Wohin gehst du, Kirche?

Vom heutigen Montag an treffen sich in Lingen die deutschen Bischöfe zur Frühjahrsvollversammlung. Ob sich dieser beschauliche Ort als zweites Wittenberg eignet?

Domine, quo vadis? Gemälde von Annibale Carracci, 1602
Foto: Wikimedia (CC0)
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11 March, 2019 / 7:30 AM

Um den Erhalt der Kirche St. Christophorus in Hannover-Stöcken kämpften treue Katholiken fast zehn Jahre hindurch. So oft schöpften sie neue Hoffnung, und immer wieder wurde diesen Hoffnungen zunichte. Im Oktober 2018 hatte der neue Hildesheimer Bischof Dr. Heiner Wilmer in seinem ersten Hirtenwort verkündet: "Ich bin überzeugt: Wir können Aufbruch! Machen wir uns gemeinsam auf den Weg!"

Für den Kirchbau St. Christophorus gab es aber offenbar keine Zukunftsperspektive mehr.

Das Gotteshaus hatte endgültig ausgedient. Aufbrechen hieß für die Gläubigen in Stöcken: den Abbruch der Heimatkirche, die Generationen von Gläubigen ans Herz gewachsen war, zu ertragen und anderswo eine neue Kirche zu finden. Jeder Mensch, ob gläubig oder nicht, weiß: Das tut weh, sehr weh. Dieser "Aufbruch" in Hannover-Stöcken hatte und hat noch immer sehr viele traurige Gesichter. Viele hiervon sah der Hildesheimer Weihbischof Dr. Nikolaus Schwerdtfeger am 18. Januar 2019. Er feierte die letzte heilige Messe in St. Christophorus, nachdem der Diözesanbischof das zugehörige Dekret – gemäß can. 1222 § 2 CIC am 18. November 2018 – unterzeichnet hatte. Etliche Gläubige protestierten an jenem Abend draußen vor der Tür.

Seit 1989 wurden im Bistum Hildesheim 86 römisch-katholische Kirchen und Kapellen einer "säkularen Nachnutzung" übergeben. Erinnerungen an diese Kirchen bleiben – auch im Gedächtnis von so vielen frommen Katholiken. Die meisten dieser Kirchen sind längst abgerissen. Auch gute Gründe dafür mag es geben. Gute Gründe gibt es fast für alles. Oder nicht?

Fragen wir uns noch ernsthaft (und nicht rhetorisch oder zeitgeistlich), ob wir auf Christus und Seine Kirche vertrauen? Auf das Wirken des Heiligen Geistes? Wohin wollen wir eigentlich aufbrechen? Woran denken wir, wenn von Aufbruch gesprochen wird oder wenn wir selbst davon sprechen? Etwa an eine neue Theologie – und an altbekannte Forderungen kritischer Christen? Können wir wirklich Aufbruch? Oder können wir nicht viel besser Abbruch?  

Ein zweites Beispiel aus dem Norden: Der Hamburger Erzbischof Dr. Stefan Heße veröffentlichte am 3. Februar 2018 ein Hirtenwort über den "Pastoralen Orientierungsrahmen". Schon der Begriff aus der neuen kirchlichen Verwaltungssprache wirkt bleischwer. Heße bedauerte die Schließung katholischer Schulen in Hamburger. Zugleich sprach der Erzbischof von Visionen:

"Gleichzeitig träumen wir von einem Aufbruch, einer Lebendigkeit unserer Gemeinden und Orte kirchlichen Lebens. Ich bin überzeugt: Wir können hier im Norden eine lebendige Kirche sein, eine Kirche mit einer Mission – auch mit weniger finanziellen Mitteln. Wir müssen darum alles, was wir künftig verändern, auf dieses Ziel, auf unsere Sendung hin gestalten. Dazu haben wir in den letzten Monaten einen Pastoralen Orientierungsrahmen geschrieben: einen Rahmen, der unserem Aufbruch und unserer Mission Richtung gibt. … Der Rahmen sagt darum, wie wir unseren Aufbruch weiter gestalten wollen, nämlich gott- und menschennah, aufsuchend, vernetzend, weltkirchlich und solidarisch."

Worte wie diese – Aufbruchsrhetorik pur –, wohlgesetzt, wohlbedacht und öffentlichkeitswirksam vorgestellt, werden manchmal andernorts noch ergänzt durch begleitende, gutgemeinte Veranstaltungen. Sieht so eine Kirche im Aufbruch aus? Scheinbar besonders weit hinaus wagte sich der Magdeburger Bischof Dr. Gerhard Feige, der im Februar eine Art Vision über die Priesterweihe von Frauen mitteilte und sagte: "Könnte der Geist Gottes uns nicht auch heute zu neuen Erkenntnissen und Entscheidungen führen?"

Wer genau hinhören und mehr wissen möchte, fragt bei den Katholiken nach, die profanierten Kirchen zugehört haben. Auskunft geben könnte vielleicht eine gebrechliche Frau, die noch werktags ihre Lichter vor der Muttergottesfigur angezündet und vor dem Allerheiligsten gebetet hat – auch wenn nur noch selten heilige Messen in der Kirche gefeiert wurden. Wer mehr wissen möchte, überlegt sich auch, ob Gruppierungen wie "Wir sind Kirche e. V." die richtigen Ansprechpartner für neue Wege im Glauben sind. Wer mehr wissen möchte, erkundigt sich bei ehemals ehrenamtlich Aktiven, die sich zurückgezogen haben. Wer mehr wissen möchte, sucht das Gespräch mit jenen, die aus der Kirche ausgetreten sind. Viele verlassen die Kirchensteuerzahlgemeinschaft übrigens nicht, weil die traditionellen Forderungen von Kirchenkritikern aus der Nachkonzilszeit immer noch nicht erfüllt sind.

Wer über die Zukunft der Kirche nachdenkt und immer noch an der Trennung der Konfessionen leidet, wird vielleicht nicht eine allgemeine, unbestimmt christliche Kirche sich wünschen, sondern einfach nur so beten, wie der Herr zu beten gelehrt hat. Wer die Kirche erhalten möchte, setzt seine Hoffnungen auch nicht auf einen Strukturwandel des Verwaltungsapparates.

Empfehlenswert könnte ein wachsamer Realismus sein. Wer die Augen öffnet, sieht skeptische Agnostiker, inständig Suchende und gläubige Christen, die immer noch von der Frage nach Gott bewegt werden. Zu hören bekommen sie aber sibyllinische Worte und diffuse Statements, die in den Medien Resonanz finden und dann auch noch als mutig bezeichnet werden. Aber kümmern sich Menschen, die unruhig sind nach Gott, kümmern sich die einfachen Christen von nebenan wirklich darum? Wer mehr dazu wissen möchte, höre sich auf einem Kirchplatz nach einer Sonntagsmesse um – überall in Deutschland.  

Abseits der ermüdenden Phrasen, abseits der langweiligen, lähmenden und trostlosen Aufbruchsrhetorik fragen sich viele einfach gläubige Christen heute: "Wohin gehst du, Kirche? Siehst du uns eigentlich nicht mehr? Wir gehören doch zum Herrn und so auch zu dir! Zu wem sollten wir sonst gehen? Wohin sollten wir uns wenden?"

Ich erinnere mich an eine Begebenheit auf dem Petersplatz im Pontifikat Benedikts. Am dritten Todestag seines Vorgängers feierte der Papst die heilige Messe. Es war ein leuchtender Tag in der Ewigen Stadt. Als die Kommunion ausgeteilt wurde, riefen so viele Menschen aus aller Welt: "Padre! Padre!" Sie hatten schlicht Angst, übersehen oder vergessen zu werden. So sehr verlangten sie nach dem Brot des Lebens – und nicht nach einer neuen Theologie oder einer neuen Kirche. Manche riefen auch nicht, verharrten aber, schweigend und kniend, im Gebet. Die Sehnsucht nach Gott zeichnete sich ab auf ihren Gesichtern. Diese Sehnsucht ist heute noch immer gegenwärtig, auch in Deutschland.

Vom heutigen Montag an versammeln sich die deutschen Bischöfe in Lingen zu ihrer Frühjahrsvollversammlung. Ob dieser beschauliche Ort sich als zweites Wittenberg eignet? Zumindest ist kein neuer Martin Luther in Sicht. Bei allem, was man als Katholik auch kritisch gegenüber dem Reformator bemerken kann: Sein Ringen um den gnädigen Gott war authentisch. Geht es in Lingen eigentlich um Gott? Das wäre sehr zu wünschen. Nichts wäre nötiger, nichts wäre wichtiger. Die römisch-katholische Kirche braucht, scheint mir, keine neuen bischöflichen Ideen – keine einzige. Der Bischof gehört – seinem Weiheamt entsprechend – zu den "Cooperatores veritatis", zu den Mitarbeitern der Wahrheit, zu den Arbeitern im Weinberg des Herrn. Auch wir als getaufte Weltchristen sind in diesem Weinberg auf unsere Weise tätig. Der Bischof soll den verkünden, der Weg, Wahrheit und Leben ist – Christus –, und nicht seine eigenen Meinungen.

Zugleich dürfen wir uns heute gewiss berechtigterweise fragen: Wohin gehst du, Kirche? Der polnische Romancier Henryk Sienkiewicz hat in seinem berühmten Roman "Quo vadis" die fromme Legende erzählt, dass der Apostel Petrus zurzeit der Christenverfolgungen durch Kaiser Nero Rom verlassen möchte. Petrus wollte seinen eigenen Weg gehen. Modern gesagt: Er konnte Aufbruch und wollte, geleitet von den mutmaßlich besten Absichten, einfach weggehen. Dem Kreuz ausweichen. Auf der Via Appia aber begegnete er dem Herrn und fragte: "Quo vadis, Domine?", das heißt: "Wohin gehst du, Herr?" Christus erwiderte, er gehe nach Rom, um sich ein zweites Mal kreuzigen zu lassen. Petrus hielt inne, machte kehrt und wurde wenig später in Rom gekreuzigt, mit dem Kopf nach unten. Sein Weg ist auch unser Weg. Wir gehen mit Petrus nach Rom, und indem wir mit Petrus gehen, gehen wir mit Christus, dem Herrn und Seiner Kirche treu.

Anfangs habe ich von einer Kirche aus dem Bistum Hildesheim erzählt, die dem heiligen Christophorus geweiht war und bedauerlicherweise geschlossen wurde. Der Heilige gehört zu den 14 Nothelfern. Vielleicht können wir alle in den kommenden Tagen in Gemeinschaft mit unseren Bischöfen das folgende Gebet für die Kirche in unserem Land sprechen: "Gott, unser Vater, du stärkst dein Volk durch die Freude über die Verherrlichung der vierzehn heiligen Nothelfer. Sie sind Christus nachgefolgt auf dem Weg des Kreuzes und haben ihr Leben vollendet als Zeugen des Glaubens. Gib auch uns Anteil am Erbe deiner Heiligen und lass in unsere Zeit die Macht ihrer Fürbitte sichtbar werden. So bitten wir durch Christus, unseren Herrn. Amen."

Dr. Thorsten Paprotny lehrte von 1998 bis 2010 am Philosophischen Seminar und von 2010 bis 2017 am Institut für Theologie und Religionswissenschaft an der Leibniz Universität Hannover. Er publizierte zahlreiche Bücher im Verlag Herder. Gegenwärtig arbeitet er an einer Studie zum Verhältnis von Systematischer Theologie und Exegese im Werk von Joseph Ratzinger / Benedikt XVI. Er publiziert regelmäßig in den "Mitteilungen des Instituts Papst Benedikt XVI.".

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