Seelsorge heute – aber wie?

Anmerkungen zum neuen Seelsorgepapier der deutschen Bischofskonferenz

Bischofsstab (illustration)
Foto: James Coleman / Unsplash (CC0)
09 March, 2022 / 4:30 PM

Die Sprache der verwalteten Welt hatte spätestens in den 1990er-Jahren Einzug in die Prosa der offiziösen Leitlinien gehalten, als nämlich – so meine Erinnerung – im Bistum Hildesheim Pfarreien fusioniert werden sollten. Der Begriff dazu lautete „Seelsorgeeinheiten“, so dass, gewissermaßen, aus den Pfarreien St. Elisabeth, St. Petrus und St. Christophorus in der Stadt Nirgendwo bei Überall die Seelsorgeeinheit „St. Experimentum“ hätte werden können.

Das Gute an solchen Papieren ist – es wird lange und erregt darüber debattiert, aber selten werden diese Strukturreformen umgesetzt. Mit den Worten des neuen Papiers zur Seelsorge gesagt, das die deutsche Bischofskonferenz am 8. März publiziert hat, gehorchen solche Texte dem etablierten „Schema F“ (S. 10) – nämlich dass Fusionen von Gemeinden als Visionen, also als Zukunftsprojekte, verkauft werden. Ich erinnere mich noch gut an das kollektive Stöhnen vor etwa 25 Jahren in den Kirchengemeinden vor Ort. 

In dem neuen Schriftstück der Bischofskonferenz heißt es heute: „Freilich sind Strukturen niemals ein Selbstzweck. … Wir befinden uns in einer Zeit, in der durch den Missbrauchsskandal die kirchliche Glaubwürdigkeit stark beeinträchtigt ist. Die Finanzquellen sprudeln weniger, Nachwuchs wird spürbar geringer.“ (S. 12) Das Lamento über versiegende Finanzquellen – zu spüren ist nichts davon – und über den Personalmangel kennen Gläubige seit Jahrzehnten. Ja, Strukturen seien niemals ein „Selbstzweck“ – das stimmt, vielleicht aber Strukturdebatten, wie der Synodale Weg immer wieder Gläubigen und Suchenden vor Augen führt.

Das neue Seelsorgepapier wirkt oft umgangssprachlich und scheint sich auch von der Bibel absetzen zu wollen: „So sehr sich die Seelsorge von der Botschaft Jesu wie von der ganzen Heiligen Schrift inspirieren lassen soll, so wenig lassen sich aus der Bibel Rezepte ableiten, wie die Seelsorge im 21. Jahrhundert auszusehen hat. Zu unterschiedlich sind unsere gesellschaftlich-kulturelle Situation und die Lebenswelt Palästinas vor 2.000 Jahren, in der Jesus von Nazaret das Evangelium verkündet hat.

Trotz dieser historischen, kulturellen und gesellschaftlichen Differenz steht christliche Seelsorge unter dem Zuspruch und Anspruch, im Geist Jesu zu handeln.“ (S. 17) Wenn die „christliche Seelsorge“ also das Neue Testament relativiert, dann wird offensichtlich eine kulturchristlich passende Begleitung von Zeitgenossen angestrebt. Vergessen werden darf ja nicht, dass etwa der Apostel Paulus auf seinen Missionsreisen das Evangelium in eine Lebenswelt hinein verkündigte, in der zu den gängigen hedonistischen Lustbarkeiten auch die Päderastie und das dem Vater vorbehaltene Recht der Kindstötung herrschte. Glücklicherweise war Paulus als Seelsorger sehr ungeschmeidig gegenüber den Sitten und Gebräuchen zu seiner Zeit. Er war der Bote des Evangeliums, nicht der Beliebigkeit und auch nicht der Verkünder zeitgeistlicher Banalitäten oder frommer Phrasen.

In dem Papier über Seelsorge heißt es: „Auch die Orte, an denen sich Seelsorge ereignet, sind verschieden. Sie findet in unterschiedlichen Settings statt, etwa im Pfarrhaus, beim Hausbesuch anlässlich eines runden Geburtstags, bei zufälligen Begegnungen auf der Straße oder in einem spätabendlichen Gespräch am Lagerfeuer einer Jugendfreizeit. So unterschiedlich die Orte und Gelegenheiten der Seelsorge auch sein mögen: Seelsorger und Seelsorgerinnen sollen sich stets ihrer Verantwortung bewusst sein und vor allem um die ethischen Standards hinsichtlich des Nähe-Distanz-Verhältnisses oder zur seelsorgerlichen Verschwiegenheit wissen.“ (S. 21)

Neben der narkotisch anmutenden Reihung von Seelsorgeorten wird an Selbstverständliches erinnert, zugleich erfolgt die Mahnung an die Priester, dass sie auf ein „selbstrefenzielles klerikalistisches Denken“ (S. 24) Abstand nehmen sollen. Auf Worte der Wertschätzung und Dankbarkeit für den priesterlichen Dienst wartet der Leser vergebens. Stattdessen findet sich ein Hymnus auf den Begriff „Team“: „Seelsorge im Team schafft Raum für das Zueinander der verschiedenen Charismen und Dienste, für gegenseitige Ergänzung, Kritik und Korrektur, aber auch für Ermutigung und Anerkennung. Die Wertschätzung der unterschiedlichen Berufungen und Beauftragungen kann wachsen und damit das Vertrauen zueinander. Wer im Team arbeitet, muss zuhören können und Diversität als Reichtum verstehen und annehmen lernen. Erfahrungen zeigen, dass dies besonders herausfordernd ist, wenn Hauptberufliche und Ehrenamtliche in einem Team zusammenarbeiten. Im Team stehen sie im Dienst untereinander und an den Menschen, denen die Sendung der Kirche gilt. …  Wo Seelsorge im Team gelingt, wächst eine neue Kultur der Leitung und des Miteinanders von Priestern und Laien, Frauen und Männern, Hauptberuflichen und Ehrenamtlichen in der Kirche.“ (S. 32/33)

Die „Kultur der Leitung“ – was mag das sein? Wendungen wie diese, nicht kunstvoll oder geisterfüllt, sondern dezidiert künstlich, sind aus der säkularen Öffentlichkeitsarbeit bekannt. Im Raum der Kirche und der Pastoral wirken sie nur fremd und befremdlich.

Immerhin wird das „Geschenk des Glaubens“ (S. 35) nicht vergessen, auch wenn statt Überzeugung ober Verwurzelung im Credo von einer „Haltung“ gesprochen wird: „Gerade in Situationen der Überforderung, der Vergeblichkeit oder Ohnmacht, wenn pastorale Methoden versagen, kann Seelsorge als Haltung sehr entlastend wirken.“ (S. 35) Anders gesagt: Wichtig ist nicht die Bindung an Methoden, sondern das Vertrauen auf den Herrn, die Bindung an den dreifaltigen Gott. Seelsorge sei Begleitung auf dem „Weg zu Gott“. Eindringlich mahnen die Autoren davor, die „seelsorgliche Beziehung zu missbrauchen“: „Seelsorger oder Seelsorgerinnen, die sich aufgrund eines falschen oder einseitigen Sendungsbewusstseins gegenüber allen kirchlichen Aufsichts- und Kontrollinstanzen immunisieren, machen Gott selbst bzw. den, den sie dafür halten, zum Gegenstand ihres Kalküls. Sie manipulieren die Menschen, die sich ihnen anvertrauen. Sie begleiten sie nicht mehr auf dem Weg zu Gott, sie führen sie in eine Abhängigkeit zur eigenen Person und Rolle.“ (S. 45)

Es ist richtig und notwendig, Grenzüberschreitungen und Übergriffe eindeutig beim Umgang mit Menschen, die seelsorglich begleitet sein möchten, zu benennen: „Jedes Verhalten von Seelsorge, das ihm etwas überstülpt, was er nicht ist und will und ihn nicht in seinem eigenen Denken und Verhalten wahr- und ernst nimmt, kann erheblichen Schmerz und Schaden verursachen.“ (S. 48) Solche Verhaltensweise sind unbedingt zu sanktionieren. Ein Seelsorger, ob geweiht oder nicht, der so agiert, verrät die Botschaft, die zu verkündigen er bestellt ist. 

Statt aber in dem Text die recht verstandene Hirtensorge Christi nun zu entfalten oder vielleicht auf geistliche Vorbilder wie den hl. Pfarrer von Ars, den hl. Bruder Konrad oder die hl. Mutter Teresa zu verweisen, werden nachgerade triviale Überlegungen in den Text eingebettet: „In Lebenskrisen, bei existenziellen Fragen oder mit persönlichen Anliegen wendet man sich heute eher an die beste Freundin, an Geschwister oder Eltern, an den Hausarzt, Therapeuten oder man spricht sich aus beim Taxifahrer oder Friseur. Der Kontakt zur zuständigen Seelsorgerin oder zum Seelsorger vor Ort erweist sich oft als unüberwindliche Hürde. Derartige Veränderungen stehen in einer direkten Wechselbeziehung zu den Veränderungen in der Pfarreiorganisation: Angesichts weiter pastoraler Räume kann eine verlässliche Seelsorge nicht mehr an jedem Kirch-Ort sichergestellt werden.“ (S. 54) Man könnte auch sagen: Es ist geradezu zynisch, von „pastoralen Räumen“ zu sprechen, wenn es in diesen keine „verlässliche Seelsorge“ mehr gibt. Grundsätzlich ist es ja verdienstvoll, dass sich die deutschen Bischöfe mit dem Thema Seelsorge beschäftigen – es sollte selbstverständlich sein. Traurig ist, dass gänzlich der Hinweis auf das Beten fehlt. Das Evangelium lädt dazu ein: „Die Ernte ist groß, der Arbeiter aber sind wenige. Bittet den HERRN der Ernte, daß er Arbeiter aussende in seine Ernte.“ (Mt 9,38)

Erinnern Sie sich noch, liebe Schwestern und Brüder im Glauben, wann Sie zuletzt über die pastorale Situation vor Ort geklagt haben? Bestimmt tun Sie das gelegentlich, und das ist menschlich verständlich. Erinnern Sie sich aber auch, wann Sie zuletzt um Priesterberufungen gebetet haben? Selbst wenn das neue Papier zur Seelsorge über das Gebet sich ausschweigt, dürfen wir trotzdem beherzt und demütig Gott darum bitten, treue, einfache Arbeiter in den Weinberg des Herrn zu entsenden. 

Hinweis: Meinungsbeiträge wie dieser spiegeln die Ansichten der jeweiligen Gast-Autoren wider, nicht unbedingt die der Redaktion von CNA Deutsch.  

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