Papstbiograf Weigel: Was die vatikanische Diplomatie von Johannes Paul II. lernen kann

George Weigel
Foto: CNA/Petrik Bohumil

Johannes Paul II. begann sein Pontifikat mit den Worten: "Habt keine Angst" – ein Satz, der nach Ansicht des Biografen des polnischen Papstes auch auf die heutige Diplomatie des Vatikan gegenüber Russland und China angewendet werden kann.

George Weigel, Autor der Bestseller-Biografie "Zeugnis der Hoffnung", sprach am 18. Mai, dem 102. Geburtstag von Johannes Paul II., in Rom.

Johannes Paul II. war "entschlossen, die Wahrheit zu sagen, egal was passiert ... Situationen genau zu beschreiben und tyrannische Regime zur Umkehr aufzurufen", so Weigel gegenüber CNA, der englischsprachigen Partneragentur von CNA Deutsch.

"Ich denke, dass die Antiphon 'Fürchtet euch nicht' diese Entschlossenheit verkörpert, den Mächtigen die Wahrheit zu sagen, wie er es 1979 bei den Vereinten Nationen tat [und] die kommunistischen Regime aufforderte, die Verpflichtungen, die sie in Bezug auf die Menschenrechte und insbesondere die Religionsfreiheit eingegangen waren, einzuhalten."

Am Geburtstag von Johannes Paul II. hielt Weigel einen Vortrag am Angelicum, der päpstlichen Universität in Rom, an welcher der spätere Papst von 1946 bis 1948 studierte.

In seiner Rede umriss Weigel die wichtigsten Lehren aus der "Staatskunst eines Heiligen", insbesondere im Hinblick auf die diplomatischen Beziehungen des Heiligen Stuhls zu autoritären Regimen.

"Als scharfsinniger Beobachter des menschlichen Daseins verstand er, dass böse Akteure sich schlecht verhalten, weil sie so sind, weil sie das befürworten und weil sie es anstreben – nicht, weil 'wir' ihnen etwas angetan haben", sagte Weigel."So konnte er sich auf die eigentlichen Themen konzentrieren – Religionsfreiheit und andere grundlegende Menschenrechte in der kommunistischen Welt."

In einer Zeit, in der Papst Franziskus in einigen Kreisen dafür kritisiert wird, Präsident Wladimir Putin nicht namentlich zu verurteilen und Menschenrechtsverletzungen in China nicht öffentlich anzusprechen, sagte Weigel, der Vatikan sollte erkennen, dass "Beschwichtigung kommunistischer Regime niemals funktioniert".

Rückkehr der vatikanischen Ostpolitik

Weigel argumentierte, der Vatikan habe mit seiner Ostpolitik – einer von Kardinal Agostino Casaroli in den 1970er-Jahren verfolgten diplomatischen Strategie, die es vermied, die Menschenrechtsverletzungen des Kommunismus öffentlich zu verurteilen, um diplomatische Vereinbarungen zu erreichen – sein Ziel verfehlt, "die Freiheit der Kirche, ihr sakramentales Leben nach ihren eigenen Maßstäben zu leben", zu gewährleisten.

"Diese mangelnde Bereitschaft, die Lehren aus den Fehlern der 1970er-Jahre zu ziehen, hält bis heute an. Und sie hat die moralische Autorität des Vatikans und der katholischen Kirche in der Welt ernsthaft geschwächt", kommentierte er.

Weigel sagte, der Heilige Stuhl habe Casarolis Ansatz der Ostpolitik in seinem Dialog mit den Regierungen von Syrien, Venezuela, Nicaragua, Kuba, China und jetzt Russland wiederbelebt.

"In jüngster Zeit hat die Rückkehr des Casaroli-Ansatzes zu einem Gefühl der Verlassenheit unter den ukrainischen Katholiken geführt, die den chimärenhaften Charakter der erklärten Absicht der vatikanischen Diplomatie, sich als Vermittler zwischen der Ukraine und Russland zu positionieren, erkennen und beklagen", sagte er.

Einsatz für die verfolgte Kirche

Weigel betonte, "der heilige Johannes Paul II." habe immer zu Recht darauf bestanden, "dass er weder Diplomat noch Politiker war. Er war vielmehr ein Seelsorger, der in Ausübung seiner pastoralen Verantwortung der Welt der politischen Macht etwas zu sagen hatte."

"Immer wieder hat Johannes Paul II. an einem Ort nach dem anderen die erste Freiheit, die Religionsfreiheit, hervorgehoben ... Durch dieses päpstliche Megafon wusste die Widerstandskirche hinter dem Eisernen Vorhang, dass sie einen Fürsprecher hatte. Diejenigen im Westen, die sich für die Unterstützung der Widerstandskirche in Mittel- und Osteuropa einsetzten, wurden inspiriert, ihre Bemühungen zu verstärken; und währenddessen wurde die sowjetische Begründung für ihr 'Sozialmodell' in der Ordnung der Ideen systematisch untergraben", sagte er.

Johannes Paul II. habe auch der verfolgten Kirche zugehört und sie gewürdigt, was laut Weigel einen wichtigen Einfluss auf das diplomatische Handeln des Heiligen Stuhls in der Weltpolitik jener Zeit hatte.

Diese Lektion könne heute in die Praxis umgesetzt werden, indem man auf die Stimmen derjenigen höre, die mit dem Erstarken eines selbstbewussten China oder mit der tödlichen Bedrohung der christlichen Gemeinschaften in Afrika durch den Dschihadismus konfrontiert seien, fügte Weigel hinzu.

"Das Zeugnis der lebenden Märtyrerbekenner öffentlich und beharrlich hochzuhalten, könnte ihnen auch ein gewisses Maß an Schutz bieten und gleichzeitig dazu beitragen, Inseln der Zivilgesellschaft zu erhalten, die für künftige Fortschritte auf dem Weg zu Gerechtigkeit und Frieden in Kuba, China, dem Nahen Osten und Afrika unerlässlich sind", sagte er.

Weigel erzählte davon, wie Johannes Paul II. Mitte der 1980er-Jahre einen Vorschlag der kommunistischen Behörden in Polen ablehnte, einen nationalen Dialog über die Zukunft des Landes zu eröffnen, bei dem die Kirche als Gesprächspartnerin fungieren sollte.

Die Entscheidung beruhte auf der Ekklesiologie Johannes Pauls II., wonach "die Kirche kein parteipolitischer Akteur sein kann, weil dies dem eucharistischen Charakter der Kirche widerspricht", und dass "die Kirche zwar die Menschen formt, welche die Zivilgesellschaft und die politischen Institutionen bilden, die wiederum die politische Arbeit leisten, die Kirche als solche aber kein politischer Akteur ist, obwohl die Kirche natürlich eine Stimme in der Zivilgesellschaft hat".

Das Zeugnis von Johannes Paul II. biete in diesem Fall die Lehre, dass "der Sache der Freiheit und der Sache der Kirche am besten gedient ist, wenn Staatsmänner und Kirchenmänner langfristig denken und nicht für scheinbar unmittelbare Vorteile Kernprinzipien einklammern oder minimieren".

Blick auf China

Insbesondere diese Lektion "sollte auch zur Vorsicht gegenüber dem offensichtlichen Drängen des Heiligen Stuhls auf volle diplomatische Beziehungen mit der Volksrepublik China mahnen".

"Unter den gegenwärtigen Umständen würde ein solches Abkommen erfordern, dass der Vatikan seinen diplomatischen Austausch mit der Republik China über Taiwan – der ersten chinesischen Demokratie in der Geschichte – abbricht", so Weigel.

"Welches Signal würde ein solches Abkommen zu einem solchen Preis über die Vision der katholischen Kirche von der Zukunft Chinas aussenden?", fragte er. "Welches Signal würde es bezüglich der Sorge der Kirche für die bedrängten und oft verfolgten Elemente der Zivilgesellschaft aussenden, die heute in China existieren und auf eine nicht-autoritäre und offene Zukunft drängen?"

Wenn der Heilige Stuhl diplomatische Strategien verfolge, die den Papst und den Vatikan zwingen, die öffentliche Verurteilung von Menschenrechtsverletzungen zu vermeiden, riskiere er, "seine moralische Autorität zu verlieren".

"Der Vatikan hat Zugeständnisse ... an ein Regime gemacht, dessen totalitärer Charakter durch seine erklärte Entschlossenheit, alle Religionen zu 'sinisieren' und damit dem Parteienstaat unterzuordnen, unterstrichen wurde durch seinen internen Umgang mit der COVID-19-Pandemie (die er wahrscheinlich verursacht und sicherlich verschlimmert hat), durch seine systematische Verletzung der vertraglich garantierten bürgerlichen Freiheiten in Hongkong und durch seinen Völkermord an den muslimischen Uiguren", sagte Weigel.

"Ich denke, dies ist eine sehr traurige Situation, insbesondere im Hinblick auf China. Die laue Reaktion auf die Verhaftung von Kardinal Zen führt zu einem Verfall der moralischen Autorität des Heiligen Stuhls", sagte er gegenüber CNA.

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