Edith Stein und ihre Leidensgenossen auf dem Weg nach Ausschwitz

Das sogenannte Passfoto von Edith Stein, aufgenommen wohl gegen Dezember 1938 vor dem Karmel von Köln. Am 7. August 1942 wurde Teresia Benedicta vom Kreuz nach Auschwitz deportiert und starb in den Gaskammern des Konzentrationslagers.
Foto: Archiv des Karmels – Gabriel Sozzi via Wikimedia
Previous Next
08 August, 2021 / 4:00 PM

Am 9. August begeht die Kirche den Gedenktag der heiligen Karmelitin Teresia Benedicta vom Kreuz OCD. Ihr Geburtsname ist Edith Stein. Die aus einer jüdischen Familie stammende Heilige kam am 12. Oktober 1891 in Breslau zu Welt. Am 9. August 1942 wurde sie von den Nationalsozialisten im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau umgebracht..

Zwischen den beiden Jahreszahlen liegt das spannende Leben einer deutschen Philosophin und Konvertitin, Ordensfrau und Märtyrerin. Sowohl ihre gesammelten Werke, das Edith-Stein-Archiv im Karmelitinnenkloster Köln und unzählige Bücher und Artikel haben sie spätestens seit ihrer Selig- und Heiligsprechung am 1. Mai 1987 bzw. 11. Oktober 1998 weltweit bekannt gemacht.

Natürlich war Edith Stein nicht die einzige Person, die in den Lagern der Nazis im "Dritten Reich" getötet wurde. An einige ihrer Leidensgenossen erinnert ein Priester aus dem Bistum Roermond in den Niederlanden. Sein Buch, das erst jetzt, nachdem es bereits in vielen Weltsprachen übersetzt worden ist, auch in deutscher Sprache erscheint, trägt den Titel "Die Heilige Edith Stein und ihre Leidensgenossen auf dem Weg nach Auschwitz".

Mgr. Dr. Paul Hamans war viele Jahre am Theologischen Institut Rolduc tätig. Als Professor für Kirchengeschichte war er ein ausgewiesener Fachmann, als der Bischof von Roermond ihn im Jahr 2004 beauftragt, eine Publikation der niederländischen Märtyrer des 20. Jahrhunderts herauszugeben. In diesem Zusammenhang ist auch sein Buch entstanden, das Gegenstand dieser Buchbesprechung ist. Seit einigen Jahren lehrt Paul Hamans allgemeine und niederländische Kirchengeschichte und Patristik am Großen Seminar der Diözese Haarlem-Amsterdam.

Für das Vorwort der deutschen Ausgabe konnte Kardinal Woelki gewonnen werden, der feststellt, dass Märtyrer "im menschlichen Sinne nicht nur Helden" in der Kirche seien. Vielmehr seien sie "Vorbilder und Fürsprecher für die pilgernde und leidende Kirche". In diesem Sinne sei die Lektüre des Buches weithin empfohlen.

In den 15 Kapiteln des Buches zeichnet der Autor Lebenslinien von Menschen, die von ihren Zeitgenossen umgebracht wurden, weil sie katholisch waren und eine jüdische Herkunft besaßen. Zwar wird mit keinem Wort ein Bogen in die jetzige Zeit gespannt, dennoch gibt es heute gesellschaftliche und politische Symptome, die es nahelegen, die damaligen Geschehnisse, die nun fast 80 Jahre zurückliegen, nicht zu vergessen und mit offenen Augen und Ohren die Zeitläufe zu beobachten. Die Debatten um den Lebensschutz in all sein Facetten, aber auch die Corona-Situation zählen dazu.

Zunächst beleuchtet Hamans die politische Situation in den Niederlanden des Jahres 1942. Die niederländischen Bischöfe hatten anlässlich eines Hirtenbriefes zum Judenmord Klartext gesprochen. Auf dieses Schreiben vom 26. Juli folgte nur wenige Tage danach, am 2. August 1942, die Verhaftung von 413 katholischen Juden in den Niederlanden. Die Nazis hielten das Land besetzt und regierten mit eisernen Besen. Ein Exempel wurde statuiert. Es ging alles sehr schnell. Nur eine Woche später, am Sonntag den 9. August, unmittelbar nach der Ankunft in Auschwitz, löschten die giftigen Gase in den Todeskammern die Leben von Edith Stein und ihrer Leidensgenossen aus. 

Vorausgegangen waren die Verhaftungen. Die Gefangenen wurden in das Lager Westerbork gebracht, von wo aus sie umgehend in Waggons zu je 60 Personen nach Auschwitz transportiert wurden. Niemand von ihnen wusste jedoch, wohin sie gebracht würden.

"In der Nacht von Donnerstag auf Freitag wurden in den Baracken die Listen mit den Namen derjenigen vorgelesen, die sich für die Abreise bereit machen mußten. Bis auf sechs Menschen wurden alle aufgerufen. […] Am frühen Morgen des 7. August, als die Sonne eben aufgegangen war, stand eine lange Reihe Männer, Frauen und Kinder aufgestellt auf dem großen Weg, der quer durch das Lager lief. Seltsam stachen die Ordensgewänder von dem Gepäck und der Ausstattung der übrigen ab. An Stelle der Polizisten waren bewaffnete SS-Leute gekommen, und unter ihren groben und anschnauzenden Befehlen zog der lange Trupp aus dem Lager hinaus. Wir Zurückbleibenden haben ihm noch sehr lange nachgewinkt! Das war das letzte, was wir von diesem Transport gesehen haben."

In Auschwitz wurde kein einziges Dokument angefertigt, das bestätigt, dass die katholischen Juden angekommen seien und umgebracht wurden. Nichts wurde registriert. Es gab überhaupt keine Informationen, so dass am 29. August Erzbischof de Jong schrieb: Wir können die Hoffnung aufgeben. Gemeint war die Freilassung dieser Menschen. Dass sie bereits tot waren, wusste er nicht.

Bei der Schilderung der verschiedenen Lebenszeugnisse erscheint dem Schreiber dieser Zeilen jenes der Mitglieder der Familie Löb besonders eindringlich. Der Vater, der ursprünglich aus Deutschland stammte, war der Meinung, dass jeder Jude, der seine Religion wirklich kennen würde, in letzter Konsequenz katholisch werden müsse. Er heiratete nach der Konversion seine Frau katholisch. Das Ehepaar hatte acht Kinder. Sechs von ihnen traten in den Orden der Trappisten ein. Auf Seite 167 sind die Portraits dieser drei Trappistinnen (Nonnen) und drei Trappisten (Mönche) abgebildet. 

Sieben Löb-Geschwister erleiden mit vielen anderen katholischen Juden dasselbe Schicksal wie Edith Stein: ihr Leben endet in den Gaskammern von Auschwitz. Die Todesanzeige des Trappistenordens kann getrost über allen beschriebenen Schicksalen stehen:

"'In diesem Leben haben sie sich geliebt; deshalb waren sie nicht durch die Wolke getrennt‘ (Liturgie). 'Ich werde zu Dir in einer dichten Wolke kommen‘ (Ex 19,9). Wir lesen diese Worte im Buch Mose, das den Exodus der Juden erzählt. Wir dürfen diese Worte wohl anwenden auf diese auserwählten Seelen. Sie kamen aus dem gleichen Volk zu dem Gott auf dem heiligen Berg gesprochen hat […]. Dieser Berg ist das Symbol des kontemplativen Klosterlebens. Auf diesem Berg beten sie in der Nacht, als die dichte bzw. dunkle Wolke, unheilvoll über sie heranzog. Aus rein menschlicher Sicht wäre diese Wolke, unheilvoll und unausweichlich, nichts weiter als eine Bedrohung zu verstehen. Aus dieser Wolke hörten sie jedoch die Stimme Gottes. Obwohl jeder seinen eigenen Weg hatte, waren sie eins in ihrer edlen Hingabe an Gottes heiligen Willen, und sie erkannten mit Freude ihr auserwähltes Los. Und wir haben sie gehen sehen."

Paul Hamans, "Die Heilige Edith Stein und ihre Leidensgenossen auf dem Weg nach Ausschwitz", mit einem Vorwort von Kardinal Rainer Maria Woelki, ist im Bernardus-Verlag erschienen und hat 299 Seiten. 

 

Das könnte Sie auch interessieren:

 

Hinweis: Meinungsbeiträge wie dieser spiegeln die Ansichten der jeweiligen Autoren wider. CNA Deutsch macht sich diese nicht zu eigen.