Krieg im Heiligen Land: Christen zwischen Angst und Solidarität

Eine Frau entzündet in der Jerusalemer Grabeskirche eine Kerze (Archivbild)
Ismael Martinez Sanchez / Kirche in Not

Die Terroranschläge vom 7. Oktober auf Israel markieren eine Zeitenwende für den Nahen Osten. Betroffen sind auch die Christen, die im Heiligen Land als Minderheit leben.

„Kirche in Not“ unterstützt die Arbeit der Gemeinden vor Ort und hilft den Christen, durch diese schwere Zeit zu kommen. Das weltweite katholische Hilfswerk hat einige Momentaufnahmen aus der Kriegsregion zusammengetragen.

Gaza-Streifen: Eine Ordensfrau bleibt bei denen, die nicht flüchten können

In den Räumen der katholischen Pfarrei „Heilige Familie“ in Gaza-Stadt haben etwa 150 katholische und 350 orthodoxe Christen Zuflucht gefunden. Das ist etwa die Hälfte der christlichen Bewohner des Gaza-Streifens. Bei ihnen sind ein katholischer Priester und mehrere Ordensfrauen, darunter auch Schwester Nabila. Sie ist eine langjährige Projektpartnerin von „Kirche in Not“.

Trotz der Aufforderung Israels an die Zivilbevölkerung, den nördlichen Gaza-Streifen zu verlassen, sei sie entschlossen zu bleiben, berichtet die Rosenkranzschwester: „Es gibt hier viele ältere oder behinderte Menschen, die gar nicht flüchten können. Wir werden bei ihnen bleiben. Wohin sollten wir auch gehen? Um auf der Straße zu sterben?“ Zusammen mit den Missionarinnen der Nächstenliebe kümmere sie sich so gut es geht um die bedürftigsten Menschen. Seit Tagen haben sie kein Auge mehr zugemacht, erzählt Schwester Nabila: „Wir brauchen dringend Medikamente. Beten Sie für uns, damit dieser Wahnsinn ein Ende findet.“

Westjordanland: „Die Menschen sind völlig verzweifelt“

Auch die schätzungsweise 37 000 Christen, die sich noch im Westjordanland aufhalten, erleben Tage der Unsicherheit und Angst. Nahezu alle Pilger und Besucher von Städten wie Bethlehem, Hebron oder Jericho haben das Land bereits verlassen. Damit sei für viele Christen nach den Corona-Jahren erneut die wichtigste Einnahmequelle weggebrochen, erklärt der Projektverantwortliche des Lateinischen Patriarchats von Jerusalem, George Akroush, im Gespräch mit „Kirche in Not“: „70 Prozent der Christen im Westjordanland leben vom Tourismus. Der Krieg wird für viele christliche Familien zu einer schrecklichen Wirtschaftskrise führen.“

Ein weiteres großes Problem bestehe darin, dass die Checkpoints nach Israel geschlossen worden seien. Somit könnten viele Menschen aus dem Westjordanland nicht mehr zu ihren Arbeitsplätzen nach Jerusalem oder andernorts gelangen. „Die Menschen lebten vorher schon in Armut, aber jetzt sind sie völlig verzweifelt“, berichtet Akroush. Menschen mit chronischen Erkrankungen seien in einer bedrohlichen Situation, da Medikamente kaum noch zu bekommen seien. Auch die Wasser- und Stromversorgung funktioniere nicht mehr zuverlässig.

Mehr in Deutschland - Österreich - Schweiz

Ostjerusalem: „Der Krieg bringt die katholische Gemeinschaft näher zusammen“

Etwa 100 000 Christen sind in Ostjerusalem beheimatet. Da auch viele von ihnen im Tourismus arbeiten, sind sie jetzt ohne Broterwerb. Leerstehende Hotels werden als Quartierte für Reservisten oder für geflüchtete Israelis genutzt, die sich aus der Umgebung des Gaza-Streifens in Sicherheit gebracht haben.

Trotz der belastenden Lage herrsche unter den Christen eine hohe Solidarität, berichtet George Akroush: „Einige, die ihre Arbeit behalten konnten, spenden bis zu 15 Prozent ihres Einkommens an ärmere Familien. Der Krieg bringt die katholische Gemeinschaft näher zusammen.“ Der Projektverantwortliche des Lateinischen Patriarchats fürchtet, dass die jüngste Eskalation zu einer weiteren Abwanderung von Christen aus dem Heiligen Land führen wird. „Deshalb sollten wir alles tun, was in dieser kritischen Zeit noch zu retten ist.“

Israel: „Das Böse darf nicht das letzte Wort haben“

Die US-Amerikanerin Holly ist eine von etwa 150 000 Christen, die auf israelischem Staatgebiet zu Hause sind – die meisten von ihnen mit ausländischen Wurzeln. Holly, die ihren Nachnamen nicht veröffentlicht sehen möchte, hielt sich in Jerusalem auf, als die Welt, wie sie sie kannte, zusammenbrach: „Mein Herz schmerzt wegen der Gräueltaten, die von der Hamas verübt wurden. Am ersten Tag des Angriffs wurde die höchste Zahl von Juden seit der Shoah ermordet. Es ist unvorstellbar“, erklärt sie gegenüber „Kirche in Not“.

Ihre Familie hätte ihr sofort einen Rückflug in die USA organisiert. Doch dann bat sie eine Hilfsorganisation, sich um geflüchtete jüdische Familie aus dem Grenzgebiet zum Gaza-Streifen zu kümmern. „Ich habe mich sofort entschieden zu helfen. Ich musste einfach bleiben“, bekräftigt Holly. Für ihre Eltern sei die Entscheidung sehr schwer, aber sie hätten auch Verständnis gezeigt. Sie haben mehrere Jahre in Polen gelebt und dort viele Orte besucht, an denen Juden während des Zweiten Weltkriegs getötet worden seien. Sie habe sich oft gefragt, warum dies alles geschehen sei, erklärt die US-Amerikanerin. „Heute habe ich die Möglichkeit zu helfen, also muss ich es tun. Das ist meine Antwort als Christin: Das Böse darf nicht siegen.“