Vor 80 Jahren starb in Auschwitz Pater Anizet Koplin, Beichtvater des späteren Pius XI.

Der Kapuzinerpater, Sohn einer Deutschen und eines Polen, war ein begnadeter Beichtvater - und durchschaute früh die Lügen der Nazis

Auschwitz
Foto: Fr. Benjamin Holdren
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09 February, 2019 / 7:30 PM

Am 13. Juni 1999 sprach Papst Johannes Paul II. in Warschau 108 Frauen und Männer selig, die in den Konzentrationslagern des 2. Weltkrieges als Zeugen des christlichen Glaubens gestorben sind. Unter diesen Seligen befanden sich fünf Kapuziner. Einer von ihnen ist Pater Anicetus Koplin (später: Anizet Koplinski). Er wäre vielleicht völlig unbekannt geblieben, wäre er nicht selig gesprochen worden. Wie bei den Heiligen Maximilian Kolbe und Edith Stein fällt gerade vom Ende seines Lebens her ein besonderes Licht auf  das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte. Sein Sterben im Konzentrationslager Auschwitz offenbart, wer er war und wofür er lebte. 

Pater Anizet Adalbert Koplin, am 30. Juli 1875 in Preußisch-Friedland in Westpommern geboren.  Sein Vater war polnischer Abstammung und katholisch, seine Mutter war deutschstämmig und Mitglied der lutheranischen Kirche. Adalbert besuchte die Volks- und Mittelschule seiner Geburtsstadt. Mit 18 Jahren trat 1893 im fernen Sigolsheim im Elsass in den Kapuzinerorden ein, wo man ihm den Ordensnamen Anicetus gab.

Nach Abschluss seiner Studien wurde Anicetus am 15. August 1900 in Krefeld vom holländischen Missionsbischof Emmanuel van den Bosch zum Priester geweiht. Danach wirkte er  in verschiedenen Klöstern der damals noch bestehenden Rheinisch-Westfälischen-Kapuziner-Provinz.

Wirken im Ruhrgebiet

Im Ruhrgebiet begegnete Pater Anizet Polen, die in den Bergwerken Kohle förderten und damit ihren und ihrer Familien Lebensunterhalt verdienten. Der Kapuzinerpater verbesserte im Laufe der Jahre durch Selbststudium seine Kenntnis der polnischen Sprache, so dass er unter diesen polnischen Arbeitern des Ruhrgebietes segensreich wirken konnte. Die Sorge um minderte jedoch nicht seine Liebe zum deutschen Vaterland. Er schätzte die deutsche Kultur und verfasste zu Beginn des Ersten Weltkrieges selbst patriotische Gedichte.

Im Jahre 1918 schickten ihn seine Ordensoberen nach Polen. Dort sollte er, nach dem Ende des Ersten Weltkrieges, mithelfen, das kirchliche Leben in Polen sowie des Kapuzinerordens in der Provinz Warschau wieder herzustellen.

Mit Eifer ging Pater Anizet die vielfältigen neuen Aufgaben an. Er widmete sich den Armen, Arbeitslosen und Notleidenden. Im  Warschauer Stadtviertel Annapol, errichtete er eine Armenküche. Täglich wurden bis zu 8.000 Essen ausgeteilt. Pater Anizet war selbst Almosensammler und schleppte eigenhändig die erworbenen Lebensmittel, in großen Taschen verpackt, durch die Straßen von Warschau. Manchmal wurde er zur Zielscheibe von Verspottungen und Demütigungen. Doch für seine Armen ertrug er es mit großer Ruhe, zum Erstaunen seiner näheren Umgebung.

Dichter und Beichtvater

Pater Anizet war dichterisch begabt und ein Meister der lateinischen Sprache. Er verfasste Gedichte in Latein, die er auch zu manchen Anlässen vortrug. In Warschau war der Vater der Armen recht populärer. Bald gab es keine Feierlichkeit von Bedeutung, zu der der Kapuziner in der braunen Kutte und den Sandalen an den Füßen nicht eingeladen wurde. Hier konnte er die lateinischen Gedichte vortragen und zugleich um eine Gabe für seine Armen bitten. Sogar die Reste des Festbüfetts füllte er in die Taschen seines Ordensgewandes und brachte sie den Bedürftigen.

Pater Anizet war ein begnadeter Beichtvater und Begleiter der Sterbenden. Er saß täglich mehrere Stunden im Beichtstuhl der Kapuzinerkirche von Warschau. Dies tat er sogar lieber als predigen. Denn im Beichtstuhl konnte er kurze, treffsichere Weisungen geben. Zu seinen Beichtkindern zählte auch die Apostolische Nuntius Achille Ratti (der spätere Papst Pius XI.).

Wenn Pater Anizet erfahren hatte, dass jemand im Sterben lag, so begab er sich zu ihm, um zu trösten und womöglich die Sakramente zu spenden. Er wurde an das Bett vieler Sterbender gerufen, auch zu solchen, die bis zuletzt noch den Empfang der Beichte verweigerten. Oft gelang es ihm, sie noch zur Umkehr und zur Versöhnung mit Gott zu führen.

Zeuge der Nazi-Greuel 

Die Not des polnischen Volkes im 2. Weltkrieg berührte ihn sehr. Sah er doch mit Schmerz wie die zwei ihm zutiefst verbundenen Völker Krieg führten. Er war Deutscher, was er nicht verbarg. Doch er durchschaute den antichristlichen Geist und das Dämonische der nationalsozialistischen Ideen; so stellte er sich immer mehr auf die polnische Seite. Pater Anizet legte die deutsche Staatsbürgerschaft ab, nahm die polnische an und nannte sich nunmehr "Koplinski". Er blieb auch nach der Kapitulation von Warschau im Kapuzinerkloster. Von hier aus half er weiterhin wo er konnte.

Im Juni 1940 wurden er und der Guardian des Klosters von der Gestapo verhört. Ihr waren die Kapuziner, besonders der deutschstämmige Pater Anizet, schon lange ein Dorn im Auge. Er sagte, "Nach dem was Hitler in Polen begangen hat, schäme ich mich, ein Deutscher zu sein!".

In der Nacht vom 26. auf den 27. Juli 1941 wurde das Kapuzinerkloster von der Gestapo umstellt und nach der Hausdurchsuchung alle 22 Kapuziner verhaftet. Im Gefängnis von Pawiak wurden sie verhört und misshandelt und ihre Köpfe kahlgeschoren. Nach dem sie gezwungen hatte die Ordenskleidung abzulegen, wurden sie verspottet, schikaniert und gequält.

Weg in den Tod

Am 3./4. September 1941 wurde Pater Anizet zusammen mit anderen in einem Viehwaggon in das KZ Auschwitz abtransportiert. Dort erhielt er die gestreifte Lagerkleidung und die KZ-Nummer 30376. Er galt nicht mehr als Mensch, sondern war von nun an nur noch eine Nummer unter Tausenden von Mitgefangenen.

Pater Archangelus, der Provinzial der Kapuziner und ein Leidensgenosse von Pater Anizet berichtet:

"Anizet wurde beim Aussteigen aus dem Zug misshandelt, beim Marsch zum Lager geschlagen, weil er mit den anderen nicht Schritt halten konnte. Außerdem hatte ihn ein SS-Hund gebissen. Bei der Abzählung wurde Pater Anizet mit anderen Älteren und Arbeitsunfähigen von den übrigen getrennt und neben dem Todesblock untergebracht. Man hat ihn auch gebrannt. Er hat in den letzten Tagen viel geschwiegen und gebetet. Er blieb immer ruhig und still!"

Die Unterbringung des 66jährigen Pater Anizet im Block der Invaliden war gleichbedeutend mit einem Todesurteil, denn in diesem Block wurde niemand ärztlich behandelt. Stattdessen wurden von hier täglich teilweise über hundert tote Menschen hinausgetragen.

Pater Anizet starb wahrscheinlich am 16. Oktober 1941.

Was die Todesursache war, ist heute nicht bestimmt. Tatsache ist jedoch, dass Pater Anizet nur eineinhalb Monate im KZ überlebte. Er, der arm war und sich für die Armen und Verfolgten aufgerieben hatte, starb hier in Auschwitz in äußerster Armut für seine Glaubensüberzeugung und in Solidarität mit seinen polnischen Brüdern.

Seliger Pater Anizet, bitte für uns!

LINK-TIPP: http://pater-anicet-koplin.de/Lebensdaten/Lebensdaten.php

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