"Herr Bischof, darf ich Ihnen noch die Hand geben?"

Interview mit Bischof Wolfgang Ipolt über Seelsorge in Zeiten des Corona-Virus

Bischof Wolfgang Ipolt
Foto: Pofex / Wikimeda (CC BY-SA 3.0de)

Das Corona-Virus legt momentan weite Teile des öffentlichen Lebens lahm und geht auch an der Kirche nicht spurlos vorüber (CNA Deutsch berichtet fortlaufend). Während vielerorts Kirchen geschlossen werden und Gottesdienste ausfallen, ruft der Görlitzer Bischof Wolfgang Ipolt zur Besonnenheit auf - und zum Gebet.

CNA Deutsch sprach mit ihm über die gegenwärtige Krise, über Gottvertrauen und Vorsichtsmaßnahmen.

Herr Bischof, das Corona-Virus hat die Gesellschaft momentan fest im Griff. Veranstaltungen ab 1.000 Personen sollen abgesagt werden, Konzerte fallen aus und gestern fand bereits ein Fußballspiel der Champions League ohne Zuschauer statt. Auch die Kirche ist betoffen: In Italien sind alle öffentlichen Gottesdienste abgesagt und selbst der Papst wagt sich nicht mehr nach draußen. Spüren Sie in Ihrem Bistum auch schon erste Auswirkungen?

Bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt spüre ich noch keine Auswirkungen. Auch unsere Gläubigen nehmen das Problem wahr, aber nach meinem Eindruck doch unaufgeregter als die Medien.

Während anderswo die Heiligen Messen ganz ausfallen, gibt es in vielen Diözesen "nur" die Einschränkung, dass zumindest auf die Mundkommunion verzichtet werden soll. Sie dagegen haben erklärt: "Ich persönlich werde jedem die heilige Kommunion reichen in der Weise, wie er sie empfangen möchte". Was hat Sie dazu bewegt?

Derzeit fallen bei uns keine Gottesdienste aus; wir haben auch keine Messfeiern mit mehr als 1.000 Teilnehmern. Es ist von der Bischofskonferenz dazu geraten worden, dass die Gläubigen auf die Mundkommunion verzichten wollten. Das haben wir bei uns im Bistum auch bekannt gemacht und diese Empfehlung weiter gegeben.

Ich möchte an der Kommunionbank keine Weisungen erteilen oder jemanden zurückweisen, wenn er mit dem Mund kommunizieren will. Die Verantwortung liegt auch bei den Gläubigen.

Wann wäre bei Ihnen der Punkt erreicht, diese Entscheidung noch einmal zu überdenken?

Ich habe ausdrücklich von einer persönlichen Entscheidung gesprochen. Den Priestern und Kommunionhelfern habe ich den Rat der Bischofskonferenz weiter gegeben.

Ich habe in meinem Leben schon verschiedentlich Menschen mit einer ansteckenden Krankheit die heilige Kommunion oder die Krankensalbung gespendet. Für mich gibt es keinen Grund, es nicht zu tun. Bei der Priesterweihe und bei der Bischofsweihe habe ich versprochen, Kranken beizustehen.

Dazu gehört für mich auch, sie im Glauben durch die Sakramente zu stärken.

Wo ziehen Sie die Grenze zwischen Gottvertrauen und Fahrlässigkeit?

Fahrlässig darf man nie handeln; darum werde ich persönlich alles tun, was das Gesundheitsamt oder die Regierung an Vorsorge wie häufigeres Händewaschen und so weiter empfehlen. Dennoch ist unser Leben in Gesundheit und Krankheit in Gottes Hand – aus diesem Vertrauen heraus sollten wir diese Epidemie auch bestehen.     

Der Papst hat die Priester am Dienstag dazu aufgefordert, auch den Menschen in Quarantäne die Kommunion zu bringen. Andernorts hört man von Gläubigen den Vorwurf, die Kirche würde sich ausgerechnet in der jetzigen schwierigen Phase durch die vielen Schließungen und Absagen zu sehr zurückziehen und die Menschen im Stich lassen. Wie sehen Sie das?

Wie Sie sehen, schließe ich mich ganz dem Anliegen von Papst Franziskus an.

In der Kirchengeschichte gibt es zahlreiche Männer und Frauen, die in Krisenzeiten keine Rücksicht auf die eigene Gesundheit genommen haben, um anderen Menschen zu helfen.

Der Heilige Rochus von Montpellier hat in Rom Pestkranke gepflegt, die Heilige Elisabeth von Thüringen soll ohne Berührungsängste sogar aussätzige Kinder liebkost haben, der Heilige Damian de Veuster wird heute noch als "Apostel der Leprakranken“ verehrt und der Heilige Borromäus brachte als Erzbischof von Mailand Pestkranken die Kommunion, bis er schließlich selbst erkrankte und mit nur 46 Jahren starb.

Ist die Kirche heute zu ängstlich oder wusste sie es damals einfach nicht besser?

Sicher hat man damals manches nicht gewusst. Manche hygienischen Maßnahmen waren schlichtweg unbekannt. Aber eines war wohl tiefer, insbesondere bei den Heiligen verwurzelt, die Sie erwähnen:

Der leidende und kranke Mensch gehört zu uns. Wir dürfen ihn nicht allein lassen. Früher hätte man wohl hinzugefügt: Hier begegnen wir dem Gekreuzigten. Ob wir das heute noch so sagen würden? Immerhin dürfen wir das Wort Jesu nie vergessen: "Ich war krank, und ihr habt mich besucht" (Mt 25).

Vielleicht lehrt die Corona-Epidemie die Gesellschaft und jeden von uns wieder neu, mit Krankheit angemessen umzugehen und vor allem betroffene Menschen solidarisch zu begleiten.

Ihr Bistum hat deutschlandweit mit knapp 30.000 Gläubigen zwar die wenigsten Mitglieder, ist beim prozentualen Gottesdienstbesuch aber Spitzenreiter. Was sagen Sie den Ihnen anvertrauten Menschen im Bistum Görlitz, die aktuell eine große Unsicherheit spüren?

Ich habe gerade gestern Abend einen Abend zur Fastenzeit mit zirka 25 Gläubigen in einer kleinen Gemeinde in Brandenburg gehalten. An der Tür sagte eine ältere Frau etwas schmunzelnd zu mir: "Herr Bischof, darf ich Ihnen noch die Hand geben?" Ich habe darauf geantwortet: "Selbstverständlich." Ich hoffe, Sie halten das nicht für fahrlässig!

Ihre Entscheidung! Doch worum ging es bei diesem Abend?

Bei diesem Abend ging es um Glaubensfragen und den "Synodalen Weg" unserer Kirche in Deutschland. Ich habe jedenfalls in diesem Kreis keine größere Verunsicherung gespürt. Ich empfehle allen, nicht in Panik auszubrechen, aber sich umsichtig und vorsichtig zu verhalten. Dazu sollten wir auch für die Ärzte und Pflegekräfte beten, die in manchen Ländern jetzt Großes leisten wie auch für die Wissenschaftler, die nach einem Medikament oder einen Impfstoff suchen und forschen.

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