Zu lichtvoller Heiligkeit berufen

CNA Deutsch dokmentiert die Predigt von Kardinal Kurt Koch zum heutigen Hochfest Allerheiligen

Der lichtdurchflutete Petersdom mit Reliquien zahlreicher Heiliger am Hochfest Allerheiligen, 1. November 2020.
Foto: Daniel Ibanez / CNA Deutsch
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In der heutigen technisierten Welt ist Licht eine Selbstverständlichkeit geworden. Doch auch heute zeigt das Licht seine ganze Kraft erst recht auf dunklem Hintergrund. In das Dunkle unseres menschlichen Lebens und das Finstere in der heutigen Welt und auch der Kirche bringt das Hochfest Allerheiligen Licht. Dieses Licht ist uns mit den Heiligen geschenkt. Die Heiligen tragen freilich das Licht in sich nicht aus sich selbst. Ihr Licht ist vielmehr ein abkünftiges Licht. Das Licht der Heiligen kommt von Gott, der in sich reinstes Licht ist. In dieser Abkünftigkeit zeigt das Licht der Heiligen den inneren Reichtum des großen Lichts Gottes, nämlich den reinen Glanz seiner Heiligkeit. Die Heiligen sind gleichsam die bunten Spektralfarben, die das Licht der Heiligkeit Gottes in verschiedenen Farbtönen und Brechungen reflektieren.

Mit dem Bild des Lichtes ist zugleich die grundlegende Wahrheit des christlichen Glaubens in Erinnerung gebracht, dass es der Heilige Gott selbst ist, der Menschen heiligt. Denn heilig ist einzig und allein Gott; und Menschen vermögen nur dadurch heilig zu werden, daß sie sich ganz in das Geheimnis Gottes hinein begeben und für ihn durchsichtig werden. Wenn wir von heiligen Menschen sprechen, muss deshalb von Gott selbst die Rede sein. Der christliche Glaube nimmt seinen Anfang beim elementaren Bekenntnis zu Gott, dem Unendlichen und Unbegreiflichen. Von diesem Gott aber sagt die christliche Offenbarung, dass er gerade in seiner Unendlichkeit nicht bei sich selbst bleiben, dass er vielmehr in der Landschaft unserer endlichen Geschichte ankommen will.

Damit kommt ans Licht, was ein heiliger Mensch ist. Dort, wo das Urteil des Glaubens den Mut aufbringt, von einem konkreten Menschen zu bekennen, dass Gott bei ihm endgültig angekommen ist, dort ist im Tiefsten das gegeben, was unsere katholische Kirche einen heiligen Menschen nennt: Ein Heiliger ist ein Mensch, der so transparent und empfangsbereit für Gott geworden ist, dass Gott wirklich bei ihm ankommen und Ankunft, Advent halten kann. Wenn wir heilige Menschen verehren, dann ehren wir in Wahrheit Gott, genauer seinen siegreichen Advent bei diesen heiligen Menschen. Verehrung der Heiligen ist deshalb im Tiefsten Gottesverehrung und Gottesdienst, wie wir dies mit der Präfation von den Heiligen bekennen, in der es heisst: "Die Schar der Heiligen verkündet deine Größe, denn in der Krönung ihrer Verdienste krönst du das Werk deiner Gnade." Es ist der Heilige Gott, durch den auch der geheiligte Mensch zum Glaubensgeheimnis wird. 

Zu solcher Heiligkeit sind wir alle berufen, wie wir es in der Lesung aus dem Epheserbrief gehört haben: In Christus sind wir erwählt, "damit wir heilig und untadelig leben vor Gott". Mit diesen Worten sagt Paulus, dass unsere Berufung im Letzten ganz einfach und in ihrem Kern für alle Glaubenden gleich ist, nämlich Heiligkeit. Heilig ist vor Gottes Angesicht nicht das Ungewöhnliche, sondern das Gewöhnliche und für jeden Getauften Normale. Christliche Heiligkeit besteht nicht einfach in irgendwelchen unnachahmbaren Heroismen, sondern in unserem alltäglichen Leben von Gott her, mit Gott und auf Gott hin, um unser Leben im Geist des Glaubens zu durchformen. Denn die christliche Berufung zur Heiligkeit ist nicht elitär, sondern ganz und gar egalitär, oder mit den Worten von Papst Benedikt XVI.: Christliche Heiligkeit ist "kein Luxus, kein Privileg weniger, kein für den normalen Menschen unmögliches Ziel"; sie ist vielmehr "die gemeinsame Bestimmung aller Menschen, die dazu berufen sind, Kinder Gottes zu sein, die universale Berufung aller Getauften".

Diese universale Berufung zur Heiligkeit feiern wir am Hochfest Allerheiligen. Jeder Christ hat gewiss seine Lieblingsheiligen und verehrt vor allem seinen Namenspatron, da er in ihm einen hilfreichen Begleiter auf seinem Lebensweg erblickt. Da wir aber nicht allein Christen sein können, ist es eine schöne Bereicherung im Glauben, uns wenigstens einmal im Jahr die universale Gemeinschaft der Heiligen vor Augen zu führen, in der der Heilige Gott eine Vielzahl von heiligen Menschen erweckt hat. Der Radius unserer Aufmerksamkeit für die Heiligkeit wird nochmals geweitet, wenn wir der Weisung der Liturgie unserer Kirche folgen, die nach dem Hochfest Allerheiligen das Gedenken aller verstorbenen Gläubigen am Allerseelentag vorsieht, an dem wir in besonderer Weise für unsere lieben Verstorbenen zu beten pflegen. Denn unsere Toten sind auf dem Weg, der reinen Heiligkeit Gottes Aug-in-Aug zu begegnen und selbst in ihrer Heiligkeit durch Gott vollendet zu werden.

Wie wir Menschen in unserem Leben bei all unserem Mühen, im Licht Gottes zu leben, immer wieder auch viel Dunkles in uns tragen, das der Reinigung bedarf, so müssen wir auch annehmen, dass unsere Verstorbenen auch mit dunklen Spuren in die Welt Gottes eingetreten und deshalb der Reinigung bedürftig sind, um der lichtvollen Heiligkeit Gottes begegnen zu können. Dieses Geschehen der Reinigung benennt der katholische Glaube mit dem Wort "Fegefeuer". Es bezeichnet den von innen her notwendigen Prozess der Umwandlung von uns Menschen, mit dem wir endgültig Licht-fähig, Gott-fähig und damit auch fähig zur Einheit mit der universalen Gemeinschaft der Heiligen werden. Die Botschaft vom Fegefeuer ist deshalb wirklich Evangelium, dessen Kerngedanke darin besteht, dass wir im Tod endgültig vor die Heiligkeit Gottes und in sein reines Licht treten und dabei auch endgültig und ohne Maske erkennen, wie es um uns steht und wer wir in Wahrheit sind.

In diesem läuternden Geschehen des Ausgeschmolzenwerdens des Dunklen im Feuer der göttlichen Liebe sind unsere Verstorbenen auf unsere Begleitung im Gebet angewiesen, das wir ihnen am Allerseelentag in besonderer Weise schenken. Und der Allerseelentag lädt uns Christen ein, uns bereits jetzt auf der irdischen Wanderschaft immer wieder diesem Geschehen der Reinigung auszusetzen: in unserem Beten, in der Rechenschaft über unser Leben im Beichtsakrament und in der Feier der Heiligen Messe, von der das Zweite Vatikanische Konzil betont, dass sie der Heiligung von uns Menschen dient. Die christlichen Sakramente sind uns als Hilfen gegeben, damit wir auf unserem Weg zur lichtvollen Heiligkeit vorankommen, zu der wir alle berufen sind: In Christus sind wir erwählt "vor der Erschaffung der Welt, damit wir heilig und untadelig leben vor Gott". Amen.

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