Papst Franziskus: Zölibat ist keine systemische Ursache für Missbrauch

Papst Franziskus, 5. September 2022
Foto: Vatican Media

In einem am Montagabend ausgestrahlten Interview hat sich Papst Franziskus gegen Behauptungen gewehrt, die priesterliche Ehelosigkeit sei eine Ursache für sexuellen Missbrauch. "Könnte es sein, dass der Zölibat [Schuld daran ist]?", fragte der Papst in seinem Gespräch mit CNN Portugal, das Mitte August aufgezeichnet worden war. "Es geht nicht um den Zölibat."

"In Familien gibt es keinen Zölibat und all das, und manchmal passiert es", so der Pontifex weiter. "Es ist also einfach die Ungeheuerlichkeit eines Mannes oder einer Frau der Kirche, die psychisch krank oder böse ist und ihre Position für ihre persönliche Befriedigung nutzt."

Dennoch wolle er den Missbrauch innerhalb der Kirche nicht herunterspielen. "Selbst wenn es nur ein Fall in der Kirche wäre, ist es eine Ungeheuerlichkeit", betonte Franziskus. Er konzentriere sich auf diese Fälle und sei "dafür verantwortlich, dass das nicht wieder vorkommt".

"Synodaler Weg"

Beim deutschen "Synodalen Weg" argumentieren verschiedene Textstellen hingegen, die Verpflichtung zum Zölibat vor dem Diakonenweihe sei eine systemische Ursache für sexuellen Missbrauch in der Kirche.

Im Handlungstext "Der Zölibat der Priester – Bestärkung und Öffnung", der in Zweiter Lesung vorliegt und damit bereits bei der Synodalversammlung in dieser Woche verabschiedet werden könnte, heißt es: "Die Missbrauchskrise hat uns gelehrt, dass der verpflichtende Zölibat dazu führen kann, überproportional viele Männer anzuziehen, die sich ihrer Sexualität, ihrer sexuellen Identität und Orientierung unsicher sind und die Auseinandersetzung damit vermeiden wollen. Der regressiv-unreife Typus als dritte Gruppe von Beschuldigten sexueller Übergriffe weist diese Merkmale auf."

Die MHG-Studie von 2918 sei zum Schluss gekommen, "dass die Verpflichtung zum Zölibat – nicht der Zölibat an sich – durch diese und andere Konstellationen sexuellen Missbrauch begünstigen könnte".

In einer Fußnote betont der Text ausdrücklich, es gehe mit Blick auf die priesterliche Ehelosigkeit nur "um eine, keineswegs die einzige mögliche Gefährdung". Missbrauch geschehe "auch in nicht-zölibatären Kontexten".

"Die Kirche hat die Verpflichtung darauf zu achten, dass die Regeln und Vorschriften, die sie aufstellt, dem Leben der Menschen und der Evangelisierung dienen", heißt es im Handlungstext wenige Zeilen später. "So wie es eine theologische Hierarchie der Wahrheiten gibt, so gibt es auch in der Ausgestaltung des Heilsdienstes in der Kirche immer neu zu gewichtende Vor- und Nachordnungen. Wenn die Verpflichtung zum Zölibat das Zeugnis und die pastorale Aufgabe der Priester behindert, ist diese Regelung zu verändern."

Handlungstext "zur Situation nicht-heterosexueller Priester"

Mit Blick auf das Priestertum fordert ein weiterer Handlungstext, "Enttabuisierung und Normalisierung – Voten zur Situation nicht-heterosexueller Priester", der allerdings erst in erster Lesung vorliegt und damit noch nicht verabschiedet werden kann: "Die Bischöfe und Verantwortlichen in der Priesterausbildung setzen sich dafür ein, dass das Verbot der Ausbildung und Weihe nicht-heterosexueller Männer [...] auf weltkirchlicher Ebene aufgehoben wird und alle Negativaussagen hinsichtlich ihrer sexuellen Orientierung in amtskirchlichen Dokumenten gestrichen werden."

Die MHG-Studie hielt zum Geschlecht der Missbrauchsbetroffenen zusammenfassend fest: "Die von sexuellem Missbrauch Betroffenen waren zu 62,8 Prozent männlichen und zu 34,9 Prozent weiblichen Geschlechts. Bei 2,3 Prozent fehlten Angaben zum Geschlecht (TP6). Eine Häufung männlicher Betroffener fand sich auch in den Analysen von Teilprojekt 2 (76,6 %) sowie von Teilprojekt 3 (80,2 %). Das deutliche Überwiegen männlicher Betroffener unterscheidet sich vom sexuellen Missbrauch an Minderjährigen in nicht-kirchlichen Kontexten."

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