Gesellschaftliches Mobbing gegenüber Katholiken

Trotz Gemecker, Spott und Gegenwind: Christen sollten zu ihrem Glauben stehen und sich nicht in ihren Freiheiten beschneiden lassen, appelliert Giuseppe Gracia.
Foto: Flickr / Jürgen (CC BY-NC 2.0)
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24 October, 2017 / 11:35 AM

Auch wenn sich Westeuropa als liberal und offen versteht, nimmt die Akzeptanz für die Meinungsäusserungsfreiheit von glaubenstreuen Katholiken immer mehr ab. Das gilt allgemein für konservative Christen. Doch der Umgang Europas mit glaubenstreuen Katholiken zeigt exemplarisch, wie es um unsere Freiheitsräume steht.

Es ist nicht so, dass Menschen, die an der Lehre der Kirche festhalten, in Deutschland, England oder in der Schweiz nicht mehr sagen könnten, was sie denken. Über Social Media kann heute fast jeder sagen, was er denkt. Doch glaubenstreue Katholiken zahlen dafür in Westeuropa einen Preis: sie sinken im öffentlichen Ansehen bis hin zur gesellschaftlichen und beruflichen Ausgrenzung. Diese Gefahr lässt viele instinktiv zur inneren Zensurschere greifen, besonders bei heissen Eisen wie Familienpolitik, Sexualmoral oder Abtreibung. Die Folge davon ist ein raumgreifendes Verstummen katholischer Stimmen im politischen Leben.

Das kommt jenen Gruppen entgegen, die Freiheit, Toleranz und Vielfalt predigen, jedoch glaubenstreue Katholiken nicht als legitimen Teil dieser Vielfalt zulassen wollen, sondern als Ursache von Diskriminierung, Hatespeech und Fundamentalismus betrachten. Es beginnt schon damit, dass sich eine Deutsche oder eine Schweizer Grundschullehrerin nicht mehr weigern kann, die Gender-Ideen als gesichertes Wissen zu vermitteln. Oder dass grosse Medien den „Marsch fürs Leben“ regelmässig wie einen Anlass von reaktionären Anti-Feministen behalndeln, wie eine Ansammlung von „Abtreibungshassern“. In Schweden hat eine sozialdemokratische Politikerin sogar Dschihadisten mit Abtreibungsgegnern gleichgesetzt. Das fördert ein Klima, in dem Gläubige, die einen Job zu verlieren haben, sich kaum getrauen, Artikel oder Videoclips mit christlichen Ansichten zu liken.

Glaubenstreue Katholiken riskieren überhaupt ihren Beruf. In Deutschland, England oder Frankreich könnte etwa niemand Arzt oder Hebamme werden, wenn er schon während des Studiums dazu stünde, Beihilfe zur Selbsttötung oder Abtreibung in jedem Fall abzulehnen. Und wie viele bereits ausgebildete Frauen mit einer solchen Einstellung würde man in einem Krankenhaus zur Chefärztin machen? Undenkbar, selbst wenn es die kompetenteste, fleissigste Frau wäre. Ähnlich sieht es in anderen Branchen aus. Welcher Journalist bekäme den Chefposten eines Leitmediums oder den Moderatorenjob einer populären Talksendung angeboten, wenn er öffentlich zum Lehramt der Kirche stünde, von der Unfehlbarkeit des Papstes bis zur Einschätzung der Homosexualität? Welche Professorin, welcher Forscher einer staatlich finanzierten Einrichtung könnte sich erlauben, die Gender-Studies als Ideologie abzulehnen? Welcher ambitionierte Politiker kann für den christlichen Ehebegriff eintreten, inklusive dem Nein gegenüber vorehelichem Sex oder künstlicher Empfängnisverhütung?  

Der Fall des Italieners Rocco Buttiglione zeigte schon im Jahr 2004, wie es einem Katholiken ergeht, der seinen Glauben weder verleugnet noch verwässert. Trotz bester Qualifikation für das Amt des Vizepräsidenten der Europäischen Kommission und des Kommissars für Justiz hat es ihn die politische Laufbahn gekostet, zumindest auf EU-Ebene. Ein aktuelles Beispiel von 2017 wäre der englische Politiker Jacob Rees-Mogg, der in der TV-Sendung „Good Morning Britain“ darauf bestand, sich bezüglich Ehe und Abtreibung an der Lehre der Kirche zu orientieren. Da Rees-Mogg das Amt des Premierministers anstrebt, wollte man wissen, wie er sich verhalten würde, sollte England an Abtreibung oder Homoehe festhalten. Rees-Mogg machte deutlich, dass er als Gläubiger zur Lehre der Kirche stehe, als Politiker jedoch zum Rechtsstaat und seinen Gesetzen, und zwar auch dann, wenn diese seinem Glauben widersprechen würden. Eine Differenzierung, die ihm wenig geholfen hat. Seit dem Auftritt lässt man ihn aussehen wie einen homophoben Finsterling. So ein Mensch, wird suggeriert, darf nie ein höheres Amt bekleiden. Angesagt ist vielmehr ein massenmedial ausgeführter Rufmord.

Das kann natürlich auch Medienschaffende selber treffen. Ein Bespiel aus der Schweiz ist Christiane Hanna Henkel von der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ). Sie verfasste 2014 einen Kommentar über den Apple-Chef Tim Cook, der sich als homosexuell geoutet hatte. Henkel meinte, Cook missbrauche seine Macht, wenn er als CEO von einem „der am meisten beachteten Konzerne der Welt“ seine sexuelle Orientierung zum Thema mache. Das sei „nicht Bestandteil seiner Aufgabe“. In einer wirklich liberalen Zeitung, getragen von einem liberalen gesellschaftlichen Umfeld, hätte so ein Kommentar allenfalls eine Debatte über den Zusammenhang zwischen Management und Politik ausgelöst. Stattdessen distanzierte sich der Chefredaktor öffentlich von Henkel und verkündete: "Hier haben sämtliche internen Kontrollmechanismen versagt. Die Publikation war ein Fehler, genauso wie der Text ein Fehlgriff ist.“ Deutlicher kann der Chef einer angesehenen Zeitung nicht zeigen, dass es eine interne Meinungs- und Gesinnungskontrolle gibt, die sonst offenbar gut funktioniert. Dass man also auch bei der NZZ nicht mehr auf Meinungspluralismus setzt, auf die Stärke des besseren Arguments, wovon jede Demokratie lebt, sondern dass man einen kontrollierten Korridor erlaubter Ansichten wünscht.

Im Vergleich dazu sieht es in den USA etwas besser aus. Bei US-Wahlen können die Kandidaten offen von Gott und ihrem Glauben sprechen. Sie können klar Pro-Choice oder Pro-Life sein, für oder gegen die Homoehe, und beide Seiten haben eine reale Chance, in höhere Ämter gewählt zu werden. Das ist in Westeuropa undenkbar. Nicht nur im Einflussbereich der EU, sondern auch ausserhalb. Selbst in der freiheitsliebenden Schweiz wären Politiker, die so verrückt sind, klar gegen Abtreibung oder Homoehe aufzutreten, für jedes höhere Amt erledigt. Das gilt auch für Kulturschaffende und Intellektuelle.   

Am Ende scheint man in Westeuropa das Christentum selbst heruntermachen zu wollen, damit es aus dem öffentlichen Leben verschwindet. Man will nur noch gesellschaftliche Grössen zulassen, die über politische und kulturelle Prozesse verändert oder per Abstimmung verfügbar gemacht werden können. Es ist eine Gesellschaft, die als obersten Massstab nur noch sich selbst akzeptiert. Bei dieser Grosswetterlage wird es vielleicht notwendig, für glaubenstreue Christen neue Formen der Freiheit zu finden und diese zu verteidigen. Eigene Medien, eigene Schulen, eigene Unternehmungen und Arbeitgeber, warum nicht? Eigene Bildungseinrichtungen, Krankenhäuser, Familienstrukturen. Wenn man traditionellen Christen in der Mainstream-Gesellschaft keinen vernünftigen Platz zugesteht, wenn man sie auf dem Arbeitsmarkt benachteiligt, müssen sie sich neu organisieren und gegenseitig unterstützen. Sie dürfen sich nicht ins Private abdrängen lassen oder sich zurückziehen. Weltflucht ist unchristlich. Aber sie müssen einen neuen Raum, neue Weisen der Vernetzung und Selbstbehauptung finden. Um sich zu sammeln und gegenseitig zu stärken. Um mit einem neuen Selbstbewusstsein wieder in der Welt wirken zu können.

Giuseppe Gracia ist Schriftsteller und Medienberater, unter anderem des Bischofs von Chur. Sein jüngstes Buch ist "Der Abschied". 

Das Interview mit Jacob Rees-Mogg (in englischer Sprache):

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Hinweis: Gastkommentare spiegeln die Meinung des Autors wider, nicht unbedingt der Redaktion von CNA Deutsch.