Voderholzer: Sexueller Missbrauch ist nicht die Wurzel der Kirchenkrise

"Die Kirche muss Schuld und Missbrauch aufklären, Opfern Gerechtigkeit ermöglichen, Straftaten verhindern": Regensburger Bischof über Aufarbeitung sexueller Gewalt und Lage der Kirche – bezeichnet "Synodalen Weg" als Sackgasse

Bischof Rudolf Voderholzer predigt im Dom zu Regensburg am 11. Juni 2020.
Foto: Bistum Regensburg

Die Kirche ist in Deutschland nicht mehr glaubwürdig, weil sie einen gewaltigen Erosionsprozess des Glaubens durchmacht. Diesem Kern der Krise muss sich die Katholische Kirche stellen, und gleichzeitig die eigene Schuld im Umgang mit sexueller Gewalt anerkennen, Opfern Gerechtigkeit widerfahren lassen, sowie Straftaten in Zukunft verhindern. Das hat der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer gefordert.

Am 23. Januar 2022 setzte der Bischof damit die Tradition fort, in der Vesper anlässlich seines Weihejubiläums eine Grundsatzpredigt zu halten, teilte die Diözese am Sonntag mit.

LINK-TIPP: Der volle Wortlaut der Predigt kann hier geladen werden.

Natürlich müsse die Kirche auch alle Missstände beheben, unterstrich der Bischof im Regensburger Dom. Er dankte den Opfern von Missbrauch und Körperverletzung im Bistum Regensburg für das großmütige Vertrauen, durch das "eine gute Aufarbeitung und weitgehende Befriedung" auf den Weg gebracht worden sei.

Missbrauchsaufarbeitung für alle Opfer

Eine ernst gemeinte Aufarbeitung von Missbrauch könne  nicht bei kirchlichen Fällen Halt machen. Damit stimmte der Bischof einem Kommentar der Mittelbayerischen Zeitung zu, der sich mit dem Gutachten zum sexuellen Missbrauch im Erzbistum München und Freising auseinandersetzte. Der Kommentar wies auf die gesamtgesellschaftliche Tragweite gewalttätiger Sexualität hin und zeigte mit Zahlen aus der deutschen Kriminalstatistik die Dimensionen auf – darunter allein 80.000 "Straftaten gegen sexuelle Selbstbestimmung" in einem einzigen Jahr (2020). 

So sehr sich die Kirche ihrer Schuld stellen müsse, so wenig tauge sie zu einem Sündenbock, um sich ansonsten mit Missbrauch nicht weiter befassen zu müssen. Zum wiederholten Male forderte Bischof Voderholzer einen Institutionenvergleich und fragte: "Wo sind denn die Maßnahmen zur Aufarbeitung in der Schule oder beim Sport?"

Das gelte auch für die Anerkennungsleistungen. Der Kommentar der Mittelbayerischen Zeitung hatte die Anerkennungsleistungen der Kirche von bis zu 50.000 Euro mit den Schmerzensgeldern verglichen, die Gerichte zuerkennen. Sie überstiegen sehr selten die 10.000-Euro-Grenze.

"Wer diese Summen angesichts einer zerstörten Kinderseele beklagt, der sollte sich zunächst an den Bundesjustizminister, nicht an den früheren Erzbischof Ratzinger und späteren Papst wenden", zitierte Bischof Voderholzer den Kommentar der Mittelbayerischen. 

Glauben bestärken als Antwort auf die Glaubenserosion

Den Missbrauch müsse die Kirche aufklären und aufarbeiten, um eigene Schuld zu sehen, um menschenmögliche Gerechtigkeit für die Opfer zu erreichen, und um effektiv künftigen Straftaten präventiv entgegenzuwirken. Missbrauchsaufarbeitung aber sei nicht die Antwort auf die massive Glaubenserosion.

Die Reform der Kirche müsse dem Glaubensverlust auf den Grund gehen, und seiner Dynamik begegnen. Drei Wege beschrieb Bischof Voderholzer, die er als zukunftsweisend empfahl.

Erstens brauche die Kirche eine gelebte Synodalität. Das heiße, "gemeinsam den empfangenen Glauben bedenken, sich unterstützen, ihn vertiefen und dann feiern." Als Bischof wolle Voderholzer weiterhin das Gespräch mit den Menschen suchen. Dabei sei ihm vordringliches Anliegen, "auch über die strittigen Fragen mich auszutauschen, ganz auch im Sinne von Papst Franziskus." 

Die Kirche müsse zweitens wieder stärker in den Familien leben. "Ich bin für alle Initiativen dankbar, die zur Stärkung des häuslichen Gebetes in Familien oder Nachbarschaftskreisen beitragen. (…) Wo das Wort Gottes gläubig angenommen wird, im Gebet bedacht und beantwortet wird, da bekommt der Glauben Hand und Fuß."

Bischof Voderholzer lud alle hauskirchlichen Gemeinschaften zum 25. März in den Regensburger Dom ein.  

Die Kirche müsse den Menschen den Glauben drittens wirksamer nahebringen. Auch im Bistum Regensburg würden deshalb Katechisten ausgesandt werden – nach dem Vorbild des Bistums Rom. Das Bistum Regensburg suche Ehrenamtliche, die sich als Katechisten (auch "Katecheten" genannt) ausbilden lassen wollen. Voderholzer betonte: Der Glaube, der die Menschen erreichen will, muss überzeugend und in ganzer Fülle verkündet werden.

Sackgasse Synodaler Weg

Reformuntauglich hingegen seien die Ansätze des Synodalen Weges, so der Bischof weiter. Der Glaube wachse nicht auf der Grundlage noch so gründlich abgestimmter Professorentexte und nicht der Missbrauch sei die Wurzel der Krise. Er werde vielmehr instrumentalisiert, um Rezepte anzudienen, die sich längst als untauglich erwiesen hätten. 

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