Kardinal Pell inmitten Finanzskandals in Rom gelandet

Kardinal George Pell kurz nach seiner Ankunft in Rom am 30. September 2020.
Foto: Daniel Ibanez / CNA Deutsch

Inmitten der massiven Finanzskandale, die den Vatikan überschatten, ist am heutigen Mittwoch der ehemalige Präfekt des Wirtschaftsekretariates, Kardinal Georg Pell, in Rom gelandet.

Es ist der erste Besuch in der italienischen Hauptstadt seit Pells Abreise nach Australien im Jahr 2017, um sich dort – erfolgreich – gegen Vorwürfe sexuellen Missbrauchs zu wehen.

Der 79-Jährige verließ am Dienstagabend den internationalen Flughafen von Sydney und kam mit dem Nachtflug in Italien an, wie Quellen aus dem direkten Umfeld des Kardinals gegenüber CNA bestätigten.

Am Tag von Pells Ankunft behauptete die italienische Zeitung "La Repubblica" in einem Bericht auf der Titelseite, dass die Ermittler des Vatikans entdeckt hätten, dass umgerechnet knapp 25 Millionen Euro von einem Konto abgehoben worden seien, das zur Verwendung durch  Papst Franziskus vorgesehen war.

Papst Franziskus hatte den prominenten Prälaten im Jahr 2014 zum Leiter des neu geschaffenen Wirtschafts-Sekretariats ernannt: Der australische Kardinal sollte maßgeblich die Korruption und Misswirtschaft im Vatikan aufräumen helfen. 

Nachdem die Polizei von Victoria im Jahr 2017 gegen Pell Anzeige erstattete – aus Gründen, die später einen gewaltigen Justiz-Skandal auslösten – ließ sich der Kardinal beurlauben, um vor Gericht seine Unschuld zu beweisen.

Pell wurde zuerst in zwei Instanzen – trotz gegenteiliger Zeugenaussagen und ohne jeglichen Beweis – aufgrund den Behauptungen eines scheinbaren Opfers schuldig gesprochen und verbrachte 13 Monate in Einzelhaft, bis der High Court ihn schließlich rehabilitierte und mit sofortiger Wirkung freisprach.

Inwischen war jedoch Pells Amtszeit im Vatikan ausgelaufen, und Papst Franziskus ernannte im Jahr 2019 Pater Juan Antonio Guerrero Alves, einen spanischen Jesuiten, zu seinem Nachfolger.

Die Nachricht von Pells Rückkehr nach Rom kommt nur wenige Tage nach dem dramatischen Abtritt von Kardinal Angelo Becciu, den Papst Franziskus am 24. September zum Rücktritt von seiner Rolle als Präfekt der Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse aufforderte. Auch seine Rechte als Kardinal musste Becciu ablegen – was in der Regel nur für schwerste Vergehen der Fall ist. 

Wie CNA Deutsch ausführlich berichtet hat, steht der italienische Prälat offenbar Medienberichten zufolge unter Verdacht, sich und seine Familie bereichert zu haben. Außerdem steht Becciu offenbar im Zentrum des notorischen Falls einer Londoner Luxus-Immobilie und weiterer Skandale. 

In seiner Rolle als Sostituto des Staatssekretariates war Becciu wiederholt mit Pell aneinander geraten, weil dieser als Wirtschaftspräfekt versuchte, moderne Rechenschafts-Standards und Transparenz einzuführen in das Dickicht der Finanzwesen des Vatikans.

Pell, der seit seiner Entlassung nicht mehr öffentlich über seine frühere Rolle im Vatikan gesprochen hatte, reagierte auf die Nachricht von Beccius "Rücktritt" mit Dankbarkeit.

"Der Heilige Vater wurde gewählt, um die Finanzen des Vatikans zu bereinigen. Er spielt ein langes Spiel und ist für die jüngsten Entwicklungen zu danken und zu beglückwünschen", schrieb Pell in einer Erklärung, die am 25. September an CNA Deutsch geschickt wurde.

"Ich hoffe, dass das Ausmisten der Ställe sowohl im Vatikan als auch in Victoria weitergeht", so Pell weiter.

Wie CNA Deutsch berichtet hat, war es Becciu, der im Jahr  2016 maßgeblich daran beteiligt war, die von Pell initiierten Reformen zum Stillstand zu bringen.

Obwohl Papst Franziskus der neu geschaffenen Präfektur für Wirtschaft autonome Aufsichtsbefugnisse über die Finanzen des Vatikans übertragen hatte, griff Becciu wiederholt ein, als das Finanzsekretariat von Pell eine externe Rechnungsprüfung aller Abteilungen des Vatikans plante, die von der Firma PriceWaterhouseCooper (PWC) durchgeführt werden sollte.

Ohne Befugnis – und ohne Erlaubnis von Papst Franziskus – sagte Becciu eigenmächtig diese Prüfung ab und kündigte in einem Brief an alle vatikanischen Abteilungen an, dass sie nicht stattfinden werde.

Als Pell die Absage des Audits intern in Frage stellte, überredete Becciu Papst Franziskus, seine Entscheidung ex post facto zu genehmigen, wie Quellen innerhalb der Präfektur CNA mitteilten.

Die Prüfung fand nie statt.

Kardinal Becciu hielt am 25. September in Rom eine Pressekonferenz ab, auf der er seine Unschuld an finanziellen Verfehlungen beteuerte und ankündigte, er werde diese dem Heiligen Vater beweisen – womit er Papst Franziskus öffentlich unterstellte, ihn zu Unrecht zum Rücktritt aufgefordert zu haben. 

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