Papst Franziskus bei 10. Weltfamilientreffen: "Helft den Kindern ihre Berufung zu finden!"

Papst Franziskus beim X. Weltfamilientreffen auf dem Petersplatz in Rom am 25. Juni 2022.
Foto: Daniel Ibáñez / CNA Deutsch
Previous Next

Papst Franziskus hat am Samstagabend Familien dazu aufgerufen, die Berufung zur Familie zu leben und den Kindern dabei zu helfen, ihre eigene Berufung zu finden. In seiner Predigt am vorletzten Tag des Weltfamilientreffens ermahnte der Pontifex am Samstagabend auf dem Petersplatz die Eltern, ihre Kinder nicht zu sehr zu verhätscheln.

Hauptzeleberant der Heiligen Messe war allerdings nicht der Papst selbst, sondern Kardinal Kevin Farrelll, der das Dikasterium für die Laien, die Familien und das Leben leitet und für die Organisation des Weltfamilientreffens zuständig ist.

Das zehnte Weltfamilientreffen wurde am letzten Mittwoch eröffnet und endet am morgigen Sonntag mit dem Angelusgebet um 12:00 Uhr. Das Treffen steht unter dem Motto "Familienliebe: Berufung und Weg zur Heiligkeit", der katholische Fernsehsender EWTN.TV überträgt als Medienpartner der Diözese Rom live.

Papst: "Wahre Freiheit ist ganz auf die Liebe ausgerichtet"

Der Heilige Vater rief die Familien dazu auf, alle Erfahrungen, Reflexionen und Gedanken, die in den vergangenen Tagen zusammengetragen wurden, nun auch dem Heiligen Geist darzubringen. "Freiheit ist eines der am meisten geschätzten und begehrten Güter des modernen und zeitgenössischen Menschen", so Franziskus, "doch wie vielen Menschen fehlt die größte Freiheit: die innere Freiheit!" Diese Freiheit werde durch Christus geschenkt und sei "ganz auf die Liebe ausgerichtet".

Freiheit in der Familie bedeute, die eigene Freiheit nicht für sich selbst zu nutzen, sondern die Menschen zu lieben, die Gott einem zur Seite gestellt hat. Der Papst wörtlich:

"Anstatt als 'Inseln' zu leben, haben Sie sich 'in den Dienst des anderen' gestellt. So lebt man Freiheit in der Familie! Es gibt keine 'Planeten' oder 'Satelliten', die sich jeweils auf ihrer eigenen Umlaufbahn bewegen. Die Familie ist der Ort der Begegnung, des Teilens, des Aus sich herausgehen, um den anderen aufzunehmen und ihm nahe zu sein. Es ist der erste Ort, an dem man zu lieben lernt."

In der Praxis sei dies jedoch "aus vielen Gründen und in vielen verschiedenen Situationen nicht immer der Fall", so der Pontifex weiter. Die Schönheit der Familie müsse nicht nur bekräftigt, sondern auch verteidigt werden, sagte Papst Franziskus: "Wir dürfen nicht zulassen, dass sie durch die Gifte des Egoismus, des Individualismus, der Kultur der Gleichgültigkeit und des Wegwerfens verunreinigt wird und so ihre 'DNA', die Gastfreundschaft und den Geist des Dienens, verliert."

Die "Stabübergabe" zwischen Eltern und Kindern

Zwischen den verschiedenen Generationen, zwischen Eltern und Kindern, müsse immer wieder eine "Stabübergabe" stattfinden. Der Papst verglich diese Situation mit dem Moment des Propheten Elia, der sein Lebenswerk an Elisa weitergegeben hat. "Die Eltern befürchten, dass ihre Kinder sich in der Komplexität und Unübersichtlichkeit unserer Gesellschaft, in der alles chaotisch und unsicher erscheint, nicht zurechtfinden und schließlich die Orientierung verlieren", so Franziskus, "diese Angst macht manche Eltern ängstlich, andere überfürsorglich, und manchmal blockiert sie sogar den Wunsch, neues Leben in die Welt zu setzen. 

Der Papst erklärte weiter, dass Gott in seiner Ansprache Elia klargemacht hatte, dass die Welt nicht mit ihm endet, er deshalb seinen Auftrag an einen anderen weitergeben müsse. Eltern sollen ihre Kinder dabei nicht verhätscheln, betont Franziskus:

"Gott liebt die Jungen, aber das bedeutet nicht, dass er sie vor jedem Risiko, jeder Herausforderung und jedem Leid bewahrt. Er ist nicht ängstlich und überfürsorglich; im Gegenteil, er vertraut ihnen und ruft jeden einzelnen zu einem hohen Lebensstandard und einer hohen Mission auf. Denken wir an das Kind Samuel, den heranwachsenden David, den jungen Jeremia; denken wir vor allem an die Jungfrau Maria. Liebe Eltern, das Wort Gottes weist uns den Weg: Ihr sollt eure Kinder nicht vor jeder Art von Mühsal und Leid bewahren, sondern versuchen, ihnen die Leidenschaft für das Leben zu vermitteln, in ihnen den Wunsch zu wecken, ihre Berufung zu finden und die große Mission anzunehmen, die Gott für sie vorgesehen hat. (...) Liebe Eltern, wenn ihr euren Kindern helft, ihre Berufung zu entdecken und anzunehmen, werdet ihr sehen, dass sie von dieser Sendung "ergriffen" werden und die Kraft haben, die Schwierigkeiten des Lebens zu meistern."

Ein Erzieher könne den Kindern am besten helfen, der eigenen Berufung zu folgen, indem er seine eigene "mit treuer Liebe" annimmt, ergänzte der Pontifex. Für Kinder gebe es nichts Ermutigenderes, als zu sehen, dass die Eltern ihre Ehe und Familie als Mission leben, "mit Treue und Geduld, trotz Schwierigkeiten, traurigen Momenten und Prüfungen". 

Drei Berufungen

Im Evangelium werden drei weitere Berufungen vorgestellt, "drei Berufungen von ebenso vielen angehenden Jüngern Jesu", führte Franziskus weiter aus. Der erste werde aufgefordert, nicht nach einem festen Wohnsitz zu suchen, indem er dem Meister folgt. Dies gelte häufig auch für verheiratete Menschen, die nach der Hochzeit ihr "Nest" verlassen müssten und "eine Reise angetreten, von der Sie nicht alle Etappen im Voraus wissen konnten und die Sie ständig in Bewegung hält, mit immer neuen Situationen, unerwarteten Ereignissen und Überraschungen".

Der zweite Jünger werde aufgefordert, "nicht zurückzukehren, um seine Toten zu begraben". Dies sei nicht als ein Angriff auf das vierte Gebot zu verstehen, sondern als eine Aufforderung, vor allem das erste Gebot zu befolgen. Dies gelte auch für den dritten Jünger, der aufgerufen wurde, Christus "entschlossen und mit ganzem Herzen nachzufolgen, ohne 'umzukehren', nicht einmal, um sich von seiner Familie zu trennen". 

In einem persönlichen Appell an die anwesenden Gläubigen rief Papst Franziskus aus:

"Liebe Familien, auch Sie sind eingeladen, keine anderen Prioritäten zu setzen, nicht 'umzukehren', das heißt das frühere Leben, die frühere Freiheit mit ihren trügerischen Illusionen nicht zu bereuen: das Leben wird versteinert, wenn es nicht die Neuheit des Rufes Gottes annimmt und die Vergangenheit bereut. Wenn Jesus ruft, auch zu Ehe und Familie, fordert er uns auf, nach vorne zu schauen, und er geht uns immer in Liebe und Dienst voraus. Diejenigen, die ihm folgen, werden nicht enttäuscht sein!"

Das könnte Sie auch interessieren: