"System Kirche?"

Papst Benedikt XVI. im Petersdom am 26. April 2008
Foto: Papist via Flickr (CC BY-NC 2.0)
02 March, 2021 / 4:33 PM

Steffen Debus, kirchlicher Organisationsberater im Erzbistum Hamburg und Politikwissenschaftler, bestimmt das „System Kirche“ wie folgt: „Systeme entstehen ja systemtheoretisch gedacht aus Differenzierungen: Es wird unterschieden in zugehörig/nicht-zugehörig, relevant/nicht-relevant, nützlich/nicht-nützlich. Deswegen ist das mit der hierarchischen Differenzierung verbundene Phänomen des Klerikalismus systemimmanent und dient damit einem systemrelevanten Zweck: Es erzeugt Differenzierung, Stabilisierung und Systemabgrenzung.“ 

Niemand, so glaube ich, bestreitet ein gewisses Statusbewusstsein in Berufsgruppen. In der Selbstverwaltung der Universitäten wurde ein "System" etabliert und sichergestellt: Die Gruppe der Hochschullehrer, also der Professoren, besitzt im Fakultätsrat die Mehrheit der Stimmen. Auch die anderen Statusgruppen – die wissenschaftlichen Mitarbeiter, das Personal aus Technik und Verwaltung sowie die Studenten – verfügen in diesem Gremium über Mitglieder und Stimmrecht, aber niemals über die Mehrheit. Statusbewusstsein kann ein Quell von Eitelkeiten sein, sogar unter Theologen und Philosophen, die vergessen haben mögen, dass wir zwar mit Titeln versehen sterben, nicht aber mit diesen auferstehen werden. So erinnere ich mich, wie einem jungen Habilitanden vor einer Sitzung einige „Kollegen“ vorgestellt wurden: Forscher und Gelehrte, gewiss, aber vor allem – Angehörige seiner künftigen Statusgruppe.

Ironischerweise war der Vorstellende, der so sehr auf den Status achtete, ein bekennender Vertreter der 1968er-Generation, selbst ein „außerplanmäßiger Professor“, mit anderen Worten: Er hatte gar keine Professur inne, auch wenn er sich professoral inszenierte. Von seiner Stellung her war er ein Angehöriger der Gruppe der Hochschuldozenten und Mitarbeiter. Doch aufgrund seiner Habilitation hatte er sich der Professorenschaft auf Antrag zuordnen lassen, was seitens der Universität damals möglich war. Das Attribut „außerordentlich“ blieb indessen. Er verschwieg es gern. Vielleicht hat das Statusbewusstsein mancher Personen heute das einstige ständische Bewusstsein ersetzt. Solche Formen stabilisieren oft fragile Persönlichkeiten. Die Teilhabe an der Hierarchie dient als Kompensation für bestimmte Schwächen. Das Sekundäre, in jedem Fall dezidiert Weltliche, aller akademischen Titel oder Statusgruppen ist offensichtlich. Warum einige oder viele dies für so wichtig erachten, ist nur sehr bedingt verständlich. In jedem Fall ist ein solches Denken ganz und gar weltlich, denn das alles vergeht.

Ein zweites Beispiel: Meiner Erinnerung nach vermittelte der Lateinlehrer, dass es etwas Besonderes sei, der Lateinklasse eines Jahrgangs anzugehören – im Gegensatz zu den Klassen, die Französisch lernten. Zugleich wurde nicht jeder Schüler als würdig und wahrhaft auserwählt angesehen, um an dem Unterricht teilzuhaben, sodass die Leistungsschwachen, wozu die Unbegabten wie die Lustlosen zählten, in exponierter Weise nach Belieben vorgeführt und vor den anderen verhöhnt oder gedemütigt wurden. Wer den Militärdienst abgeleistet hat, könnte in ähnlicher Weise über Formen des Soldatenlebens berichten. 

Gibt es – analog dazu – ein „Phänomen des Klerikalismus“, wie Steffen Debus und viele andere schreiben? In einer verweltlichten Kirche bestehen wie in anderen Institutionen dieser Welt Machtverhältnisse, der Streit um Vorrechte ebenso wie Missgunst, Neid und Eitelkeit. Auch die Vertuschung von Skandalen jeglicher Art, ja sogar von Verbrechen wie dem sexuellen Missbrauch, hat dort ihren Platz. Jeder von uns weiß, wie notwendig eine lückenlose Aufklärung ist.

Vergessen wir aber zugleich nie: Das geistliche Amt begründet keinerlei Vorzüge im Reich Gottes oder Vorrechte in dieser Welt, ebenso wenig wie das dreistufige Sakrament der Weihe, das Männern vorbehalten ist, einen Akt der Diskriminierung gegenüber Frauen darstellt. Die Kirche hat aus sich selbst heraus keine Vollmacht zu ändern, was ihr Stifter Jesus Christus festgelegt hat. Dem Willen des Herrn muss die Kirche treu bleiben, auch wenn einzelne oder viele Gläubige damit hadern. Die Forderungen von Initiativen wie „Maria 2.0“ sind säkular durchaus verständlich – und in einer strikt weltlich geordneten Institution, etwa in einer Firma oder in der Politik, wäre der Elan am richtigen Platz. Die Kirche aber ist der Ort des Dienstes und des Dienens, der Einfügung in den Willen Gottes, der Verkündigung des Evangeliums und der Bekehrung zu Christus. Dass es in der Geschichte der Kirche immer wieder Priester und Bischöfe gegeben hat, die ihre Berufung verraten und ihr Amt missbraucht haben, ist so traurig wie wahr – dasselbe gilt für das erschreckende Ausmaß von Straftaten, die von Klerikern begangen wurden, und für die Vertuschung von Verbrechen innerhalb der Institution. Aus dem Fehlverhalten von einzelnen Personen lässt sich aber keine Notwendigkeit für eine Reform der Kirche ableiten. Angehörige des Klerus übereignen sich dem Herrn. Sie lassen sich von Christus in Dienst nehmen. Die Kirche verdeutlicht das auch in der Weiheliturgie. Benedikt XVI. wie Papst Franziskus haben immer wieder vor den Versuchungen des Klerikalismus gewarnt und auch Laien ermahnt, sich nicht zu klerikalisieren oder klerikalisieren zu lassen.

Was ist unsere wahre Berufung? Benedikt sagte 2011 in seiner bekannten Rede im Freiburger Konzerthaus, es sei an der Zeit, „die wahre Entweltlichung zu finden, die Weltlichkeit der Kirche beherzt abzulegen. Das heißt natürlich nicht, sich aus der Welt zurückzuziehen, sondern das Gegenteil. Eine vom Weltlichen entlastete Kirche vermag gerade auch im sozial-karitativen Bereich den Menschen, den Leidenden wie ihren Helfern, die besondere Lebenskraft des christlichen Glaubens zu vermitteln. … Offensein für die Anliegen der Welt heißt demnach für die entweltlichte Kirche, die Herrschaft der Liebe Gottes nach dem Evangelium durch Wort und Tat hier und heute zu bezeugen, und dieser Auftrag weist zudem über die gegenwärtige Welt hinaus; denn das gegenwärtige Leben schließt die Verbundenheit mit dem Ewigen Leben ein. Leben wir als einzelne und als Gemeinschaft der Kirche die Einfachheit einer großen Liebe, die auf der Welt das Einfachste und das Schwerste zugleich ist, weil es nicht mehr und nicht weniger verlangt, als sich selbst zu verschenken.“

Die Kirche bildet weder eine ständische Gesellschaft ab noch eine akademische Statuswelt oder ein anderes säkulares Organisationsgefüge. Vergessen wir nie, dass wir zwar möglicherweise mit Ämtern und Titeln sterben werden. Doch an dem Tag, auf den wir alle zugehen, werden wir nackt und bloß vor dem Herrn stehen. Ich glaube nicht, dass er uns Fragen stellen wird wie: Warst du ehrgeizig und säkular erfolgreich? Hast du nach Macht, Geltung und Ämtern gestrebt? Wolltest du die Kirche reformieren? Seine Frage könnte ganz einfach lauten: „Liebst du mich?“

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