Analyse: Der Papst und der Ayatollah – Ein historischer Höflichkeitsbesuch?

Historische Begegnung in nüchterner Atmosphäre: Ayatollah Ali Al-Sistani (links) und Papst Franziskus bei ihrem Treffen am 6. März im irakischen Nadschaf.
Foto: Vatican Media
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Keine Ansprache, keine Zeremonien, keine Manuskripte – nur ein Foto der beiden sitzenden Männer, dazwischen eine prosaisch platzierte Schachtel Taschentücher: Es war nicht nur keine inszenierte Begegnung zweier Religionsführer, sondern ein betont nüchterner Höflichkeitsbesuch, zu dem Papst Franziskus heute morgen beim schiitischen Ayatollah Ali Al-Sistani empfangen wurde.

Der Pontifex hatte die erste Nacht im Irak in der apostolischen Nuntiatur in Bagdad verbracht und die Residenz am frühen Samstagmorgen verlassen, um mit dem Auto zum Internationalen Flughafen von Bagdad zu reisen.

Er nahm einen Flug der Iraqi Airways nach Nadschaf, eine Stadt, die als die drittheiligste Stadt des schiitischen Islam nach Mekka und Medina gilt. Am Flughafen von Nadschaf wurde er vom Gouverneur der Provinz Nadschaf, Louay al-Yasiri, empfangen.

Dann reiste er mit dem Auto zu Al-Sistanis bescheidener Residenz. Am Eingang wurde er vom Sohn des Großajatollahs, Mohammed Rida, begrüßt, der ihn in den Raum führte, in dem sein Vater private Gespräche mit Besuchern führt.

Matteo Bruni, Direktor des Pressebüros des Heiligen Stuhls, sagte am 6. März, dass die beiden Männer eine Dreiviertelstunde lang während eines privaten Treffens in Al-Sistanis Residenz in Nadschaf, Zentralirak, gesprochen haben.

Während des 45 Minuten langen Höflichkeitsbesuchs betonte der Heilige Vater die Wichtigkeit der Zusammenarbeit und Freundschaft zwischen den Religionsgemeinschaften, um durch die Pflege des gegenseitigen Respekts und des Dialogs zum Wohl des Irak, der Region und der gesamten Menschheitsfamilie beizutragen", sagte Bruni.

Ein Sprecher des Ayatollahs erklärte gegenüber CNA / EWTN News am heutigen Samstag, Ali Al-Sistani habe mit dem Papst über "die großen Herausforderungen, denen die Menschheit in dieser Zeit gegenübersteht, und die Rolle des Glaubens an den Allmächtigen Gott und seine Botschaften sowie die Verpflichtung auf hohe moralische Werte bei der Überwindung dieser Herausforderungen" gesprochen.

Der Ayatollah sprach weiter mit Franziskus "über die Ungerechtigkeit, die Unterdrückung, die Armut, die religiöse und intellektuelle Verfolgung, die Unterdrückung grundlegender Freiheiten und das Fehlen sozialer Gerechtigkeit, insbesondere über die Kriege, die Gewalttaten, die Wirtschaftsblockade, die Vertreibung vieler Völker in unserer Region, und so weiter, insbesondere des palästinensischen Volkes in den besetzten Gebieten".

Sistani wünschte dem Pontifex, den Anhängern der katholischen Kirche und der gesamten Menschheit alles Gute und Glück und dankte ihm dafür, dass er sich die Mühe gemacht hat, nach Nadschaf zu reisen, um diesen Besuch zu machen.

Eine Schlüsselfigur und ein Stammvater

Am zweiten Tag seiner Irakreise sind die Ruinen der antiken Ausgrabungsstätte von Ur der mediale Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Hier wird Papst Franziskus an einem Friedensgebet teilnehmen und Abrahams gedenken, dem Stammvater der drei monotheistischen Religionen – des Judentums, Christentums und Islam.  

Es ist diese Kulisse, die dem kurzen Treffen mit Al-Sistani einen historischen Horizont geben soll, wie CNA Deutsch berichtet hat. Doch Vergleiche mit den öffentlichen Akten der Verbrüderung, die der Papst mit dem sunnitischen Scheich Ahmad Al-Tayyeb, Großimam der Al-Azhar, öffentlich gezeigt hat, sind verfrüht. Ein kurzer Höflichkeitsbesuch ist nicht einfach vergleichbar mit der am 4. Februar 2019 unterzeichneten "Erklärung über die Brüderlichkeit aller Menschen". 

Ein Grund dafür sind die Spannungen zwischen Schiiten und Sunniten im Islam. Doch gleichzeitig kann diese Begegnung ein kleiner, aber wichtiger Schritt in Richtung Brüderlichkeit sein, wie Prinz Hassan Bin Talal von Jordanien erklärt hat – das zeige die Enzyklika Fratelli Tutti. Und das zeigt auch das weitere Programm und Motto dieser Reise von Papst Franziskus.  

Dabei ist der schiitische Groß-Ayatollah Ali Al-Sistani eine Schlüsselfigur. Der Islam ist zwar mit großer Mehrheit sunnitisch. Vor allem im Süden des Irak spielt der im Iran beheimatete schiitische Glaube eine entscheidende Rolle, und der im Iran geborene 90-jährige Ayatollah wird als weithin als spirituellen Führer mit Weitsicht, Nüchternheit und Weisheit beschrieben – selbst von denen, die nicht Schiiten sind.

Wohlwollende Initiativen und herzliche Worte gegenüber Christen kennzeichneten Al-Sistanis Interesse an den Schwierigkeiten der letzten Jahrzehnte der irakischen Geschichte, berichtet das Pressewerk der Päpstlichen Missionswerke.

Im November 2019, als das Land durch Straßendemonstrationen und gewaltsame Unterdrückung der Sicherheitsapparate erschüttert wurde, drückte der chaldäische Patriarch, Kardinal Louis Raphael Sako, öffentlich seine volle Zustimmung gegenüber Al-Sistani aus. Dieser hatte in einer bedeutenden Predigt die politischen Behörden des Landes aufgefordert, schnell zu handeln, und auf die Forderungen der Demonstranten zu hören.

Im Januar 2019 hatte Ayatollah Ali Al-Sistani empfohlen, die "abscheulichen Verbrechen" zu untersuchen, die von Dschihadisten und Terroristen unter anderem an Jesiden in Sinjar, Christen in Mossul und Turkmenen in Tal Afar begangen wurden.

Bereits im April 2017 hatte Scheich Abdul Mahdi Karbalai, in seiner Eigenschaft als offizieller Vertreter von Al-Sistani, bei einem Treffen mit einer Delegation von Christen aus Mossul volle Bereitschaft für ein friedliches Miteinander ausgedrückt. Die Rückkehr chaldäischer, syrischer und assyrischer Christen in ihre Häuser und Dörfer in der Ninive-Ebene nach der endgültigen Befreiung von den Milizen des Islamischen Staates unterstützte der schiitische Sprecher ebenfalls.

Im Januar 2014, vor der Belagerung der Stadt Mossul und des Nordiraks durch den Islamischen Staat, drückte der Ayatollah in seinem Gespräch mit einer Delegation der Gemeinschaft Sant'Egidio in Nadschaf seine Solidarität mit den irakischen Christen aus und bekräftigte, dass es notwendig sei, die Präsenz indigener christlicher Gemeinschaften im Land zu erhalten und dass die gezielte Gewalt, deren Opfer sie sind, eine Bedrohung für den gesamten Irak darstellt.

Das Treffen zwischen dem Bischof von Rom und dem Ayatollah in Nadschaf ist zumindest der Höhepunkt des langen Austauschs von Zeichen der Verbundenheit und des Mitgefühls zwischen Christen und Al-Sistani in den letzten Jahrzehnten markieren. Und vielleicht ein Wegweiser für weitere Schritte.

Im März 2005 hatte eine Gruppe irakischer Christen, die in die USA ausgewandert waren, darunter mehrere Mitglieder der chaldäischen Gemeinde von San Diego, eine Online-Petition gestartet, um den Ayatollah für den Friedensnobelpreis zu nominieren, und diese Entscheidung mit der Tatsache begründet, dass Al-Sistani "für Muslime auf der ganzen Welt ein gutes Beispiel dafür sein kann, wie man friedliche Wege beschreitet, um komplexe soziale und politische Herausforderungen zu lösen und den Terrorismus zu verurteilen."

Nach der von den USA angeführten militärischen Intervention, die 2003 das Baath-Regime stürzte, forderte eine von Ayatollah Al-Sistani proklamierte Fatwa alle schiitischen Muslime auf, Mitglieder von Glaubensgemeinschaften von Minderheiten, einschließlich Christen, zu schützen und nicht zu misshandeln oder als "fünfte Kolonne" ausländischer Streitkräfte zu betrachten. Nach dem Tod von Papt Johannes Paul II. schickte Ayatollah Al Sistani 2005 ein Telegramm an den damaligen Staatssekretär des Vatikans, Kardinal Angelo Sodano, und an den damaligen Apostolischen Nuntius im Irak, Erzbischof Fernando Filoni, um "allen Katholiken" sein Beileid auszusprechen. Der verstorbene habe "die Botschaft des Friedens übermittelt und den interreligiösen Dialog gefördert. Er war ein Papst, der allen Religionen sehr respektvoll gegenüberstand".

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