"Wir alle, Prälaten und Geistliche, sind vom Weg abgewichen"

Wer nicht dazu verdammt sein will, die Fehler der Vergangenheit zu wiederholen, muss bekanntlich aus der Geschichte lernen. Das gilt auch für die Katastrophe der Kirchenkrise

Das Grab des Adrianus in der Kirche der deutschsprachigen katholischen Gemeinde in Rom, Santa Maria dell’Anima
Foto: Paul Badde / EWTN
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25 September, 2018 / 5:25 PM

Wer nicht dazu verdammt sein will, die Fehler der Vergangenheit zu wiederholen, muss bekanntlich aus der Geschichte lernen. Das gilt auch für die Katastrophe der Kirchenkrise, ausgelöst durch das sexuelle Fehlverhalten und dessen systematischer Vertuschung durch Bischöfe, Priester und Ordensleute.

Eine brennend aktuelle, bemerkenswerte Lektion ließ dazu Papst Hadrian VI. am 3. Januar 1523 auf dem Reichstag zur Nürnberg durch seinen Gesandten Chierigati verlesen: 

"Du (nämlich der päpstliche Legat) sollst auch sagen, dass wir es frei bekennen, dass Gott diese Verfolgung der Kirche geschehen lässt wegen der Menschen und sonderlich der Priester und Prälaten Sünden; denn gewiss ist die Hand des Herrn nicht verkürzt, dass er uns nicht retten könnte, aber die Sünde scheidet uns von ihm, so dass er uns nicht erhört. Die Hl. Schrift verkündet laut, dass die Sünden des Volkes in den Sünden der Geistlichkeit ihren Ursprung haben; deshalb ging, wie Chrysostomus hervorhebt, unser Heiland, als er die kranke Stadt Jerusalem reinigen wollte, zuerst in den Tempel, um vor allem der Priester Sünden zu strafen, gleich einem guten Arzt, welcher die Krankheit in der Wurzel heilt. Wir wissen wohl, dass auch bei diesem heiligen Stuhl schon seit manchem Jahr viel Verabscheuungswürdiges vorgekommen, Missbräuche in geistlichen Sachen, Übertretungen der Gebote, ja, dass alles sich zum Argen verkehrt hat. So ist es nicht zu verwundern, dass die Krankheit sich vom Haupt auf die Glieder, von den Päpsten auf die Prälaten verpflanzt hat.

Wir alle, Prälaten und Geistliche, sind vom Weg des Rechtes abgewichen, und es gab schon lange keinen einzigen, der Gutes tat. Deshalb müssen wir alle Gott die Ehre geben und uns vor ihm demütigen; ein jeder von uns soll betrachten, weshalb er gefallen, und sich lieber selbst richten, als dass er von Gott am Tage seines Zornes gerichtet werde. Deshalb sollst Du in unserem Namen versprechen, dass wir allen Fleiß anwenden wollen, damit zuerst der Römische Hof, von welchem vielleicht alle die Übel ihren Anfang genommen, gebessert werde; dann wird, wie von hier die Krankheit ausgegangen ist, auch von hier die Gesundung beginnen.

Solches zu vollziehen, halten wir uns umso mehr verpflichtet, weil die ganze Welt eine solche Reform begehrt. Wir haben nicht nach der päpstlichen Würde getrachtet und hätten unsere Tage lieber in der Einsamkeit des Privatlebens beschlossen; gerne hätten wir die Tiara ausgeschlagen; nur die Furcht vor Gott, die Legitimität der Wahl und die Gefahr eines Schismas haben uns zur Übernahme des obersten Hirtenamtes bestimmt.

Wir wollen deshalb verwalten nicht aus Herrschsucht, noch zur Bereicherung unserer Verwandten, sondern um der hl. Kirche, der Braut Gottes, ihre frühere Schönheit wiederzugeben, den Bedrückten Beistand zu leisten, gelehrte und tugendhafte Männer emporzuheben, überhaupt alles zu tun, was einem guten Hirten und wahren Nachfolger des hl. Petrus zu tun gebührt.

Doch soll sich niemand wundern, dass wir nicht mit einem Schlage alle Missbräuche beseitigen; denn die Krankheit ist tief eingewurzelt und vielgestaltig. Es muss daher Schritt für Schritt vorgegangen und zuerst den schweren und gefährlichen Übeln durch die rechten Arzneien begegnet werden, um nicht durch eine übereilte Reform aller Dinge alles noch mehr zu verwirren. Mit Recht sagt Aristoteles, das jede plötzliche Veränderung einem Staatswesen gefährlich ist."

(aus: Alfred Läpple, Kirchengeschichte in Dokumenten. Sammlung kirchengeschichtlicher Quellen für Schule und Studium, Patmos-Verlag, 1958)

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