Dokumentiert: Predigt von Kardinal Müller am 21. November 2019 im Kloster Weltenburg

Kardinal Gerhard Ludwig Müller am 26. Dezember 2016.
Foto: CNA/Paul Badde
21 November, 2019 / 2:05 PM

Am Rande der Buchvorstellung von Kardinal Robert Sarahs Buch "Herr bleibe bei uns. Denn es will Abend werden" im Kloster Weltenburg feierte Kardinal Gerhard Ludwig Müller ein feierliches Pontifikalamt. CNA Deutsch dokumentiert im Folgenden seine Predigt zum Gedenktag unserer lieben Frau von Jerusalem.

Heute feiert die Kirche den Gedenktag unserer lieben Frau von Jerusalem. Was hat Maria mit Jerusalem zu tun? Und warum ist die Verbindung der Mutter Jesu mit der heiligen Stadt so wichtig und auch heute noch des liturgischen Gedenkens wert?

Wir wissen, dass Maria in der Heilgeschichte nach Jesus, dem Sohn Gottes und einzigen Retter der Welt, die wichtigste Rolle spielt. Durch ihr Ja-Wort - auf die Botschaft des Engels hin - ist sie in gläubiger Bereitschaft die Mutter des ewigen Sohnes Gottes geworden: "Siehe, ich bin die Magd des Herrn, mir geschehe, wie du es gesagt hast." (Lk 1,38). Aus Maria hat das ewige Wort, das mit dem Vater und dem Heiligen Geist der eine Gott ist, unsere menschliche Natur angenommen.

Und wir wissen, dass sich im historischen Jerusalem das Geschick Jesu erfüllte. Hier gab er auf dem Berg Golgatha sein Leben hin zum Heil der Welt. Und hier ereignete sich die Auferstehung von den Toten, durch die Gott sich offenbarte als des Gott des Lebens, der Überwinder unseres Leidens und des Todes. Christus offenbart das Geheimnis seiner Person und Sendung, indem er sagte: "Ich bin die Auferstehung und das ewige Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt, und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird auf ewig nicht sterben." (Joh 11, 25).

Maria ist eine historische Gestalt, ein wahrer Mensch, eine Tochter Israels. Aber was sie für Jesus ist und was sie für uns, seine Kirche, bis heute bedeutet, das kann man nicht mit mythologischen Metaphern oder existentialistisch-überzeitlichen Wahrheiten auslegen. Entscheidend ist es, sie zu verstehen im Horizont des Heilsplans Gottes, den er geschichtlich verwirklichte in Jesus Christus.

Im Blick auf Maria und die ganze Kirche gilt das Wort Gottes im Munde des Propheten Sacharja: "Juble und freue dich, Tochter Zion, denn siehe, ich komme und wohne in deiner Mitte." (Sach 2, 14). In Maria nimmt der ewige Sohn Gottes unser Fleisch an und wohnt neun Monate in ihrem Leib unter ihrem Herzen. Als er von der Jungfrau Maria geboren wurde, trat er hervor aus seiner heiligen Wohnung und wurde sichtbar in der Welt, so dass die vom Osten nach Jerusalem gekommenen Weisen sagen können: "Wir haben seinen Stern aufgehen gesehen und sind gekommen, ihn anzubeten." (Mt 2, 2). Er bleibt gegenwärtig mitten in seinem erwählten Volk und allen Völkern, die sich seiner Kirche anschließen, um die eine Familie Gottes zu sein. Das ist seine einmalige Gegenwart im Heiligen Land, seine bleibende Gegenwart im neuen Jerusalem, das seine historische Grenzen übersteigt "Das obere Jerusalem ist frei; und dieses ist unsere Mutter." (Gal 4, 26). Jerusalem wird zum Inbegriff der Gegenwart des Wortes Gottes, das Fleisch geworden ist und unter uns sein Zelt ausgeschlagen hat. "Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott her aus dem Himmel herabkommen; sie war bereit wie eine Braut, die sich für ihren Mann geschmückt hat...Seht die Wohnung Gottes unter den Menschen." (Offb  21, 2f).

Die größte Inklusion der ganzen Geschichte ereignet sich hier. Wir werden Bürger der Stadt Gottes.  Maria war bereit, Gott das Leben als Mensch zu schenken. So wird sie auch unsere Mutter, weil wir aus ihrem Glauben geboren werden als Kinder Gottes und als Brüder und Schwestern Jesu. Sie führt uns in die Jüngerschaft ein, weil sie von der Empfängnis und der Geburt bei Jesus war bis zum Golgatha, als der Schmerz über das Todesleiden ihres Sohnes wie ein Schwert durch ihre Seele drang (Lk 2, 35).

Maria ist das ewige Paradigma für die Erfüllung des Willens Gottes, den Jesus als "mein himmlischer Vater" anspricht und offenbart. Das Verhältnis Jesu zu seinen Verwandten und zu seinen Jüngern heute ist nicht nur historisch, empirisch und immanent zu sehen, sondern darüber hinaus heilsgeschichtlich, geistlich und theozentrisch. Durch Christus dürfen wir im Heilige Geist zu Gott Abba, Vater unser im Himmel sagen.  Als der auferstandene Jesu den Jüngern die universale Verbreitung seiner Heilslehre und den bindenden Taufbefehl erteilte, gab er ihnen auch die Verheißung: "Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt." (Mt 28, 20).

Die Hand, die er über uns ausstreckt, bietet zugleich Halt und zeigt den Weg: "Wer den Willen meines himmlischen Vaters erfüllt, der ist für mich Bruder, Schwester und Mutter." ( Mt 12,  50).

Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns Sünder, jetzt und in der Stunde unseres Todes. Amen.

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