Analyse: Am kommenden Dienstag könnte Kardinal George Pell freigesprochen werden

Kardinal George Pell im Gespräch mit CNA am 25. Oktober 2016
Foto: CNA / Alan Holdren

Der Oberste Gerichtshof Australiens will am Dienstag, dem 7. April um 10 Uhr Ortszeit (18 Uhr deutscher Zeit) eine endgültige Entscheidung darüber treffen, ob Kardinal George Pell freigesprochen wird.

Das hat der High Court of Australia am heutigen 2. April mitgeteilt.

Die Richter unter Chief Justice Susan Kiefel werden dann die letztgültige Entscheidung in einem Fall treffen, der als "Affäre Pell" in die Geschichte eingehen wird – ganz egal, wie die Richter letztlich urteilen.

Der 78 Jahre alte Kardinal sitzt derzeit in Her Majesty's Prison Barwon außerhalb Melbournes hinter Gittern – einem Hochsicherheitsgefängnis, in dem unter anderem berüchtigte Mafiabosse einsitzen. Zuvor war er monatelang in Einzelhaft. Insgesamt ist der ehemalige Finanzchef des Vatikans bereits seit über einem Jahr Häftling, nachdem ihn ein Geschworenengericht des sexuellen Missbrauchs zweier Chorknaben für schuldig befand.

Pells Anwalt, Bret Walker, argumentierte vor dem High Court, dass der ehemalige Erzbischof von Melbourne nur deshalb im Gefängnis ist, weil zwei Richter am Berufungsgericht von Victoria mehrere juristische Fehler gemacht haben, die dazu führten, dass sein Berufungsantrag abgelehnt wurde. Wenn die Richter dem Argument kommenden Dienstag öffentlich zustimmen – dass also "begründete Zweifel" angezeigt sind – dann wird Pell aller Voraussicht nach sofort freigelassen.

Alternativ kann der Fall auch an das Berufungsgericht in Victoria zurückverwiesen werden – wovon die meisten Beobachter, darunter der Melbourner Jura-Professor Jeremy Gans, nicht ausgehen – oder natürlich der Schuldspruch aufrecht erhalten werden.

Hintergrund: Warum der Fall Pell die Gemüter erhitzt

Der Vorwurf sexueller Gewalt und der Kontext der weltweiten Kirchenkrise ist schwerwiegend genug. Doch im Fall Pell wird viel mehr mitverhandelt. Das zeigt allein die rhetorische Härte und polemische Heftigkeit, mit der das Verfahren und die Person diskutiert wird: Merkmale eines handfesten Kulturkampfes.

Die Positionen scheinen auf den ersten Blick klar: Auf der einen Seite stehen alle, die Zweifel am Verfahren und Schuldspruch gegen den ehemaligen Finanzchef des Vatikans wegen des sexuellen Missbrauchs zweier Chorknaben in den 1990er Jahren haben. Auf der anderen stehen jene, die Pell für schuldig halten.

Doch dieser Eindruck ist zu oberflächlich. Das zeigt einmal die Vehemenz, mit der öffentlich eingefordert wiederholt eingefordert worden ist, die Verurteilung müsse einfach anerkannt werden. So zeigte sich die prominente Politikerin Kristina Kenneally mit großer Wortgewalt im Fernsehen "sprachlos" darüber, dass der Melbourner Erzbischof Peter Comensoli glaubt, dass Pell unschuldig sei – und dies auch öffentlich sagte. Obwohl Comensoli im gleichen Atemzug dem mutmaßlichen Opfer Hilfe und Beistand angeboten hatte, bezeichnete die katholische Labor-Senatorin Keneally im Interview mit dem Sender "Sky News" dies als "gleich auf mehreren Ebenen erschütternd".

Selbst wer hier noch keine ideologischen Töne zu hören vermochte, wurde im Laufe des Verfahrens durch Zeitungen wie der australischen Ausgabe des "Guardian" informiert, dass es eben Kulturkampf sei – zum Beispiel mit einem Cartoon, der kommentierte:"Pell ist im Gefängnis, wo er hingehört, und die Kulturkämpfer sind zornig, weil einer der Ihren gestürzt ist".

Dass hier mehr verhandelt wird, zeigt auch, dass in der Affäre Pell über das Beichtgeheimnis gestritten wurd. Dessen Aufkündigung fordert etwa Louise Milligan, die mit ihrem Buch "The Rise and Fall of Cardinal Pell" das öffentliche Bild des Kardinals als Pädophilen prägte. Das Buch räumte zahlreiche öffentliche Preise ab und steht für die Wahrnehmung einer Kirche als "Männerbund", der sich seiner Privilegien – zu der das Beichtgeheimnis gehört – entledigen müsse.

Auf der anderen Seite ziehen üben Beobachter scharfe Kritik an Meinungsmache in Politik und Medien sowie dem eigentlichen Prozess. Wurde ein Unschuldiger durch ein juristisches Verfahren schuldig gesprochen, dass so nie hätte stattfinden dürfen angesichts massiver Hetze und ideologisch aufgeheizter Stimmung, wie etwa der Kolumnist Andrew Bolt der Zeitung "Herald Sun" warnte?

Einen Vergleich mit der Dreyfus-Affäre hatt George Weigel bereits vergangenes Jahr gezogen. Im Magazin "First Things", unter dem Titel "die australische Schande", schrieb der Autor und katholische Intellektuelle: "Vernünftige Menschen werden sich fragen, ob es sicher ist, in einem sozialen und politischen Klima zu reisen oder Geschäfte zu machen, in dem eine Mob-Hysterie, ähnlich derjenigen, die Alfred Dreyfus auf die Teufelsinsel geschickt hat, offensichtlich Geschworene beeinflussen kann."

Der berühmte Justizirrtum um den Artillerie-Offizier Alfred Dreyfus brachte das Frankreich der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert in Aufruhr und eine schwere Krise, erregte weltweit Aufsehen und verhandelte nicht nur den Vorwurf des Landesverrats gegen einen jüdischen, aus dem Elsass stammenden Hauptmann, sondern brennende gesellschaftliche Themen und Ideologien: Antisemitismus, Klerikalismus, Monarchismus.

Dass es sich bei der Affäre Pell zumindest um eine öffentlich ausgetragene ideologische Auseinandersetzung handelt, die kulturkämpferische Zügen trägt und manche Kollegen, Familien und Freundeskreise so spaltet, wie damals der Fall Dreyfus in Frankreich: Das zeigt die Debatte mittlerweile auch für andere Beobachter sehr deutlich.

Australische Juristen sagten gegenüber CNA Deutsch, dass der in der Dreyfus-Affäre erhobene Vorwurf des Verrats zumindest in der Hinsicht mitverhandelt wird. Viele Journalisten und Politiker hofften einfach die robust katholischen Positionen Pells delegitimiert zu sehen durch eine richterlich festgestellte, schwere Schuld seiner Person.

So gesehen sei Pell dann nicht nur ein "Sündenbock" im Sinne René Girards, sondern auch eine Art Alfred Dreyfus. Zumal es in den Sozialen Medien durchaus zu antikatholischer Hetze gekommen ist.

Ähnlich äußerten sich auch Keith Windschuttle und Christopher Akehurst im Magazin "Quadrant", wo Pell sogar als "Politischer Gefangener" bezeichnet wird. Der Ruf der australischen Justiz stehe insgesamt auf dem Spiel, warnt Akehurst.

Über all diesen Tumulten soll nun der High Court am kommenden Dienstag entscheiden. Ein kirchenrechtliches Verfahren der Glaubenskongregation in Rom – bereits im Februar 2019 angekündigt – steht im übrigen noch aus: Der Vatikan wartet die Entscheidung des weltlichen Gerichtsbarkeit ab.

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