Warum schreibt ein Kartäuser ein Buch über Missbrauch?

Kartäuser-Mönche der Kartause von Portes
Foto: Will Cyclist via Wikimedia (CC BY 2.0)
10 September, 2022 / 9:00 AM

Um es vorweg zu sagen: Das Buch „Verheißung und Verrat“, das sich mit dem gefürchteten Thema Missbrauch befasst, ist von großer Tiefe. Es konzentriert sich hauptsächlich auf Personen des geweihten Lebens, also auf Ordenspersonen. Darüber hinaus ist es auch für andere kirchliche und gesellschaftliche Fragen bedeutungsvoll.

Die Fakten sind erschreckend, doch die Analysen des Autors sind von großer Sensibilität, geleitet von der Suche nach der Wahrheit. Darüber hinaus werden sowohl das Ordensleben wie das christliche Leben in ihrer Schönheit dargestellt. Auch dies macht das Buch des französischen Autors wertvoll. Es geht um Fragen der Freiheit, der Berufung und des geistlichen Weges. Jeder Leser kann davon profitieren und jeder Kandidat für das Ordensleben, sogar jeder Ordensmann und jede Ordensfrau sollten dieses Buch lesen.

„Verheißung und Verrat“ ist eine Arbeit einer weithin unbekannten Persönlichkeit: Dysmas de Lassus ist der Prior der Großen Kartause (Grande Chartreuse) und Ordensgeneral des Kartäuserordens. Der fast tausend Jahre alte Orden, der auf den heiligen Bruno von Köln zurückgeht, hat weltweit nur einige hundert Mitglieder in derzeit 16 Männer- und fünf Frauenklöstern.

Warum veröffentlicht ausgerechnet ein Kartäuser, jemand, der in strenger Klausur lebt, nur selten Kontakt zu außenstehenden Personen hat und selbst einen beschränkten Schriftverkehr bzw. andere Medien nutzt, ein Buch zum Thema „Geistlicher Missbrauch in Orden und Gemeinschaften der katholischen Kirche“? Diese Frage beantwortete Pater Dysmas de Lassus bei der Präsentation seines Buches mit den folgenden Worten:

Ich habe mich nicht entschieden, über Missbräuche im Ordensleben zu sprechen oder zu schreiben: Es hat sich mir auferlegt. Nachdem ich 2014 Prior der Grande Chartreuse geworden war, hatte ich einen Briefwechsel, der mich dazu brachte, einer Frau in Not zu begegnen. Ich war berührt von ihrem Zeugnis. Ich las weitere Berichte von Opfer […] In unserer Regel ist festgelegt, dass wir keine Seelsorge machen: Das habe ich nicht getan, aber ich konnte ein Mensch sein, der denjenigen zuhörte – hauptsächlich Nonnen […], die kein aufmerksames Ohr gefunden hatten. Angesichts der Übereinstimmung zwischen den Missbrauchsgeschichten in sehr unterschiedlichen Gemeinschaften wurde mir allmählich klar, dass wir vor einem erheblichen Problem standen.

Ebenso wie es nicht üblich ist, dass ein Kartäuser mit einem Buch zu aktuellen Krisen in der Kirche Stellung nimmt, so ist es auch nicht üblich, dass ein Mönch dieses Ordens die betreffende Veröffentlichung mit seinem eigenen Namen signiert. Doch für Pater Dysmas de Lassus ist dieses Thema so brisant und bedeutungsvoll, dass er nicht nur die bisher genannten Schritte unternommen hat.

„Risques et dérives de la vie religieuse“ ist der französische Original-Titel unseres Buches, das im März 2020 als Ergebnis einer zweijährigen Arbeit erschien. Mehrere Personen haben in Gesprächen und Beratungen am Entstehen mitgewirkt. Auch diese Vorgehensweise ist für einen Kartäuser ungewöhnlich.

Erzbischof José Rodríguez Carballo OFM, der Sekretär des Dikasteriums für die Institute geweihten Lebens und für die Gesellschaften apostolischen Lebens, hat ein Vorwort dazu verfasst und benennt auch die am Buch mitwirkenden Personen:

Über die Veröffentlichung dieses außergewöhnlichen Buches können wir uns nur freuen: Ein Kartäuser ergreift das Wort – das kommt selten vor; er belehrt niemanden und weiß, dass jede geistliche Gemeinschaft, sei sie jung oder alt, anfällig für Fehlentwicklungen, Missbrauch oder Exzesse ist. Er beschreibt, wie eine gute Ausgewogenheit präventiv wirkt und bezieht sich dabei auf die Erfahrungen der ältesten Orden. Damit seine Ausführungen nicht ausschließlich die eines Kartäusers sind, dessen Berufung einen ganz eigenen Charakter hat, war es dem Prior der Großen Kartause ein Anliegen, bei einem Abt und einer Äbtissin aus der benediktinischen Tradition und bei einem dominikanischen Theologen Rat einzuholen und sie bei der Redaktion seines Buches miteinzubeziehen.

Die Bedeutung und Dringlichkeit des Themas rechtfertigen ebenso wie die Qualität der vorgelegten Arbeit von Dysmas de Lassus das außergewöhnliche Vorgehen des Kartäusers. Er hat sich einer Frage von brennender Aktualität gestellt und Antworten zu möglichen Missbräuchen des Ordenslebens und den sich weiter daraus ergebenden Fragen gegeben.

Die äußerst verletzenden Taten, die in allen gesellschaftlichen Bereichen vorkommen, insbesondere auch in Familien und Sportvereinen, erreichen besonders dicke Schlagzeilen dann, wenn es um Angehörige der katholischen Kirche geht. Die Gesellschaft fordert von der Kirche gravierende Veränderungen. Ein tiefes Nachdenken ist inzwischen in vollem Gange. Doch Umkehr, eine tiefe Bekehrung, ist nicht dadurch erfolgreich, indem die kirchliche Gesetzgebung über Bord geworfen wird, denn auch damit würde christliches Leben in all seiner unbestreitbaren Qualität untergraben.

Dass das vorliegende Buch auch für die Gesellschaft von Bedeutung sein kann, wird deutlich, wenn wir bedenken, wie unmöglich es heute manchmal ist, von Freundschaft zu sprechen, ohne dass sofort an ein sexuelles Verhältnis gedacht wird. Der Autor schreibt:

In der heutigen Kultur, die immer weniger akzeptiert, dass sich echte Freundschaft nicht körperlich ausdrückt, sollte eine unmissverständliche Formung der Affektivität dazu befähigen, die verschiedenen Ebenen zu unterscheiden und zweideutige Gesten oder Angebote, die im Namen der Geschwisterlichkeit gemacht werden, zu erkennen. Wer verstanden hat, dass Keuschheit nicht nur den sexuellen Aspekt betrifft, sondern auch die Qualität der gesamten Beziehungsdimension, sollte zu unterscheiden vermögen, was angemessen ist und was nicht. Letztlich ist die Versuchung immer dieselbe: den anderen zu besitzen.

Dysmas de Lassus, der durch seine Tätigkeit als Novizenmeister eine zwanzigjährige Erfahrung in der Ausbildung junger Mönche vorzuweisen hat, erinnert zu Recht an die Schönheit des tiefen Verlangens nach dem Ordensleben, nämlich an eine leidenschaftliche Liebe, die wie Christus bis zum Ende gehen will, eine weise und heilige Torheit. Es wäre in der Tat sehr schade, wenn die schrecklichen Abstürze innerhalb des religiösen Lebens dieses zunichtemachen würden.

Wer sich auf diesen herrlichen und anspruchsvollen Weg begibt, kann sich auf einer gefährlichen Gratlinie bewegen. Im Buch werden Umrisse und Arten möglicher Ausrutscher beschrieben. Es erklärt sektiererische Verirrungen, indem es unter anderem die Phänomene der Beeinflussung und Abhängigkeit beschreibt, und erinnert an die Mittel, wie sie zu vermeiden sind: Weisheit und Anbindung an christliche Tugenden.

Die Beziehung zwischen Charisma und Institution wird ebenso behandelt wie mehrere wesentliche Dimensionen des Ordenslebens, die missverstanden oder missbraucht werden können: das gemeinsame Leben, die Autorität, die Klausur, der Gehorsam, besonders auch die Askese, der Verzicht und die geistliche Begleitung.

Der Missbrauch wird deutlich unterschieden in spirituellen und sexuellen Missbrauch. Der General-Prior der Kartäuser erkennt diese besonders perversen Mechanismen, die in spirituelle Rechtfertigungen gehüllt sein können. Dies ist eine der Stärken des Buches: den seelischen Missbrauch, der dem sexuellen Missbrauch zugrunde liegt, aufzuzeigen und zu analysieren. Es befasst sich mit den Opfern und betont nachdrücklich, wie wichtig es ist, sie in den Mittelpunkt zu stellen und Leugnung zu vermeiden. Ein Kapitel bietet Elemente der Genesung und Prävention.

Das Buch versinkt jedoch nicht im Sumpf der erschreckenden Geschehnisse. Es werden immer wieder Mittel und Wege auf dem Weg zur Heiligkeit aufgezeigt, denn der Ordensmann und die Ordensfrau soll gesund leben. Und es erinnert an unzählige Gemeinschaften, an die diskrete Schönheit des Ordenslebens, das mit so viel Kraft sanft und friedlich ausstrahlt.

Ohne Belehrungen bietet der Prior der Grande Chartreuse, der am 10. April 2021 von Papst Franziskus – womöglich wegen dieses Buches – zum Konsultor des Dikasteriums für die Institute geweihten Lebens und für die Gesellschaften apostolischen Lebens ernannt wurde, eine tiefe und klare Reflexion über das Ordensleben sowie eine Unterscheidung von großer Klarheit und seltener Ausgewogenheit. Ihre Bedeutung geht über das reine Ordensleben hinaus. Das Lesen und das Studium des Buches vermag den Ordensgemeinschaften, den Christen und der ganzen Kirche einen großen Dienst erweisen.

Dysmas de Lassus: Verheißung und Verrat. Geistlicher Missbrauch in Orden und Gemeinschaften der katholischen Kirche; Aschendorf Verlag 2022; 336 Seiten; 26,80 Euro; ISBN: 978-3402248225.

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