Redaktion - Mittwoch, 7. Januar 2026, 13:00 Uhr.
Der ehemalige Präfekt der Glaubenskongregation, Kardinal Gerhard Ludwig Müller, warnt vor einem liberalen Staat, der seine weltanschauliche Neutralität aufgibt und sich eine ethische Deutungshoheit anmaßt. Ein Staat, der sich religiös-neutrale Positionen aneigne und diese als Wissenschaft ausgebe, verliere seiner Auffassung nach seine Legitimation und untergrabe die Freiheit, von der er lebe.
Müller, bis 2017 Präfekt der Glaubenskongregation, widersprach im Interview mit der Welt der Vorstellung, sein früheres Amt stehe in der Tradition eines „Großinquisitors“: „Das heutige Bild des Großinquisitors ist eine Hollywood-Fantasie, das sich hauptsächlich aus der spanischen Inquisition speist.“
Zwar sei die Verbindung von Glauben und Gewalt „keine schöne Seite der Kirchengeschichte“, doch habe es sich historisch vor allem um Glaubensfragen gehandelt. Die Arbeit der Glaubenskongregation liege bis heute „im Bereich theologischer und philosophischer Fragen“, die der Präfekt dem Papst zur Entscheidung vorlege, auch bei schweren Vergehen wie sexuellem Missbrauch, der „nicht nur eine strafbare Handlung“ sei, sondern „zusätzlich noch ein Schlag gegen den Glauben und die Glaubwürdigkeit der Kirche“.
Mit Blick auf aktuelle Herausforderungen sprach Müller von einer „neuen Klassentheorie“, nach der „die Reichen und die Mächtigen ein höheres Lebensrecht haben als die große Mehrheit nutzloser Menschen“. Technologie werde dabei absolut gesetzt, obwohl „die Technologie immer dem Menschen dienen“ müsse.
Der Gedanke, technischer Fortschritt führe automatisch zu moralischem Fortschritt, sei irrig. Letzterer hänge „immer vom einzelnen Menschen ab“. Technik stehe und falle mit Ethik, jedes Mittel könne missbraucht werden. Müller fragte vor diesem Hintergrund: „Wer definiert in einer Welt der technokratischen Vorherrschaft einiger Selbst-Auserwählter, was gut und böse ist?“
Nach katholischer Lehre seien die meisten Menschen durch ihr Gewissen zum Guten befähigt, doch der Rückgang der Religion führe zu „einer neuen Art Staatsomnipotenz“. Müller sprach vom „postdemokratischen Zeitalter“, in dem Politiker „die Deutung des Lebenssinns übernehmen“.
Ein Staat, der sich religiös neutral erkläre, habe „weder die Legitimation noch die Kompetenz, sich in ethische und religiöse Fragen einzumischen“, überschreite diese Grenze jedoch, indem er seine Weltanschauung „Wissenschaft“ nenne.
Er verwies auf historische Pseudowissenschaften wie Rassenlehre und Eugenik und bezeichnete auch die „LGBTQ-Ideologie“ als solche, da sie dem biologischen Faktum widerspreche, „dass der Mensch entweder männlich oder weiblich ist“.
Es gebe „kein soziales Geschlecht“, führte der Kardinal aus. Ein weltanschaulich neutraler Rechtsstaat habe sich weder in private Lebensformen einzumischen noch dürfe er anderen eine staatliche Ehedefinition auferlegen. Ideologien ersetzten zunehmend Religionen, so Müller.
Bereits nach der Französischen Revolution seien mit Gewalt neue Weltanschauungen implantiert worden. Heute zeige sich Ähnliches in einer Politik, die abweichende Meinungen sanktioniere: „Politiker, die sich ständig beleidigt fühlen, wenn man nicht so denkt wie sie, und Tausende von Anzeigen machen und meinen, ihre Autorität würde dadurch gehoben, das ist völlig unwürdig.“
Zur Krise des liberalen Staates zitierte Müller den Staatsrechtler Ernst-Wolfgang Böckenförde, der sagte, „der freiheitliche, säkulare Staat lebe von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren könne“. Es brauche eine gemeinsame moralische Substanz, die der Staat nicht erzwingen dürfe, ohne seine Freiheitlichkeit aufzugeben. Familie, Ehe und Kinder seien „das von Gott gesetzte normale Lebensziel“, das „einen Dritten gar nichts“ angehe.
Die ideologischen Konstruktionen der 1960er und 1970er Jahre implodierten nun. Rückzugskonzepte wie die „Benedikt-Option“ lehnte Müller jeoch ab: „Wir sollten keine Ideologie daraus machen.“ Er plädierte für ein volkskirchliches Christentum in der Fläche und gegen „Superchristen“ in abgeschotteten Milieus.
Ein bloßes Kulturchristentum ohne Glauben hält er für unzureichend. Ohne Gott gebe es keine tragfähige Moral: „Wenn es keinen Gott gibt, dann ist alles erlaubt.“ Ein reduziertes Christentum schaffe nur neue Götzen. In der Geschichte habe man beispielsweise Hitler „zum Messias gemacht“.
In der Gegenwart sei der Papst mit seiner Kirche weltweit „die einzige moralische Instanz, die glaubwürdig ist“. Mit Blick auf Leo XIV. äußerte Müller die Erwartung eines neuen sozialethischen Impulses, etwa zu Künstlicher Intelligenz und Machtkonzentration.
Er kritisierte ein Liberalismusverständnis, das Freiheit von moralischen Gesetzen mit Profitmaximierung gleichsetze, und mahnte generationenübergreifende Gerechtigkeit an: „Wir können nicht noch mehr Schulden machen zulasten der Enkel.“
Zu seinem Verhältnis zum Papst sagte Müller abschließend: „Ich glaube, dass er einiges liest, was ich schreibe. Aber ich dränge mich nicht auf. Ich bete jeden Tag für ihn.“





