sich der Feierabendverkehr an diesem Donnerstagabend.

Umso verlassener schien der Konvent zu sein, der auch als Altersheim für die Kapuziner der Provinz dient. All unser Klingeln und Klopfen verhallt bis ein alter Kapuziner mit einem riesigen weißen Bart seinen Kopf durch die Türe steckt und uns mit dem franziskanischen Gruß "Pace e bene" –" Frieden und Gutes" – begrüßt. Die Kapuziner sind Kinder des Heiligen Franziskus. Das Gesicht des alten Mannes strahlt, als er Antonio sieht, der ihn selbst als Teil seiner Familie betrachtet, als Seelenführer und Schutzgeist seiner Lieben. Er geht gebückt, aber man sieht immer noch wie er in seinen besten Jahren gewirkt haben muss – ein kräftiger Abruzzen-Bauer, der für Gott alles stehen und liegen ließ! Seit er einen Schlaganfall hatte, leuchtet nur noch linke Auge. Auch uns begrüßt er mit einer Umarmung – Corona hin, Corona her – und führt ins seine Zelle, die die erste auf der linken Seite eines langen Ganges ist.

Der kleine Raum wird rechts von einem großen Bett mit Bettgalgen dominiert wird. Denn dem alten Mann fallen die Bewegungen nach einem langen 88jährigen Leben schwer, auch wenn er sich noch ohne Gehhilfe fortbewegt. Die andere Hälfte des Raumes ist vollgestopft mit den Früchten eines langen Kapuzinerlebens. Auf dem Schreibtisch neben der Tür stapeln sich Briefe, Bücher und allerlei andere Dokumente, an den Wänden hängen Postkarten und Bilder der dankbaren Gläubigen, die Fra Vincenzo unter seine großen Fittische genommen hat.

Ich hatte ihn schon zwei Jahre zuvor zum ersten Mal gesehen, 2018, anlässlich der Vorstellung eines Fotobandes über Pater Domenico da Cese in Manoppello, in seiner braunen Franziskanerkutte mit der spitzen Kapuze. Und es war fast nicht an ihn heranzukommen, weil die Menschen ihn umringten. Und es geschah tatsächlich, was mein Freund Paul Badde mir erzählt hatte. Fra Vincenzo nahm die Menschen in den Arm mit einem breiten Lächeln und zusammengekniffenen freundlichen Augen hinter einer dicken Brille. Ohne viel dabei zu sprechen, die Geste zählte, die Tröstung. Ja, das war ein Tröster. Die Menschen umdrängten ihn. Ich konnte ihn wenigstens kurz begrüßen.

Jetzt lerne ich ihn wirklich kennen. Wie er so vor mir steht, begreife ich, dass wir hier einen Kapuziner vom alten Schlag vor uns haben, einen Kapuziner wie er heute eigentlich nur noch von Gemälden, Stichen und Fotografien auf uns herabblickt. Er fordert uns auf Platz zu nehmen. Mir bietet er einen großen Lehnstuhl an. Ich nehme aber auf dem Hocker daneben Platz, aus Respekt, denn dieser Stuhl scheint einzig und allein sein Ruheplatz zu sein.

Mit dem Dialekt der Abruzzen fragt er uns woher wir kommen und was uns nach Pescara zu ihm geführt hat. Als wir ihm erzählen, dass wir regelmäßig in Manoppello sind und unter anderem bei der Vorbereitung des Seligsprechungsverfahrens für Pater Domenico mitgeholfen haben, strahlt er über das ganze Gesicht. Denn das ist so etwas wie sein Lebenswerk, neben den anderen Werken, die er vollbracht hat. Doch der Reihe nach:

Fra Vincenzo heißt eigentlich Vincenzo Sabatino D’Elpidio und stammt aus Guardia Vomano, einen kleinen Abruzzendorf in der Provinz Teramo, wo er am 16. Februar 1932 geboren wurde. Mit zwanzig Jahren hörte er den Kapuzinerprediger, Pater Pio Palandrani da Mosciano Sant’Angelo. Damals gab es noch die sogenannte Volksmission, für die Kapuzinerpater durch das ganze Land zogen – unter anderem um Berufungen für den Orden zu erwecken. Und bei dem zwanzigjährigen Vincenzo war er erfolgreich. 1953 trat er in den Kapuzinerorden ein.

Während des Gesprächs deutet Antonio Bini auf ein Schwarz-Weiß-Foto, das zwischen den vielen Postkarten an der Wand hängt. Es zeigt den jungen Vincenzo kurz bevor er zum Kapuziner wurde: Ein gutaussehender, junger Italiener, mit leuchtenden Augen, wie aus einem Film von Federico Fellini oder Roberto Rosselini, der gleich zusammen mit seiner Freundin auf einer Vespa davon fahren könnte. Es wird Fra Vincenzos Geheimnis bleiben, an welcher Stelle ihn dieser Prediger Pater Pio zu fassen bekam. Womöglich war es der Ruf eines anderen Pater Pio, desjenigen auf dem Gargano in San Giovanni Rotondo, der ihn ergriff und nicht mehr losließ.

"Pater Pio war es, der mich aufforderte in Pescara zu bleiben", erzählt er uns. "Ich war zu ihm gegangen, denn in Pescara war die "questua" meine Aufgabe, das Almosensammeln. Ich war unter den Menschen, besuchte sie zu Hause, sprach mit ihnen, fühlte aber in mir den Wunsch nach Kontemplation, nach Zurückgezogenheit. Ich war unsicher und er gab mir diesen Rat, den ich immer befolgt habe." Sechzig Jahre lebte Fra Vincenzo in Pescara, wo er zu Fuß und mit der Pferdekutsche und später sogar mit dem berühmten dreirädrigen "Piaggio Bee" unterwegs war, um Spenden für die Unterstützung des Kapuzinerinternats und des Konvents in Pescara sammeln. Nebenher war er Schäfer, Koch, Sakristan und Sänger im Kirchenchor.

Durch seine Aufgaben kam er den Menschen und ihren Nöten ganz nahe, so wie er in seinem geistigen Testament schrieb: "Ich habe mit Euch gebetet und Euch ermuntert, mit Glauben und Hoffnung auf die Schwierigkeiten zu schauen, die überwunden werden mussten und auf die Entscheidungen, die zu treffen waren. Dabei habe ich Euch meine spirituelle Unterstützung und meinen Trost zukommen lassen. Mein Platz war immer bei den Menschen, in der Kirche, im Kloster, auf den Straßen und in den Häusern. Besonders unter den leidenden und bedürftigen Menschen." Pater Pios Rat trug reiche Frucht und aus einem einfachen Bruder wurde ein "Frate cercatore", den ganz Pescara kannte.

Die Priesterweihe blieb dem jungen Vincenzo verschlossen, der nur die Grundschule besucht hatte. 1954 begann sein Noviziat in Penne, 1960 wurde er dann nach Pescara versetzt. Damals konnte er noch auf den Wiesen vor dem Konvent die Schafe hüten, heute ist "Pescara Colli", zu einem lebhaften und zugebauten Stadtteil geworden.

Während sich mit der Zeit alles veränderte, blieb Fra Vincenzo die einzige Konstante auf den Hügeln von Pescara, ebenso wie Pater Pio der feste Bezugspunkt in seinem Leben blieb – auch und gerade dann, wenn dieser wieder einmal mit Sanktionen zu kämpfen hatte. Anfang der Sechziger Jahre, war es wieder soweit: "Unsere Oberen hatten uns geraten, ihn nicht zu besuchen. Aber wir jungen Kapuziner… wir wollten ihn unbedingt sehen. Was taten wir also? Wir meldeten uns zu einer Wallfahrt zum Erzengel Michael nach "Monte San‘Angelo" an, das nur wenige Kilometer von San Giovanno Rotondo entfernt liegt. Nachts sind wir dann über den Gargano gezogen, um frühmorgens bei Pater Pio zu sein und mit ihm zu beten. So haben wir es gemacht!" Dabei lacht Fra Vincenzo und springt auf seinem Stuhl vor dem Schreibtisch auf und nieder.

Irgendwann in den sechziger Jahren lernte er P. Domenico da Cese aus Manoppello kennen, der sich ganz dem Volto Santo widmete, das er als verschwundene römische Veronika und Schweißtuch aus dem Grab Christi wieder entdeckt hatte. Die beiden wurden Freunde und – wie Fra Vincenzo freimütig zugibt – Domenico sein großer Lehrmeister. 1978 kam P. Domenico bei einem Autounfall ums Leben, als er die Ausstellung des Turiner Grabtuchs besuchen wollte. Kurz nach dessen Tod geschah etwas Seltsames: "Pater Domenico kam im Traum zu mir und bat mich, nach Manoppello zu gehen und den vielen Gläubigen zu helfen, die ihm noch geschrieben hatten. Und in der Tat, als ich dort ankam, fand ich zwei Kisten mit zahlreichen ungeöffneten Briefen an den Verstorbenen mit Geldspenden für Messen. Ich übergab das Geld den Oberen in Manoppello, ließ einige Messen für die Anliegen der Gläubigen feiern und bat um Erlaubnis, die Briefe zu lesen, in denen von außergewöhnlichen Ereignissen oder einfachen Bitten um Hilfe berichtet wurde." Er erhielt die Erlaubnis und zusammen mit dem Schriftsteller Bruno Sammaciccia erstellte er nach weiteren Recherchen die erste Dokumentation über das Leben und Wirken P. Domenicos, die Grundlage für die Eröffnung von dessen Seligsprechungsverfahren wurde.

Diese Seligsprechung wurde zusammen mit der Seelsorge als "Frate Cercatore" zur großen Lebensaufgabe Fra Vincenzos. Immer hat er dabei gegen große Widerstände kämpfen müssen, denn Neid und Missgunst gibt es auch unter Mönchen. Antonio Bini und mein Freund Paul Badde, der ihn gut kannte, berichteten mir später, wie er sie immer wieder bekniete, noch mehr für die Bekanntheit seines Freundes und Lehrers zu tun. Dafür setzte auch schon einmal eine Kanne besten Olivenöls ein… in den Abruzzen immer noch ein wertvolles Geschenk. Als 2013 der Seligsprechungsprozess eröffnet und P. Domenico 2015 zum "Diener Gottes" erhoben wurde, war er selbst selig.

Es scheint aber, dass nach 1978 noch etwas anderes mit Fra Vincenzo vorgegangen war. Es war wie eine Übertragung der Spiritualität P. Domenicos auf ihn, die aber auch von außen, von den Gläubigen, an ihn herangetragen wurde: "Ihm fühlte ich mich in den Jahren nach seinem Tod so nahe, dass einige Menschen, die seine geistigen Kinder waren, meinten, in mir etwas von seiner Persönlichkeit zu erblicken, und zwar auch in meinem Aussehen."

Fra Vincenzo, der selbst kein Priester war, hat diesen Auftrag anfangs abgelehnt, denn "ich bin nur ein armer Mönch, der nicht würdig ist, mit einem Diener Gottes verglichen zu werden." In Italien aber, wo die Bischöfe lange noch auf die einfachen und frommen Gläubigen hörten, fand man für das Problem der fehlenden Weihe eine Lösung. Sicher, ein einfacher Kapuzinerbruder konnte keine Messe zelebrieren und keine Sakramente spenden, aber er konnte den Menschen zuhören, mit ihnen beten und einen Rat geben. So kam es, dass der Bischof von Pescara, Antonio Iannucci (1959-1990), Fra Vincenzo 1979 die besondere Erlaubnis erteilte, Gläubige zu empfangen und zu segnen.

Antonio Bini erzählt uns was nun geschah: "Samstags und sonntags stellten sich die Gläubigen in der Wallfahrtskirche gegenüber an, um mit ihm zu sprechen. In vielen Fällen umarmte er sie, umarmte sie lange Zeit betend und legte sogar seine Hände auf ihren Kopf. Manchmal habe ich gesehen, wie er ganze Familien umarmte. Viele fühlten etwas Geheimnisvolles. Man hatte den Eindruck, dass sie positive Energie, aber auch liebevolle Aufmerksamkeit zu erhalten, ohne Angst und Sorge zu haben. Das alles geschah öffentlich und ohne dass er etwas forderte, als die Verpflichtung, dass seine Besucher ein christliches Leben zu führten." In seiner Zelle richtete man sogar eine separate Telefonleitung ein, die ihm für seine Seelsorge zur Verfügung stand. Er war kein "Leutpriester", aber ein "Leutbruder", nach dem Vorbild der großen einfachen Brüder, von denen es bei den Kapuzinern so viele gibt.

Als wir uns zum Abschied erheben, greift Fra Vincenzo nach einem Aspergill, einem Weihwassersprenger, um uns spontan zu segnen. Und was für ein Segen: Mit kraftvoller Stimme vorgetragen und mit dem einfachen Hinweis versehen, das er uns schützt und Gutes in uns bewirkt, wenn wir ihn mit gläubigen Herzen entgegen nehmen. Das alles tat er ohne Aufforderung, was selten vorkam, wie uns Antonio später eröffnet. Dann umarmt er uns und begleitet uns zur Tür. Als ich zurückschaue, sehe ich, wie er uns um die Ecke noch einmal zublinzelt: "Pace e bene!"

Auf dem Rückweg erzählt uns Antonio, dass sein väterlicher Freund, sein "Familienmitglied", den eigenen Tod vorausahne. Deswegen habe er mit seiner Hilfe ein geistiges Testament verfasst, dass nach seinem Tod veröffentlicht werden solle. Lange könne das nicht mehr dauern.

Anfang Dezember dann, als wir schon alle wieder im Lockdown waren, schrieb mir Antonio besorgt, dass Fra Vincenzo krank sei. Die Telefonleitung zu seiner Zelle sei zusammengebrochen, da so viele Menschen anriefen. Man habe sie daraufhin einfach stillgelegt. Kaum hatte ich ihm geantwortet, schrieb er "Fra Vincenzo é morto, Fra Vincenzo ist tot." Es war der 15. Dezember 2020. Beim Requiem, das zwei Tage später im Freien, vor dem Konvent stattfand, versammelten sich trotz der strengen Pandemie-Bestimmungen so viele Freunde Vincenzos, dass Ordner eingesetzt werden mussten. Darunter, wie Antonio bemerkte, waren vielleicht auch Menschen, die Fra Vincenzo ihr Leben verdankten. Mehr als einmal hatte er eine abtreibungswillige Schwangere davon überzeugt, ihr Kind zur Welt zu bringen und zu lieben.

Am Ende der Trauerfeier wurde sein Testament verlesen. Dann begann ein lauter, lange anhaltender Applaus. Viele Trauernde hatten Tränen in den Augen: Beifall für Fra Vincenzo, Beifall aber auch für jenen Orden, den er mit Leib und Seele verkörpert hatte. Denn segensreich, ohne Priester zu sein, das war er nach dem Vorbild so vieler einfacher Brüder seines Ordens. Schon der erste Heilige, Felix von Cantalice, war ein Almosenbruder, ebenso wie Francesco Maria da Camporosso oder Konrad von Parzham der in Altötting jahrzehntelang als "Bruder Pförtner" diente. Es gibt wohl keinen zweiten Orden, in dem die einfachen, ungebildeten Brüder, eine solche Bedeutung erlangen konnten. Zugleich reichte Fra Vincenzo an die Spiritualität eines Pater Pio oder eines Pater Domenico heran. Das alles jedoch gehört bei den Kapuzinern eng zusammen, die Grenzen zwischen Gläubigen, einfachen Brüdern und geweihten Priestern bilden keine Hierarchie ab, sondern sind nur Ausprägungen eines einzigen besonderen Charismas.

Fra Vincenzo gehörte zur letzten, reichen Ernte seines Ordens, was die Berufungen angeht. Dann kam nach dem 2. Vatikanischen Konzil statt des erwarteten Aufbruchs der Abbruch. In Deutschland schlossen viele Konvente. So auch das in Aschaffenburg, an das die frühverwaiste Mutter unseres Avvocatos Udwari die besten Erinnerungen hat, wie er uns nach dem Besuch bei Frau Vincenzo erzählte. Und auch in Italien werden die Provinzen zusammengelegt.

Beklommen erinnere ich mich deswegen an den Moment, als die Tür zum Konvent von Pescara Colli an jenem Septemberabend hinter uns zufiel. Schloss sich mit dem Abschied von Fra Vincenzo auch die Pforte zu einer Welt, die im Vergehen begriffen ist?

Ich meine, nein! Einige Monate zuvor, im Januar dieses denkwürdigen Jahres 2020 begegnete ich in Manoppello einigen jungen Postnovizen aus Viterbo. An das Gespräch mit ihnen musste ich nach dem Besuch bei Fra Vincenzo immer wieder denken, weil mir hier etwas begegnete, was bei dem alten Kapuzinerbruder präsenter denn je war. Da waren junge Männer, die sich ganz dem unverkürzten Glauben verschrieben haben, die Christus nachahmen wollen und dabei bewusst den Spuren der großen Kapuziner folgen, ohne dabei auch nur zu versuchen, den Zeitgeist vor den eigenen Karren zu spannen. Ich erinnere mich noch, dass mir an diesem Tag jemand zuflüsterte: "Wehe, wenn die studieren und in die Hände von Theologen kommen, dann ist es vorbei!" Aber das wollte ich nicht glauben. Als wir uns vor dem Bild Pater Pios für ein gemeinsames Foto versammelten, schoss mir ein Gedanke durch den Kopf: Das Gift der Theologen ist fade geworden.

Apropos Pater Pio: Es war bereits dunkel, als wir nach dem Abschied von Fra Vincenzo wieder vor dem Konvent standen, das am Eingang von einer Pater-Pio-Statue bewacht wird. Die Statue wird von unten angeleuchtet, sodass Pater Pios Schatten mit hoch erhobener Hand wie ein riesiger Schutzschild auf das Konventsgebäude fällt. Wacht Pater Pio über seine Kapuziner? Wacht er zusammen mit all seinen Brüdern über den Nachwuchs des Ordens? Ich bin sicher, dann wird die Tür niemals zufallen, hinter der Fra Vincenzo aus meinen Augen und vor wenigen Tagen in den Himmel verschwand.

LINK-TIPP: Die Serie "Die Kapuziner" von Dr. Dirk Weisbrod in der Übersicht:

Teil Eins – Laurentius von Brindisi
Teil Zwei – Francesco Maria da Camporosso
Teil Drei – Bernardino Ochino,
Teil Vier – Matteo Da Bascio,
Teil Fünf – Felix von Cantalice

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