Wie können Menschen mit Behinderung besser in der Kirche integriert werden?

Eine Gruppe behinderter Pilger auf dem Petersplatz zur Generalaudienz am 3. Juni 2015.
Foto: CNA/Petrik Bohumil
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Mit der zunehmend aufkommenden "Theologie der Behinderung" hat sich eine Konferenz im Vatikan befasst. Dabei geht es nicht nur darum, dass häufige soziale Stigma zu beseitigen, mit dem Betroffene leben, oder die Herausforderungen gelungener Integration. Es geht auch darum zu zeigen und erörtern, dass das Leben von Behinderten ein Geschenk ist – für Gesellschaft wie Kirche gleichermaßen. 

"Das Leben von Menschen mit Behinderungen war noch nie so in Gefahr wie heute, vor der Geburt wue danach", sagte Cristina Gangemi gegenüber CNA in einem Interview.

Die Ko-Direktorin des "Kairos Forums" ist Expertin für Behinderungen des Intellekts und der Wahrnehmung; ihre Organisation ist Partner des Päpstlichen Rates für die Kultur bei der Konferenz "Living Fully 2016", die noch diese Woche im Vatikan stattfindet.

Die Gesellschaft, sagte sie, "sucht den perfekten Menschen zu entwickeln", was zu einem rein "mechanistinschen" Umgang mit dem Leben Behinderter führe. 

Doch "ein behinderter Mensch antwortet mit der Aufforderung, zu lieben, denn er sagt: 'Ich sehe anders aus, ich bin ein kreativer Lerner, ich mache die Dinge auf eine Art, die nicht die übliche ist, aber liebst Du mich?' Und er fordert die Gesellschaft auf, sich der Frage zu stellen: 'Lieben wir diese menschliche Person?'"

Was noch wichtiger sei: Auch der Kirche stellten Behinderte diese Frage, sagte Gangemi. Die Kirche müsse den Aufruf von Papst Franziskus für Liebe und Barmherzigkeit reflektieren.

Für Gangemi besteht diese Reflektion nicht darin, dass einem Behinderte "leid tun". Vielmehr "muss uns leid tun, wie wir sie behandelt haben. Wir haben eine Gesellschaft von 'uns und den anderen' geschaffen. Das müssen wir weg bekommen und wieder eine Gesellschaft haben, die 'uns' alle umfasst, denn im Leib des Herrn gibt es nur uns."

Die "Living Fully"-Konferenz geht vom 23. bis 26. Juni. Sie beginnt mit einem Symposium, dass "Behinderung, Theologie, Praxis und Kultur" behandelt. An den darauffolgenden Tagen dann treffen sich Experten an der LUMSA Universität unter dem Motto "Behinderung, Kultur, Familie und Glaube – eine Feier".

Neben der Frage, wie sich die Kirche der behinderten Gläubigen annimmt und besser diese willkommen heißen kann, widmet sich der Konferenz der Körperlichkeit als Geschenk im Licht der Theologie des heiligen Papst Johannes Paul II. sowie konkreter Fragen, etwa wie Einsamkeit und Isolation überwunden werden können, die viele Menschen mit Behinderung erfahren – vor allem in Ländern, in denen Einrichtungen wie die Caritas und ander katholische Dienste nicht stark vertreten sind.

Während der gesamten Konferenz erzählen immer wieder Behinderte ihre persönliche Geschichte.

Gangemi erklärte gegenüber CNA, dass eine "Theologie der Behinderung" eine "neue, wachsende Disziplin" sei, geboren aus der Erfahrung sowohl Behinderter als auch deren Familien, sowie dem Wunsch, ihren Platz und Wert in der christlichen Gemeinschaft besser zu verstehen.

Der Pionier der Theologie der Behinderung ist John Vanier, ein katholischer Philosoph, Theologe und humanitärer Helfer aus Kanada. 

Vanier gründete 1964 die Stiftung L'Arche, die heute ein internationaler Verbund als Gemeinschaften für Menschen mit Entwicklungsstörungen ist, die in 35 Ländern vertreten sind.

Der Kern der Theologie der Behinderung, so Gangemi, sei "ein Weg, das Evangelium und das Wesen Gottes durch die Lebenserfahrungen und Perspektiven von Menschen mit Behinderung zu betrachten". 

Aus ihrer über 20-jährigen Erfahrung meint die Expertin, dass sich die Theologie zwar zunehmend für das Thema interessiere. Dennoch sei es bis ein "fehlender Teil dessen, was wir als Kirche tun."

"Behinderung ist kein besonderer Anlass, es ist ein alltägliches Phänomen, Teil dessen, was wir als Kirche sind", sagte sie. Ihre Hoffnung sei, dass die Tatsache, dass die LUMSA Universität diese Konferenz abhalte, sicherstellen werde, dass die Theologie der Behinderung "integraler Bestandteil dessen wird, was Universitäten und katholische Studiengänge zukünftig machen".

Ein konkretes Zeichen, dass sich die Kirche zunehmend für Menschen mit Behinderungen interessiert war das kürzlich abgehaltene Jubiläum der Behinderten, dass vom 10.-12. Juni stattfand, im Rahmen des Jahrs der Barmherzigkeit. Papst Franziskus betonte dabei, dass die Diskriminierung von Behinderten "hässlich" sei, und diese statt dessen geliebt werden sollten, nicht vor der Gesellschaft versteckt.

Ihrer Meinung nach, so Gangemi, habe die Kirche sich schon immer einer Theologie der Behinderung widmen müssen, aber heute dringender denn je angesichts des "Antriebs, perfekte Menschen zu schaffen" in der heutigen Gesellschaft.

"Eine Mensch mit Behinderungen lebt immer noch in einer sehr paradoxen Situation", sagte sie: In Großbritannien etwa sei eine Behinderung der einzige Grund für Eltern, noch in der 40. Woche ihr Kind abtreiben zu können.

"Selbst am Tag Deiner Geburt, kurz vor der Niederkunft – wenn Du eine Behinderung hast und entschieden wird, dass Du deshalb nicht existieren sollst, kannst Du abgetrieben werden."

Paradoxerweise aber, so Gangemi, genieße das gleiche Kind den Schutz des Gesetzes und aller medizinischer Versorgung als "gleichberechtigte und geschätzte menschliche Person", wenn es die Abtreibung überlebt und auf die Welt kommt. 

Das ist "genau umgekehrt" in der Kirche, betont die Expertin. "Denn unsere Haltung ist, dass das Leben ein Geschenk ist und ungeborene Kinder geschützt werden, dass das Leben eines behinderten Menschen total respektiert und geschätzt wird". Doch sobald das behinderte Kind geboren und getauft sei, "gibt es fast nichts für diese zu tun".

"Deshalb sagt die Theologie der Behinderung nicht, dass es darum geht, dazu zu gehören. Ihr geht es darum zu sagen, 'was wirst Du in Deiner Pfarrei tun, und wie werden sie dazugehören?"