"Gott oder Nichts" – EXKLUSIV: Die Rede von Erzbischof Georg Gänswein

Eine Studie von Jesus Christus, angefertigt von Leonardo da Vinci für das Wandgemälde "Das Abendmahl", Anfang des 16. Jahrhunderts.
Foto: Public Domain
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Es ist ein Gespräch über den Glauben; ein Buch über die Fragen der postmodernen Welt. Es ist der persönliche Weg eines kleinen Jungen aus Afrika zu einer führenden Rolle der Weltkirche in Rom, der zeigt, wie dieser unterwegs zur furchtlosen Stimme der Katholiken seines Kontinents wurde: "Gott oder Nichts" von Kardinal Robert Sarah.

Am heutigen Freitagabend wurde das Buch in der deutschen Kirche von Rom, der Santa Maria dell'Anima, offiziell vorgestellt. Hochkarätige Kardinäle aus Australien und Italien kamen, um die Präsentation zu unterstützen: George Pell und Rino Fisichella sprachen sich ebenso wie Erzbischof Georg Gänswein für das Werk aus, das einige jetzt schon "das wichtigste Buch des Jahres" nennen.

Wir dokumentieren die Rede von Erzbischof Gänswein exklusiv und in voller Länge.

Gott oder Nichts

Lieber Herr Kardinal Sarah, als ich im Sommer die Druckfahnen Ihres Buchs "Gott oder nichts" las, erinnerte mich Ihr Freimut mehrmals an die Kühnheit, mit der Papst Gelasius I. im Jahr 494 in Rom einen Brief an Kaiser Anastasios I. in Konstantinopel schrieb. Als dann später endlich ein geeignetes Datum für die Vorstellung dieses  Buches hier in der Anima gefunden wurde, entdeckte ich, dass ausgerechnet heute, an diesem 20. November, die Kirche eben jenes Papstes gedenkt. Heute ist das Patrozinium von Papst Gelasius aus Nordafrika. Gestatten Sie, dass ich  deshalb zunächst mit wenigen Worten auf dessen Brief aus dem Jahr 494  eingehe.

Achtzehn Jahre vorher, im Jahr 476, hatten germanische Stämme die alte Hauptstadt überrannt. Die Völkerwanderung hatte begonnen, in der das weströmische Reich unterging. Von dem einst so mächtigen Imperium war nur die ohnmächtige römische Kirche übriggeblieben.

In dieser Situation schrieb Papst Gelasius dem oströmischen Kaiser in Byzanz folgendes: zur Leitung der Welt gebe es nicht nur eine Macht, sondern deren zwei.  Das wüssten wir, seit der Herr seinen Aposteln nach dem letzten Abendmahl (Lukas 22,38) die geheimnisvolle Auskunft gegeben hat, "zwei Schwerter", die sie ihm gerade gereicht hatten, seien "genug". Diese beiden Schwerter aber müssten sich seiner Auffassung zufolge der Kaiser und der Papst in der Zeit der Geschichte teilen. Mit anderen Worten: mit diesem Brief stellte Papst  Gelasius I. die geistliche Gewalt  mit der weltlichen Gewalt  auf eine Ebene. Es sollte keine Allmacht mehr geben. Papst und Kaiser seien - zum Wohl aller Menschen! - von Gott her als Partner gedacht.

Es war ein Paradigmenwechsel. Doch damit nicht genug. Denn Gelasius fügte noch an, dass der Kaiser in Konstantinopel nach göttlichem Recht ihm, dem Nachfolger Petri in Rom, doch ein wenig untergeordnet sei. Denn müssten selbst die obersten Herrscher nicht aus der Hand jeden Priesters demütig die Sakramente empfangen? Wie viel mehr sei der Kaiser dann aber ihm als Papst gegenüber zur Demut verpflichtet, dessen Stuhl doch jeden anderen Bischofsitz überrage?

Der Anspruch war ungeheuerlich. So wundert nicht, dass der byzantinische Kaiser damals kaum ein Achselzucken dafür übrig hatte.

Doch die "Zwei-Schwerter-Lehre", wie der Anspruch nach diesem Brief benannt wurde, beschrieb danach etwa 600 Jahre lang das Verhältnis zwischen Staat und Kirche. Seine indirekten Auswirkungen dauerten unendlich viel länger. Die allmähliche Entstehung der westlichen Demokratien ist undenkbar ohne diesen Anspruch. Denn hier wurde nicht nur der Grundstein für die Souveränität der Kirche gelegt – sondern auch die jeder legitimen Opposition.

In diesem Spannungsfeld ist Europa von da an jedenfalls gewachsen und schmerzhaft gereift. Die Geschichte der katholischen Kirche als zivilisatorischer Kraft ist undenkbar ohne die Spur, die Gelasius I. legte, als er dem Allmachtstreben Kaiser Anastasios I. damals  entgegentrat. Auch die spätere Trennung von Kirche und Staat und das System der "Balance of Power" nahm mit diesem Brief seinen Anfang, als der ohnmächtige Papst dem mächtigsten Herrscher des Erdkreises  plötzlich unerschrocken das Recht absprach, auch über die Seelen seiner Untertanen herrschen zu wollen. Es war die Zeit der Wirren und der Völkerwanderung, wie gesagt, in der die römische Kirche zur entscheidenden Ordnungsmacht des Westens wurde.

All dies ist heute – wo urplötzlich wieder eine Völkerwanderung aus dem Osten gegen die Grenzen Europas flutet - natürlich auch dem höchst geschichtsbewussten Kardinal Sarah bewusst, der selbst wie Gelasius aus Afrika stammt, dem derzeit vitalsten und dynamischsten Teil der universalen Weltkirche. Wahrscheinlich sind ihm darum auch die wegweisenden "afrikanischen" Synoden von Karthago vom 3. bis zum 5. Jahrhundert ebenso gegenwärtig wie alle späteren Konzilien bis zum II. Vatikanum. Ganz gewiss sieht er so klar wie nur wenige, dass viele Staaten heute wieder mit aller Gewalt auch jene "geistliche Macht" beanspruchen, die ihnen die Kirche einmal in einem langen Prozess – zum Wohl der ganzen Gesellschaft! - entwunden hat.

Denn wenn die Staaten des Westens heute nach der Regie global agierender Pressure-Groups reihenweise das Naturrecht aushebeln und selbst über die Natur des Menschen befinden wollen (wie in den höchst ideologischen Programmen des Gender-Mainstreaming), dann ist dies mehr als nur ein fataler Rückfall in die Herrschaft der Willkür. Es ist vor allem eine neue Unterwerfung vor jener totalitären Versuchung, die unsere Geschichte immer wie ein Schatten begleitet hat.

Jede Generation kennt diese Versuchung, auch wenn sie in jeder Epoche in neuer Gestalt und Sprache auftritt - wo Kardinal Sarah heute aber souverän und mit Nachdruck darauf besteht, dass die Kirche nicht aufgehen darf im Zeitgeist, auch wenn dieser Geist sich als Wissenschaft verkleidet und tarnt, wie wir es schon vom Rassismus und Marxismus kennen.

Es darf auch nie wieder die Allmacht irgendeiner Institution geben. Weder dem Staat noch dem Zeitgeist steht diese Allmacht zu - und natürlich auch der Kirche nicht. Dem Kaiser, was des Kaisers ist. Unbedingt. Doch Gott, was Gottes ist! Auf dieser Unterscheidung besteht Kardinal Sarah heute einsam, freimütig und furchtlos.

Der Staat darf keine Religion werden, wie es uns gerade bei dem so genannten Islamischen Staat mit Entsetzen gewahr wird. Der Staat darf dem Volk aber auch nicht den Säkularismus als eine angeblich neutrale Weltanschauung verordnen, die nichts anderes ist als eine neue Pseudo-Religion, die nach den totalitären Ideologien des letzten Jahrhunderts wieder einmal antritt, um das Christentum (und jede andere Religion) als überholt und unnütz zu denunzieren und abzulösen.

Darum ist dieses Buch Kardinal Sarahs radikal. Nicht in dem Sinne, in dem wir das Wort heute meist benutzen, sondern im Sinne des Wortursprungs.  Das lateinische Radix heißt "Wurzel" im Deutschen. In diesem Sinn ist das Buch radikal. Denn dorthin, zu den Wurzeln unseres Glaubens, führt uns dieses Buch wieder zurück. Es ist die Radikalität des Evangeliums, die dieses Buch inspiriert. Der Autor ist "überzeugt, dass eine der wichtigsten Aufgaben der Kirche darin besteht, das Abendland das strahlende Antlitz Jesu wiederentdecken zu lassen".

Er hat also keine Scheu, neu über die Menschwerdung Gottes und über die Radikalität dieser frohen Botschaft zu sprechen, der er eine schonungslose Zeitanalyse gegenüber stellt. Er öffnet uns die Augen dafür, dass es sich bei den neuen Formen der Gottesgleichgültigkeit nicht einfach um gedankliche Irrwege handelt, die man auf sich beruhen lassen könnte. Er erkennt in der moralischen Umgestaltung unserer Gesellschaften eine existentielle Bedrohung der menschlichen Zivilisation schlechthin.

Dass in dieser prekären Lage der Auftrag, das Evangelium lebendig neu zu verkünden, an Dringlichkeit gewinnt, steht außer Frage. In dieser Stunde steht er prophetisch auf. Er weiß: das Evangelium, das einmal Kulturen umgeformt hat, ist nun in Gefahr, durch so genannte "Lebenswirklichkeiten" umgeformt zu werden.  Zweitausend Jahre lang hat die Kirche die Welt mit der Kraft des Evangeliums kultiviert. Umgekehrt wird es nicht funktionieren. Die Offenbarung darf nicht der Welt angepasst werden. Die Welt will Gott verschlingen. Gott aber will uns und die Welt gewinnen.

In diesem Ringen ist dieses Buch darum kein flüchtiger Beitrag zu einer bestimmten Debatte. Es ist auch keine Erwiderung auf konkrete Standpunkte anderer. Damit würde man der Tiefe und der Strahlkraft dieses Glaubenszeugnisses nicht gerecht. Kardinal Sarah geht es nicht um einzelne Konfliktfragen, sondern um das Ganze des Glaubens. Er beweist, wie aus dem richtig verstandenen Ganzen auch das Einzelne zu verstehen ist - und wie, umgekehrt, mit jedem theologischen Versuch, Teilfragen zu isolieren, das Ganze beschädigt und geschwächt wird.

Dennoch ist dieses Buch weder ein Manifest noch eine Kampfschrift geworden. Es ist ein Reiseführer zu Gott, der in Jesus Christus sein menschliches Gesicht gezeigt hat. Es ist ein Vademecum für das beginnende Heilige Jahr.

Am 20. November 2016 - heute in einem Jahr - wird dieses Heilige Jahr schon zu Ende gehen, das dem "Antlitz der Barmherzigkeit" gewidmet ist. Bis dahin können wir aus diesem Buch höchst wertvolle Lektionen über das Wesen der Barmherzigkeit gewinnen. Denn "Barmherzigkeit und Strenge der Lehre können nur vereint existieren," schrieb Reginald Garrigou-Lagrange schon im Jahr 1923. Und weiter: "Die Kirche ist bei ihren Prinzipien intolerant, weil sie glaubt, und sie ist in der Praxis tolerant, weil sie liebt. Die Feinde der Kirche sind in den Prinzipien tolerant, weil sie nicht glauben und sie sind intolerant in der Praxis, weil sie nicht lieben."

Kardinal Sarah ist ein Liebender. Und er ist ein Mensch, der uns hier zeigt, in welches Kunstwerk Gott uns verwandeln will, wenn wir uns seinen Künstlerhänden nicht widersetzen. Sein Buch ist ein Christusbuch. Es ist ein Bekenntnis. Seinen Titel müssen wir uns als einen beglückten Seufzer vorstellen: Gott oder nichts!

Das Buch ist in deutscher Sprache beim fe-Medienverlag erschienen und hat 399 Seiten.