Warum der "March for Life" in Washington dieses Jahr ein ganz besonderer war

Yuni und Natalie Wu kamen aus Kentucky: Marsch für das Leben in Washington, D.C., am 21. Januar 2022.
Foto: Katie Yoder/CNA
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Dass es klirrend kalt war, konnte man an den dicken Wollsocken erkennen, die die Franziskanermönche zu ihren Sandalen trugen: Nachdem die Coronavirus-Pandemie den "March for Life" vergangenes Jahr unmöglich machte, haben Lebensschützer in den USA den jährlichen "Marsch für das Leben" an diesem Wochenende begangen. 

Zahlreiche Katholiken und Gleichgesinnte trotzten dem kalten Wetter in Washington, um um ihre Solidarität mit dem ungeborenen Leben zu bekunden – und um ein Jahr einzuläuten, in dem die "Pro-Life"-Bewegung hofft, dass Roe vs. Wade fällt – und damit der Zugang zur Abtreibung ungeborener Kinder.

Students for Life of America (Studenten für das Leben in Amerika) schätzt, dass am 21. Januar 2022 etwa 150.000 Menschen am Marsch für das Leben in Washington, D.C., teilnahmen, basierend auf der Analyse eines Videos der Demonstranten. (Screenshot)

Die als von Veranstaltern als "größte Menschenrechtsdemonstration der Welt" bezeichnete Kundgebung begann früh am Morgen: Verstreute Gruppen strömten zur National Mall der amerikanischen Hauptstadt. Die anhaltende Coronavirus-Krise und die verschärften COVID-19-Beschränkungen im District of Columbia sorgten dafür, dass viele in diesem Jahr es vorzogen, daheim zu bleiben.

Doch zu Beginn der mittäglichen Kundgebung vor dem Marsch, die von einer leidenschaftlichen Rede des "Bibel in einem Jahr"-Podcast-Stars Pfarrer Mike Schmitz angeführt wurde, war die Menge schon auf mehrere zehntausend Menschen angeschwollen – und ähnelte damit einer typischen jährlichen Teilnehmerzahl.

Doch der diesjährige Marsch war alles andere als typisch. Die Möglichkeit, dass der Oberste Gerichtshof des Landes noch in diesem Jahr die bahnbrechende Entscheidung Roe v. Wade aus dem Jahr 1973 kippen könnte, die die Abtreibung landesweit legalisierte – und den ersten Marsch für das Leben vor 49 Jahren auslöste – verlieh den Ritualen des Tages, die in einem Marsch die Constitution Avenue hinauf zu den Stufen des Obersten Gerichtshofs gipfelten, eine festliche, erwartungsvolle Note.

"Wir hoffen und beten, dass dieses Jahr, 2022, einen historischen Wandel für das Leben bringen wird", sagte Jeanne Mancini, Präsidentin von March for Life, dem Organisator der Veranstaltung, bei der Kundgebung. "Roe", sagte sie, "ist kein festes Gesetz."

Keine Zeit für Selbstzufriedenheit

Solche Äußerungen haben in diesem Jahr besonderes Gewicht, denn es geht um den Fall Dobbs vs Jackson Women's Health Organization, ein zentrales Verfahren zur Abtreibung in Mississippi, das viele in der Pro-Life-Bewegung als die beste – und möglicherweise letzte – Gelegenheit sehen, den engmaschigen Rechtsrahmen zu entwirren, der zu etwa 62 Millionen Abtreibungen in den Vereinigten Staaten geführt hat: Eine schwindelerregende Zahl, die die katholische Kirche als menschliche Tragödie betrachtet. Eine Entscheidung in diesem Fall wird nicht vor dem Ende der Amtszeit des Gerichts im Juni erwartet.

"Der Oberste Gerichtshof wird, so Gott will, den Fall Dobbs bestätigen, um Abtreibungen nach der 15. Woche zu verhindern, aber auch um, wie wir hoffen, mit der Demontage von Roe v. Wade zu beginnen", sagte der Abgeordnete Chris Smith, der auf der Kundgebung sprach.

Die starke Polarisierung, die der Fall auch unter Katholiken in einem Land ausgelöst hat, dessen katholischer Präsident für Abtreibung ist, wurde durch eine dreiste Werbeaktion einer Aktivistengruppe namens "Catholics for Choice" deutlich, die am Donnerstagabend Botschaften für ein Recht auf Abtreibung auf die Fassade der Basilika des Nationalheiligtums der Unbefleckten Empfängnis strahlte.

Zur gleichen Zeit fand im Inneren der Basilika eine Gebetswache für das Ende der Abtreibung stattfand. Kardinal Wilton Gregory, der Erzbischof von Washington, kritisierte die Aktionen der Gruppe, und ein anderer Prälat, Erzbischof Salvatore J. Cordileone, bezeichnete das Vorgehen der katholischen Abtreibungs-Aktivisten als "teuflisch".

Erzbischof William E. Lori von Baltimore, Vorsitzender des Komitees für Pro-Life-Aktivitäten der US-Bischofskonferenz, sagte, die Pro-Life-Bewegung könne es sich nicht leisten, "selbstgefällig" zu werden.

"Die Ablehnung der Abtreibung durch die katholische Kirche ist eine Antwort der Liebe zu den Müttern und ihren Kindern im Mutterleib. Die Lehre der Kirche verkündet eine Botschaft des Lebens, die uns daran erinnert, dass jedes Leben vom Moment der Empfängnis bis zum natürlichen Tod ein heiliges Geschenk Gottes ist", so Lori in einer Erklärung.

"Wir können keine wirklich gerechte Gesellschaft aufbauen und angesichts der massiven Auswirkungen des Urteils Roe v. Wade, das seit 1973 mehr als 60 Millionen Menschen das Leben genommen hat, selbstgefällig bleiben. Mögen wir für den Tag beten, fasten und arbeiten, an dem das Geschenk jedes menschlichen Lebens durch das Gesetz geschützt und in Liebe willkommen geheißen wird", fügte er hinzu.

Eine große katholische Präsenz

Das Drama vom Donnerstagabend wich einer fröhlichen Solidaritätsbekundung beim Marsch am Freitag. Wie seit langem üblich, gaben weder die Organisatoren noch die Polizei Schätzungen über die Zahl der Teilnehmer ab.

Mehr als 200 Studenten der Franciscan University of Steubenville in Ohio kamen am Freitagmorgen vor 5 Uhr mit dem Bus zum Marsch an, wie zwei Studenten gegenüber CNA berichteten. Die nächtliche Busfahrt dauerte mehr als fünf Stunden.

Teilnehmer am Marsch für das Leben in Washington, D.C. am 21. Januar 2022. Bildquelle: CNA

Für die 18-jährige Lucia Hunt aus Dallas, Texas, und den 21-jährigen Niklas Koehler aus Ashburn, Virginia, war es der erste Marsch für das Leben. Sie sagten, der Marsch habe ihre Erwartungen erfüllt.

"Ich habe mich auf jeden Fall darauf gefreut, einen ganzen Haufen Menschen zu sehen, die das Leben verteidigen, und es ist eine riesige Menschenmenge da draußen, also bin ich auf jeden Fall zufrieden mit der Pro-Life-Bewegung", sagte Koehler.

"Ich habe eine große katholische Präsenz erwartet und bis jetzt habe ich sie auch gesehen, worüber ich sehr froh bin", sagte Hunt. Er erklärte, er sei für das Leben, "weil ich an die Wahrheit glaube, und die Wahrheit ist, dass ein Kind von der Empfängnis bis zum natürlichen Tod ein menschliches Wesen ist".

Hunt fügte hinzu: "Ein Kind ist nicht nur ein menschliches Wesen, sondern ein menschliches Wesen ist auch ein Kind Gottes, und ich glaube daran, dieses Leben zu schützen."

Viele der Demonstranten waren zum ersten Mal dabei, darunter eine Gruppe junger Frauen aus Charlotte, North Carolina.

"Ich denke einfach, dass wir mehr Möglichkeiten für die Menschen haben können, anstatt einfach Leben zu beenden", sagte Millie Bryan, eine 17-Jährige aus Charlotte, gegenüber CNA. Bryan nahm zum ersten Mal an einem Marsch für das Leben teil und trug ein Schild mit der Aufschrift "Hört auf, Frauen zu sagen, dass sie ohne Abtreibung keinen Schulabschluss machen, keine Karriere machen und keinen Erfolg haben können."

Sie fügte hinzu, dass sie sich am meisten darauf gefreut habe, "zu sehen, wie die Menschen zusammenkommen, um für etwas zu kämpfen, das wirklich wichtig ist, für das Leben zu kämpfen."

Dudelsackspieler und Trommler der American Society for the Defense of Tradition, Family and Property schlossen den Marsch ab. Mitglieder der Gruppe trugen wehende rote Fahnen und trugen ehrfürchtig ein Podest mit einer Statue Unserer Lieben Frau von Fatima.

"Es sind immer noch viele Menschen hier. Es ist großartig, dass die Menschen immer noch das Opfer bringen, um hierher zu kommen", sagte Pater David Yallaly, der mit der in Chicago ansässigen Gruppe Crusaders for Life an dem Marsch teilnahm. "Es ist ein großartiges Zeugnis für die Botschaft von der Unantastbarkeit des menschlichen Lebens".

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Übersetzt und redigiert aus dem Original der CNA Deutsch-Schwesteragentur.