Benedikt XVI.: Legalisierung gleichgeschlechtlicher Ehe eine "Verformung des Bewußtseins"

Papst Benedikt im Vatikan am 28. August 2010
Foto: LOR / CNA Deutsch

Der emeritierte Papst Benedikt XVI. hat gesagt, dass die Legalisierung der gleichgeschlechtlichen Ehe in vielen Ländern "eine Verformung des Bewußtseins" darstelle, die auch in einigen katholischen Kreisen angekommen sei.

In einer Einleitung zu einem neuen Sammelband seiner Schriften über Europa schreibt Benedikt XVI., dass "mit der Legalisierung der 'gleichgeschlechtlichen Ehe' in 16 europäischen Ländern die Frage von Ehe und Familie eine neue Dimension angenommen hat, die nicht ignoriert werden kann".

"Wir sind Zeugen einer Verformung des Bewußtseins [deformazione della conscienza], die offensichtlich tief in Teile des katholischen Volkes eingedrungen ist", so der emeritierte Papst. "Darauf kann man nicht mit einem kleinen Moralismus oder gar mit einem exegetischen Hinweis antworten. Das Problem geht tiefer und muss daher grundlegend angegangen werden."

Die Einleitung, die am 16. September in der italienischen Zeitung Il Foglio veröffentlicht wurde, wurde für das italienische Buch "Das wahre Europa: Identität und Mission" geschrieben.

Papst Franziskus schrieb das Vorwort zu dem Buch, das Texte von Benedikt XVI. aus der Zeit vor und während seines Pontifikats, das von 2005 bis 2013 dauerte, versammelt.

Im Vorwort schreibt Franziskus, dass "jenseits vieler Worte und hochtrabender Proklamationen heute in Europa die Idee der Achtung vor jedem menschlichen Leben immer mehr verloren geht, beginnend mit dem Verlust des Bewusstseins seiner Heiligkeit, das heißt, gerade beginnend mit der Vernebelung des Bewusstseins, dass wir Geschöpfe Gottes sind."

"Benedikt XVI. hat sich nicht gescheut, im Laufe der Jahre mit großem Mut und Weitblick die vielen Erscheinungsformen dieser dramatischen Abkehr vom Schöpfungsgedanken anzuprangern, bis hin zu den aktuellen, endgültigen Konsequenzen, die im Einführungstext absolut klar und überzeugend beschrieben werden", so Papst Franziskus.

In seiner Einleitung sagt Benedikt XVI., dass es wichtig sei, festzustellen, dass das Konzept der "gleichgeschlechtlichen Ehe" grundsätzlich "im Widerspruch zu allen Kulturen der Menschheit steht, die bisher aufeinander gefolgt sind, und somit eine kulturelle Revolution bedeutet, die der gesamten Tradition der Menschheit bis heute entgegengesetzt ist".

Der Theologe und emeritierte Pontifex weist darauf hin, dass es keinen Zweifel daran gibt, dass verschiedene Kulturen unterschiedliche rechtliche und moralische Vorstellungen von Ehe und Familie haben, wie etwa die tiefgreifenden Unterschiede zwischen Polygamie und Monogamie.

Benedikt betont aber, dass nie in Frage gestellt worden sei, dass die Existenz des Menschen in seiner männlichen und weiblichen Form auf die Fortpflanzung ausgerichtet ist, "sowie die Tatsache, dass die Gemeinschaft von Mann und Frau und die Offenheit für die Weitergabe des Lebens das Wesen dessen bestimmen, was man Ehe nennt".

"Die grundlegende Gewissheit, dass der Mensch als Mann und Frau existiert, dass die Weitergabe des Lebens eine dem Menschen zugewiesene Aufgabe ist, dass es die Gemeinschaft von Mann und Frau ist, die dieser Aufgabe dient, und dass darin, jenseits aller Unterschiede, die Ehe im Wesentlichen besteht - das ist eine ursprüngliche Gewissheit, die für die Menschheit bis jetzt offensichtlich war", so Benedikt.

Der emeritierte Papst schreibt auch, dass die grundlegende Umwälzung dieser Idee mit der Einführung der Antibabypille und der damit verbundenen Möglichkeit, die Fruchtbarkeit von der Sexualität zu trennen, eingeleitet worden sei.

"Diese Trennung bedeutet in der Tat, dass auf diese Weise alle Formen der Sexualität gleichwertig sind", stellt er fest. "Ein grundlegendes Kriterium gibt es nicht mehr."

Diese neue Botschaft, so Benedikt, habe das Bewußtsein von Männern und Frauen tiefgreifend verändert – erst langsam und jetzt immer deutlicher.

Aus der Trennung von Sexualität und Fruchtbarkeit, so fuhr er fort, folgt das Gegenteil: "Die Fruchtbarkeit kann natürlich auch ohne Sexualität gedacht werden."

Benedikt XVI. stellt fest, dass es daher richtig erscheint, die Zeugung des Menschen nicht mehr der "gelegentlichen Leidenschaft des Fleisches anzuvertrauen, sondern den Menschen vernünftig zu planen und zu erzeugen".

So wird der Mensch nicht mehr "erzeugt und gezeugt, sondern gemacht", betonte der emeritierte Pontifex, was bedeutet, dass der Mensch kein Geschenk ist, das man erhält, sondern "ein Produkt, das wir planen".

Er fügt hinzu, dass, wenn die Menschheit planen kann, Leben zu schaffen, es auch wahr sein muss, dass man planen kann, es zu zerstören, und stellt fest, dass die wachsende Unterstützung für assistierten Suizid und Euthanasie als "geplante Beendigung des eigenen Lebens ein integraler Bestandteil des beschriebenen Trends ist."

Bei der Frage der gleichgeschlechtlichen Ehe gehe es nicht darum, "ein wenig aufgeschlossener und offener zu sein". Vielmehr stelle sich die grundsätzliche Frage: Wer ist der Mensch? "Und damit auch die Frage, ob es einen Schöpfer gibt oder ob wir nicht alle nur Industrieprodukte sind".

"Es stellt sich die Alternative: Entweder ist der Mensch ein Geschöpf Gottes, er ist das Ebenbild Gottes, er ist ein Geschenk Gottes, oder der Mensch ist ein Produkt, das er selbst zu schaffen versteht", so Benedikt XVI.

Die ökologische Bewegung habe festgestellt, dass es Grenzen der Natur gibt, die wir nicht ignorieren können, und ebenso besitzt der Mensch eine Natur, die ihm gegeben wurde "und deren Verletzung oder Leugnung zur Selbstzerstörung führt".

Dies gilt auch für die Schöpfung des Menschen als Mann und Frau, die bei der Hypothese der "gleichgeschlechtlichen Ehe" ignoriert werde, betont der emeritierte Papst.

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Übersetzt und redigiert aus dem Original der CNA Deutsch-Schwesteragentur.