Der Regenbogen Gottes über unserem Leben: Kardinal Koch zur Taufe des Herrn

Die Predigt des Präsidenten des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen am Campo Santo Teutonico

Kardinal Kurt Koch
Foto: EWTN / Paul Badde
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Zum heutigen Fest der Taufe des Herrn hat Kardinal Kurt Koch in der Kirche Santa Maria della Pietà am Campo Santo Teutonico im Vatikan die nachfolgende Predigt gehalten.

Dabei sagte der Schweizer Kurienkardinal:

Wer könnte und wollte ehrlichen Herzens bestreiten, dass auch das Christentum heute immer wieder von dieser Versuchung bedroht ist, dass gleichsam das Wunder von Kana auf den Kopf gestellt wird? Während Jesus bei der Hochzeit zu Kana Wasser in Wein verwandelt hat, gibt es doch auch heute in der Kirche Tendenzen, den in der Passion Jesu gekelterten Wein wieder in Wasser zu verwandeln.

CNA Deutsch dokumentiert den vollen Wortlaut mit freundlicher Genehmigung. 

Die Taufe Jesu und unsere Taufe

Mit dem Fest der Taufe des Herrn, das wir heute feiern, beenden wir den Kranz der Feste der Weihnachtszeit und beginnen das allgemeine Kirchenjahr. Im liturgischen Kalender bildet dieses Fest die Brücke zwischen dem Weihnachtsfestkreis und dem Alltag des Jahres, in dem sich bewähren will, was wir in der Weihnachtszeit gefeiert haben, dass nämlich auch im oft genug banalen Alltag das Friedenslicht von Weihnachten immer wieder aufstrahlen möge. Dieses Fest entlässt uns aber nicht in den Alltag, ohne uns nochmals die Konsequenzen der vergangenen Feste vor Augen zu führen. Bei der Taufe des Herrn geht es zunächst um die Konsequenzen für ihn selbst. Diese werden freilich erst sichtbar, wenn wir nach dem genaueren Sinn der Taufe Jesu durch Johannes fragen und unsere Aufmerksamkeit auf zwei Besonderheiten richten, die die Johannestaufe auszeichnen.

Weihnachtskonsequenzen für den Herrn

Zur Taufe des Johannes gehört erstens das Bekenntnis der Sünden, gleichsam die Beichte. Mit dieser Taufe war deshalb die Bereitschaft verbunden, den bisherigen sündigen Lebenswandel hinter sich zu lassen und den Aufbruch zu einem neuen und veränderten Leben zu wagen. Von daher stellt sich natürlich die Frage ein, warum sich Jesus dieser Umkehrtaufe unterziehen wollte: Wie konnte er, der Sohn Gottes, Sünden bekennen? Wie sollte er sich vom bisherigen Leben trennen, um ein neues Leben beginnen zu können? Dass solche Fragen nicht aus der Luft gegriffen sind, zeigt der Umstand, dass beim Evangelisten Matthäus diese Frage bereits Gegenstand eines eigentlichen Streitgesprächs zwischen dem Täufer und Jesus gewesen ist. Als Johannes Jesus sah, der sich von ihm taufen lassen wollte, liess Johannes dies nicht zu und sagte: „Ich müsste von dir getauft werden, und du kommst zu mir?“ (Mt 3, 14) Doch Jesus gab ihm zur Antwort: „Lass es nur zu! Denn nur so können wir die Gerechtigkeit ganz erfüllen.“

In dieser Antwort liegt der Schlüssel für das auf den ersten Blick überraschende Verhalten Jesu. Die ganze Gerechtigkeit, die Gott erwartet, kann nämlich nur dadurch erfüllt werden, dass Jesus mit allen Menschen solidarisch wird, die schuldig geworden sind, sich aber nach Gerechtigkeit sehnen. Indem Jesus sich unter die graue Menge von Sündern, die an den Ufern des Jordan warten, mischt, wird die elementarste Konsequenz von Weihnachten für ihn selbst sichtbar: Gottes Liebe ist grenzenlos. Seine Liebe hat ihn nicht nur gedrängt, in einem allgemeinen Sinn Mensch zu werden. Er wollte konkret und hautnah Mensch werden: er wollte sich auch von der sündigen Welt berühren lassen und mit den Sündern solidarisch werden.

Damit wird zugleich der Blick frei für die zweite Besonderheit, die für die Johannestaufe charakteristisch war. Sie wurde nämlich durch Untertauchen des Täuflings in die Wasser des Jordan vollzogen. Für die Menschen von damals brauchte man diesen Ritus nicht zu erklären. Denn das Wasser hatte für sie von ihrer alltäglichen Erfahrung her eine sehr ambivalente Bedeutung: Auf der einen Seite nahmen sie im Wasser des Ozean die permanente Bedrohung des Kosmos wahr, so dass das Untertauchen in die Wasser des Jordan als Symbol des Todes verstanden wurde. Auf der anderen Seite wussten die Menschen aber auch um die Wohltat der grossen Wasserströme des Nils, des Euphrat und des Tigris, die ihnen als Lebensspender galten. Auch der Jordan war und ist ein wichtiger Lebensquell für das Umland. So konnte das Wasser auch zum Symbol des Lebens werden.

Die Johannestaufe macht somit durch die Symbolik des Untertauchens den Übergang von der Sünde in die Gnade und vom Tod ins Leben sichtbar, wie ihn der grosse Kirchenlehrer im vierten Jahrhundert, Johannes Chrysostomus, mit den Worten gedeutet hat: „Untertauchen und Auftauchen sind das Bild für den Abstieg in die Hölle und Auferstehung.“ Indem Jesus in seiner Taufe an den Platz der Sünder tritt, weist dieses Geschehen bereits voraus auf das bevorstehende Geschick Jesu und ist eine Ankündigung des Kreuzes, an dem Jesus für die Sünden der Menschheit den Tod auf sich nimmt. Und umgekehrt weist bei der Taufe des Herrn die Stimme aus dem Himmel – „Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Gefallen gefunden“ - bereits voraus auf die Auferstehung. Das Fest der Taufe des Herrn bildet so bereits die Brücke zur Österlichen Busszeit und zum Osterfestkreis und birgt in sich das grossartige Geheimnis unseres Glaubens.

Neu-Orientierung in der Taufe

Wenn wir uns in dieses Geheimnis vertiefen, werden wir dessen inne, dass wir mit unserer Taufe auch Anteil an der Taufe Jesu und damit auch an seinem Tod und seiner Auferstehung erhalten haben. Denn auch im Blick auf die ihm Nachfolgenden benennt Jesus mit dem Wort „Taufe“ auch den Tod. Den Zebedäussöhnen, die Jesus um die vornehmen Plätze zu seiner Rechten und Linken in seiner Herrlichkeit bitten, stellt er die harte Rückfrage: „Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke, oder die Taufe auf euch nehmen, mit der ich getauft werde?“ (Mk 10, 38) Jesus bindet das Sitzen in der Herrlichkeit des Himmels an die Erfüllung des Willens Gottes und nennt als Zulassungsvoraussetzungen für seine Nachfolge Kelch und Taufe.

Diese herausfordernde Antwort gab Jesus nicht nur den Zebedäussöhnen damals, sondern diesen Anspruch hat er auch bei uns mit unserer Taufe und unserem alltäglichen Leben aus der Taufe verbunden. Denn auch die christliche Taufe ist mit einem Sündenbekenntnis und mit der Symbolik von Tod und Auferstehung und damit mit der Bereitschaft zur Umkehr verbunden. In den Anfängen der Kirche wurde die mit der Taufe verknüpfte Umkehr ganz wörtlich verstanden und dementsprechend dramatisch vollzogen. Von der frühen Liturgie in Jerusalem ist uns überliefert, dass bei der Aufnahme von Erwachsenen in die kirchliche Gemeinschaft der Täufling hinten in der Kirche nach Westen als den Ort der Finsternis blickte und sich viermal vom Teufel und allem Bösen und seinem Pomp lossagte. Dann drehte er sich nach Osten als den Ort der aufgehenden Sonne und des Lichtes und bekannte dreimal den christlichen Glauben an Gott, den Vater, an seinen Sohn, Jesus Christus, und an den Heiligen Geist.

In dieser Umdrehung von Westen nach Osten wurde liturgisch inszeniert, was Umkehr in der Taufe bedeutet: Abwendung vom Bösen und Hinwendung zum Guten und damit Umdrehung des eigenen Lebens. Mit dieser Umdrehung war eine Neuorientierung des eigenen Lebens verbunden, und zwar im wörtlichen Sinn des Ausrichtens des Lebens nach dem oriens, der aufgehenden Sonne, die in der Menschwerdung Jesu Christi bereits erschienen ist. Leben im Geist der christlichen Taufe hiess damals einfach: „Conversi ad dominum“ – Richtet euer Leben auf Christus aus!

Kein wässriges Christentum

Es versteht sich von selbst, dass in diesem Verständnis mit der Taufe ein sehr hoher Anspruch an den Christen verbunden gewesen ist. Es versteht sich freilich ebenso leicht, dass die Getauften in ihrem alltäglichen Leben hinter diesen Anspruch immer wieder zurückfallen. Mit dieser Erscheinung hatte die Kirche seit ihren Anfängen zu kämpfen. Ein beredtes Zeugnis davon haben wir in der heutigen Lesung aus dem Ersten Brief des Johannes gehört, der seinen Adressaten in Erinnerung gerufen hat: „Dieser ist es, der durch Wasser und Blut gekommen ist: Jesus Christus. Er ist nicht nur im Wasser gekommen, sondern im Wasser und im Blut. Und der Geist ist es, der Zeugnis ablegt; denn der Geist ist die Wahrheit. Drei sind es, die Zeugnis ablegen: der Geist, das Wasser und das Blut; und diese drei sind eins“ (1 Joh 5, 6-8).

Beim ersten Hinhören klingt dieses Wort sehr rätselhaft. Verstehen lässt es sich nur auf dem Hintergrund des Passionsberichtes beim Evangelisten Johannes, in dem es heisst, aus der Seitenwunde Jesu am Kreuz seien Blut und Wasser geflossen (Joh 19, 34). Blut und Wasser sind für Johannes Bilder für die beiden Grundsakramente der Kirche, nämlich Taufe und Eucharistie. Johannes bringt damit zum Ausdruck, dass die Sakramente von Taufe und Eucharistie und damit die Kirche selbst vom Kreuz Jesu her kommen. Auf diesem Hintergrund wird verständlich, dass sich Johannes in einer sehr polemischen Weise gegen ein Christentum zur Wehr setzt, das nur noch die Taufe Jesu als Heilsereignis anerkennen will, seinen Tod am Kreuz und seine Vergegenwärtigung in der Eucharistie jedoch aus dem Glaubensbewusstsein ausblendet. Johannes hat es folglich mit einem Christentum zu tun, das nur das Wasser der Taufe, nicht aber das Blut der Eucharistie und damit des Kreuzes Jesu will. Vom Christentum bleibt nur noch das Wasser übrig; und so wird es ein wässriges oder gar verwaschenes Christentum.

Wer könnte und wollte ehrlichen Herzens bestreiten, dass auch das Christentum heute immer wieder von dieser Versuchung bedroht ist, dass gleichsam das Wunder von Kana auf den Kopf gestellt wird? Während Jesus bei der Hochzeit zu Kana Wasser in Wein verwandelt hat, gibt es doch auch heute in der Kirche Tendenzen, den in der Passion Jesu gekelterten Wein wieder in Wasser zu verwandeln. Johannes beharrt demgegenüber mit einer eindringlichen Eindeutigkeit darauf, dass Wasser und Blut, Taufe und Eucharistie, Nachfolge und Kreuz unlösbar zusammengehören und dass wir alle eingeladen und herausgefordert sind, den Ernst unserer Taufe wieder neu zu entdecken, indem wir ihn am heutigen Fest an der Taufe Jesu selbst orientieren.

Christsein im Wasser der Kirche

Die Entdeckung des Ernstes unserer Taufe schenkt uns auch neue Freude am Christsein. Auch für diese Freude ist das Wasser der Taufe ein schönes Symbol. In allen grossen Religionen ist das Wasser Symbol für Leben, Fruchtbarkeit und Mutterschaft. Für die frühen christlichen Denker steht das Wasser für den Mutterschoss der Kirche. Wenn Tertullian im dritten Jahrhundert das erstaunliche Wort geprägt hat: „Christus ist nie ohne Wasser“, dann wollte er damit zum Ausdruck bringen, dass Christus nie ohne Kirche ist, weil die Kirche die Mutter unseres Glaubens und des christlichen Lebens ist. Wenn wir in der Taufe, wie Paulus sagt, als Töchter und Söhne Gottes adoptiert werden, dann werden wir zugleich in die neue Familie Gottes aufgenommen, die in der Kirche Gestalt angenommen hat. Die Taufe ist nicht einfach eine individuelle spirituelle Wirklichkeit oder eine subjektive Entscheidung des Einzelnen allein, sondern etwas sehr Konkretes und Reales, nämlich das Leben in der Familie der Kirche. Die Taufe markiert nicht nur den Übertritt eines Menschen zum christlichen Glauben, sondern auch den Eintritt in die Glaubensgemeinschaft der Kirche. Die existenzielle Übereignung des Getauften an Christus und seine Einfügung in die Kirche als Leib Christi gehören unlösbar zusammen. Die Grundberufung des Christen und der Christin besteht aufgrund der Taufe darin, Glieder des Leibes Christi zu werden und als solche zu leben.

Die Taufe ist gleichsam das Eintrittstor in die Kirche, die sich immer wieder zum Gotteslob versammelt, und zwar seit ihren Anfängen, wie es bereits in der Apostelgeschichte sichtbar ist: Nach der Himmelfahrt Jesu Christi versammelten sich die Apostel zusammen mit den Frauen, die Jesus nachgefolgt waren, und Maria, der Mutter Jesu, im Abendmahlssaal, und verharrten dort einmütig im Gebet um das Kommen des Heiligen Geistes, mit dem sich die Verheissung des Johannes des Täufers im heutigen Evangelium erfüllt hat: „Ich habe euch nur mit Wasser getauft; er aber wird euch mit dem Heiligen Geist taufen“ (Mt 1, 8). Indem die Apostelgeschichte über Pfingsten berichtet, dass sich der Himmel wiederum öffnet und von ihm her Feuer und Geist auf die Erde herab kommen, wird vollends sichtbar, dass das heutige Fest der Taufe des Herrn uns einen geöffneten Himmel zeigt und wir als Getaufte unter einem offenen Himmel leben dürfen.

Die Taufe ist wie der „Regenbogen Gottes über unserem Leben“(*), sie spricht uns die Verheissung des grossen Ja Gottes zu, sie ist die Tür der Hoffnung und zugleich die Wegweisung, die uns zeigt, was es heisst, heute Christ zu sein: in der Verbundenheit mit der eigenen Familie, in der Gemeinschaft mit der Kirche Gottes, im lebendigen und persönlichen Mitgehen mit Jesus Christus und im Gehen auf seinen Wegen. Die Taufe ist denn auch der tiefste Grund, der uns immer wieder inspiriert, Gott das grosse Dankgebet der Eucharistie darzubringen.

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(*) Kardinal J. Ratzinger, Weihnachtspredigten (München 1998) 75.