5 wichtige Fakten zum Finanzprozess gegen Kardinal Becciu im Vatikan

Erzbischof Giovanni Angelo Becciu, der stellvertretende Leiter des Staatssekretariates, dessen Schreiben vom 12. April die Wirtschaftsprüfung des Vatikans durch PwC aussetzte.
Foto: CNA/Alan Holdren

Die zweite Anhörung in einem historischen Finanzprozess des Vatikans ist für den heutigen Dienstag angesetzt, nachdem das Verfahren bereits Ende Juli begonnen hatte.

Der Prozess ist der Höhepunkt der mehr als zweijährigen Ermittlungen des Vatikans zu den Vorgängen rund um den 350-Millionen-Euro-Kauf einer Investitionsimmobilie in London durch das Staatssekretariat zwischen 2014 und 2018.

Der Vatikan macht geltend, dass das Geschäft problematisch war und dazu diente, das Staatssekretariat um Millionen von Euro zu betrügen.

Die Angeklagten im Prozess beteuern, dass ihre Handlungen rechtmäßig waren und dass die vatikanischen Behörden Bescheid wussten.

Nun geht der Vatikan im Namen der Geschädigten - des Heiligen Stuhls, des Staatssekretariats und des IOR (gemeinhin als "Vatikanbank" bezeichnet) - gerichtlich gegen die an dem Londoner Geschäft beteiligten Personen und andere, die der Finanzkriminalität beschuldigt werden, vor.

Während sich die nächste Phase des Finanzprozesses gegen den Vatikan entfaltet, sind hier fünf Dinge zu beachten.

1. Es ist ein wirklich großer Prozess

Es handelt sich um den größten Prozess gegen den Vatikan wegen Finanzdelikten in der Neuzeit, mit 10 Angeklagten und einer langen Liste von Vorwürfen, darunter Unterschlagung, Geldwäsche, Amtsmissbrauch, Veruntreuung und Betrug.

Allein für die Verteidigung stehen etwa 30 Anwälte zur Verfügung, und wenn jeder Angeklagte mehrere Zeugen in den Zeugenstand rufen darf, muss das Gericht damit rechnen, dass die Zeugenaussagen viel Zeit in Anspruch nehmen, selbst wenn alles glatt läuft. Dann gibt es noch die Zeugen der Anklage und die Aussagen der Anwälte.

Da Staatsanwälte und Richter am Vatikan-Tribunal nur in Teilzeit arbeiten, kann sich das Verfahren über Jahre hinziehen.

2. Kardinal Becciu kommt vor Gericht

Der Prozess geht auch in die Geschichte ein, da zum ersten Mal ein Kardinal von Laienrichtern vor dem Vatikanischen Gerichtshof angeklagt wird.

Kardinal Angelo Becciu arbeitete früher als zweithöchster Beamter im Staatssekretariat des Vatikans, der mächtigen Behörde, die im Mittelpunkt der Ermittlungen wegen finanzieller Vergehen steht. Als Sostituto war er "Stellvertreter" des Staatssekretärs, Kardinal Pietro Parolin. Beide Männer gelten gemeinhin als überaus machtbewußte italienische Prälaten.

Becciu hat stets jegliches Fehlverhalten abgestritten und sagte beim ersten Gerichtstermin im Juli zu Journalisten: "Ich bin zuversichtlich, ich habe ein ruhiges Gewissen, ich habe das Vertrauen, dass die Richter in der Lage sein werden, die Fakten gut zu erkennen, und meine große Hoffnung ist die Gewissheit, dass sie meine Unschuld anerkennen."

3. Es geht nicht nur um das Londoner Immobiliengeschäft

Das Londoner Geschäft ist zwar einer der größten Finanzskandale des Vatikans in den letzten Jahren, aber nicht alle Vorwürfe der Staatsanwaltschaft beziehen sich ausschließlich auf dieses Geschäft.

Die Anklage gegen Becciu wegen Veruntreuung und Amtsmissbrauch steht im Zusammenhang mit dem Vorwurf, er habe Gelder des Vatikans an eine von seinem Bruder geleitete Wohltätigkeitsorganisation weitergeleitet und eine weitere Angeklagte, Cecilia Marogna, dafür bezahlt, dass sie Dossiers mit belastenden Informationen über Mitarbeiter des Vatikans anlegt.

Marogna, die sich selbst als Sicherheitsberaterin bezeichnet, ist wegen Veruntreuung angeklagt, weil sie angeblich Hunderttausende von Euro vom Sekretariat im Zusammenhang mit Becciu erhalten und dann das für wohltätige Zwecke bestimmte Geld für Luxusgüter und Urlaube ausgegeben haben soll - was sie bestreitet.

René Brülhart und Tommaso Di Ruzza, die früher die interne Finanzaufsicht des Vatikans leiteten, waren nicht in den Londoner Immobilienkauf involviert, wurden aber angeklagt, weil sie es angeblich versäumt haben, das Geschäft zu stoppen, das laut vatikanischer Staatsanwaltschaft "als verdächtig hätte gelten müssen".

Die Hauptakteure bei dem Londoner Geschäft waren die Angeklagten Raffaele Mincione und Gianluigi Torzi, die den Kauf für das Staatssekretariat ausgehandelt und vermittelt haben, sowie der langjährige vatikanische Investmentmanager Enrico Crasso, der ihnen geholfen hat.

Innerhalb des Sekretariats beaufsichtigte Fabrizio Tirabassi die Investitionen und Msgr. Mauro Carlino arbeitete mit ihm zusammen.

4. Papst Franziskus hat die Regeln geändert

Papst Franziskus hat nicht geschwiegen, wenn es um die Finanzreform im Vatikan ging, und ist während der Ermittlungen und des Prozesses auf verschiedene Weise eingeschritten - sei es, um die Hoffnung auf ein gutes Ergebnis auszudrücken oder um Verfahrensregeln zu verbessern: Während des zweijährigen Ermittlungsverfahrens erließ er vier Dekrete, mit denen er bestehende Gesetze außer Kraft setzte, um den Staatsanwälten größere Freiheit bei ihren Ermittlungen zu gewähren, einschließlich des Einsatzes von Abhörgeräten und der Aufhebung der Vertraulichkeitsregeln für Dokumente.

Der Papst intervenierte auch, indem er von Becciu verlangte, am 24. September 2020 als Präfekt der Kongregation für die Heiligsprechungen und von den Rechten der Mitglieder des Kardinalskollegiums zurückzutreten, nachdem italienische Medien Berichte veröffentlichten, in denen Becciu finanzielles Fehlverhalten vorgeworfen wurde.

In einem Interview mit dem spanischen Fernsehsender COPE sagte Franziskus, er hoffe "von ganzem Herzen", dass sich die Unschuld des Kardinals herausstelle.

"Außerdem war er ein Mitarbeiter von mir und hat mir sehr geholfen. Er ist eine Person, für die ich eine gewisse Wertschätzung empfinde, das heißt, dass ich mir wünsche, dass es gut ausgeht", sagte er.

5. Verfahrensrechtliche Probleme

Obwohl sich der Prozess um den Londoner Immobilienskandal dreht, könnte es um viel mehr gehen, da sich der Vatikan aktuell mit weitreichenden Fragen der Finanzreform und der Rolle des Justiz auseinandersetzt.

Im Juni wies die europäische Finanzkontrollbehörde Moneyval auf mögliche Zeit- und Interessenkonflikte der an dem Prozess beteiligten Richter und Staatsanwälte hin, von denen die meisten auch andere Aufgaben im italienischen Rechtssystem wahrnehmen.

Und die erste Anhörung des Becciu-Prozesses, die sieben Stunden dauerte, wurde von den Verteidigern mit Einsprüchen zu Verfahrensfragen überzogen, indem sich Beccius Anwälte darüber beschwerten, dass sie nicht genug Zeit gehabt hätten, die 28.000 Seiten an Beweismaterial durchzulesen - und dass wichtige Dokumente nicht zugänglich waren.

Im Anschluss an diese Anhörung wies der Präsident des Gerichts, Giuseppe Pignatone, die Staatsanwaltschaft an, der Verteidigung die fehlenden Dokumente zur Verfügung zu stellen. Er forderte sie auch auf, Videodateien von Verhören von Msgr. Alberto Perlasca, einem Verdächtigen der Ermittlungen, der nie angeklagt wurde und nun ein wichtiger Zeuge für die Staatsanwaltschaft ist, zu übergeben.

Bislang haben die vatikanischen Staatsanwälte die Anordnung des Präsidenten verweigert, und die Verteidigung hat lediglich eine Zusammenfassung von Perlascas Aussage erhalten.

Die Anwälte von Cecilia Marogna erklärten in einem in der vergangenen Woche eingereichten Verteidigungsschreiben, dass in einem autonomen und unparteiischen Rechtssystem "diese Verweigerung sofort sanktioniert worden wäre", berichtete die AP.

Während der vatikanische Staatssekretär Kardinal Pietro Parolin gesagt hat, dass es bei dem Prozess um die Aufdeckung der "juristischen Wahrheit" im Londoner Immobilienskandal geht, könnte er auch zu einem Testfall für die Wirksamkeit des vatikanischen Justizsystems werden  — und mittelbar auch die weitere Rolle des Staatssekretariats klären.

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Übersetzt und redigiert aus dem englischen Original.