Die bitteren Lektionen von Baltimore

Die Vollversammlung der Bischöfe geht am heutigen Mittwoch zu Ende – Standpauken und eine Reihe konkreter Vorschläge zeigen, wie tief das Vertrauensverhältnis durch die Kirchenkrise zerrüttet ist

Bischöfe bei der Vollversammlung in Baltimore
Foto: CNS photo/Bob Roller
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Die USA sind nicht nur ein Brennpunkt der weltweiten Kirchenkrise. Die Vollversammlung der Bischöfe in Baltimore, die am heutigen Mittwoch zu Ende geht, hat möglicherweise Konsequenzen weit über die USA hinaus.

Sie luden die Opfer ein und hörten sie an; sie hörten den Zorn der Laien vor der Tür und drinnen, im Plenum. Sie hörten Forderungen katholischer Frauen und einen Brief von Erzbischof Carlo Maria Vigano. Sie beten gemeinsam und diskutierten leidenschaftlich miteinander über Kirchenrecht und Vetternwirtschaft, über die Differenzierung von Homosexualität und Missbrauch – sowie darüber, dass der Vatikan ihnen kurzerhand verboten hat, über Maßnahmen auch nur abzustimmen.

Die Vollversammlung der US-Bischofskonferenz, die vom Montag bis zum heutigen Mittwoch in Baltimore stattfindet, spiegelt – wohl mehr als jedes andere Bischofstreffen – den vollen Umfang der Kirchenkrise wider.

Was katholische Frauen fordern

Anders als in den anderen Brennpunkten – in Deutschland etwa, in Chile oder HondurasIrland oder Australien – ringen die US-amerikanischen Bischöfe mit zwei Dingen.

Da ist erstens der Schlüsselfall der Krise: Der des ehemaligen Kardinals Theodore McCarrick. Und zweitens ist da die Tatsache, dass auch Rom davon direkt betroffen ist. 

Doch der katastrophale Umgang vieler Kardinäle und Bischöfe mit dem sexuellen Fehlverhalten ihrer Amtsbrüder, ihrer Priester und Seminaristen ist ein weltweites Problem – wie auch der Verlust an Vertrauen und Glaubwürdigkeit der Kirche. 

Das war die klare Botschaft am Nachmittag des ersten vollen Tages der Herbstversammlung der US-Bischöfe. Zwei Rednerinnen forderten die Bischöfe auf, nicht nur den Opfern aufmerksam zuzuhören, sondern auch eine klare Ansage zu machen, wie es jetzt weitergehen soll.

Christina Lamas, Exekutivdirektorin der National Federation for Catholic Youth Ministry, sagte den Bischöfen, viele junge Menschen, seien "zweimal von der Kirche verletzt" worden: Zuerst, als sie von einem Kleriker missbraucht wurden, und dann wieder, als sie von der Kirchenleitung nach dem Missbrauch ignoriert wurden.

Sie rief die Bischöfe ebenfalls dazu auf, die Ursachen des sexuellen Missbrauchs zu untersuchen und zu beseitigen – einschließlich des "Klerikalismus und seiner Wurzeln".

Nach einer Zeit des Gebets und der Reflexion sprach Schwester Teresa Maya, ehemalige Präsidentin der Leitungskonferenz der Ordensfrauen.

Die Ordensfrau drückte ihre Enttäuschung über die Skandale aus.

"Ich habe Eure mutige Einladung (zu dieser Versammlung) wegen meiner tiefen Liebe zur Kirche angenommen", sagte sie, und fügte gleichzeitig hinzu, sie habe dennoch gehofft, dass ein Schneesturm die ganze Veranstaltung verhindert.

Obwohl sie die Kirche liebe, fuhr die Ordensfrau fort, falle es ihr in letzter Zeit sehr schwer, die Worte des Glaubensbekenntnisses zu rezitieren: "Eine, heilige, katholische und apostolische Kirche". Sie sei versucht, diesen Teil des Glaubensbekenntnisses nicht mehr zu sagen, "bis etwas Konkretes passiert ist".

Kürzlich sei sie von einem Freund gefragt worden, warum Katholiken nach all den Skandalen nicht austreten sollten, und nach einem langen Schweigen habe sie geantwortet: "Wir bleiben wegen Jesus Christus."

Die Bischöfe müssen sich den Skandalen gemeinsam mit einem zuhörenden und kontemplativen Herzen stellen und bereit sein, alles auszurotten, was der Nachfolge Christi entgegensteht, forderte sie.

"Ihr solltet nicht darauf erwarten, dass der Vatikan das für Euch löst", sagte sie. "Der Vatikan hat nicht das Wissen, die Ressourcen und die Gaben, die ihr habt. Ihr könnt Vorbilder für den Rest der Welt sein. Ich fordere Euch auf, diese Gelegenheit zu nutzen."

Noch deutlicher wurden sowohl die Berater vom National Review Board (NRB) wie auch die Bischöfe selber in ihren Wortmeldungen. 

Standpauke für die Vertuscher

Das NRB berät die US.Bischofskonferenz seit 16 Jahren in Fragen des Kinder- und Jugendschutzes.

Dr. Francesco Cesareo, Vorsitzender des Gremiums, sagte den Anwesenden am gestrigen Dienstag, dass die Bemühungen der Bischöfe zur Bekämpfung der Krise zwar anerkennenswert seien. Es sei aber noch viel Arbeit zu leisten.

Den Vertuschern im Episkopat erteilte er eine deutliche Standpauke.

Obwohl es "bedauerlich" sei, dass der Vatikan die geplante Abstimmung über Maßnahmen zur Reform des Sexualmissbrauchs abgesagt hatte (CNA Deutsch berichtete), sagte Cesareo, dass das NRB an seinen Empfehlungen festhalte.

"Ihre Reaktion auf diese Krise war unvollständig", sagte Cesareo den Bischöfen unverblümt und wies darauf hin, dass Medien und staatliche Behörden die Lücken der Kirche geschlossen haben. Es sei "beschämend", dass der Missbrauch vor der Öffentlichkeit vertuscht wurde, bis er von weltlichen Quellen aufgedeckt wurde.

Schlimmer noch, fügte er hinzu, war, wie viele unschuldige Menschen durch die "Untätigkeit und Stille" einiger bei diesem Treffen selber Anwesender gelitten haben. Die Bischöfe "müssen das Opfer an die erste Stelle setzen", betonte er.

"Wie viele verlorene Seelen hat diese Krise gekostet?"

Wie der Apostolische Nuntius Christophe Pierre, der am Montagsprach, nahm Cesareo weiter kein Blatt vor den Mund, als er beschrieb, wie die Bischöfe das Vertrauen der Gläubigen verraten haben und nun daran arbeiten müssten, dieses Vertrauen zurückzugewinnen.

Viele Katholiken sind "wütend und frustriert" und werden sich nicht mit Gebeten zufrieden geben, erklärte er den Zuhörern.

Es gehe um echte Taten, einen kulturellen Wandel. 

Solange die Bischöfe die Wahrheit über das Geschehene nicht anerkennen, werden sie keine Versöhnung erleben können, sagte Cesareo.

Derzeit gebe es "keinen Mechanismus", mit dem die Bischofskonferenz etwa in der Frage schuldiger Bischöfe verfahre. Sowohl die rechtlichen Grundlagen – etwa die "Dallas Charter" – als auch die Verfahren bedürften einer Überarbeitung.

Angesichts dieser und anderer Beiträge kam es zu einer robusten Debatte und einer Reihe weiterer konkreter Vorschläge seitens der Bischöfe.

Zustimmung fand dabei etwa ein Vorschlag des Erzbischofs von Boston: Vor dem Hintergrund der Tatsache, dass bis heute einige Bischöfe immer wieder versucht haben, das homosexuelle Fehlverhalten mit Seminaristen und anderen Volljährigen herunterzuspielen, betonte Kardinal Seán O'Malley – der auch Vorsitzender der Päpstlichen Kommission für den Schutz von Minderjährigen ist – dass die Definition des Begriffs "gefährdete Erwachsene" auch für Seminaristen gelten sollte.

Wirklich mutige Hirten zu sein: Dazu hat auch Erzbischof Carlo Maria Vigano die Bischöfe aufgefordert. Der ehemalige Apostolische Nuntius in den USA, der schwere Vorwürfe gegen Papst Franziskus erhoben hat und eine volle Offenlegung der Akten fordert, wandte sich am gestrigen Dienstag in einer Botschaft an die Teilnehmer der Vollversammlung.

Worte von Erzbischof Viganò 

"Ich schreibe, um Euch an das heilige Mandat zu erinnern, das Ihr am Tag Euer Bischofsweihe erhalten habt: die Herde zu Christus zu führen", so Vigano an die US-Bischöfe.

Der Erzbischof fordert sie auf, darüber nachzudenken, was die Bibel schon im Buch der Sprüche lehrt: "Anfang der Weisheit ist die Gottesfurcht, / die Kenntnis des Heiligen ist Einsicht." (Spr 9,10)

"Verhaltet Euch nicht wie verängstigte Schafe, sondern als mutige Hirten. Fürchtet Euch nicht davor, aufzustehen und das Richtige für die Opfer, für die Gläubigen und für Eure eigene Erlösung zu tun".

Der Herr werde "einen jeden von uns entsprechend unserer Handlungen und Unterlassungen" behandeln. Erzbischof Viganò schließt mit den Worten: "Ich faste und bete für Euch". 

Demonstration gegen Schweigen

Wie tief das Vertrauensverhältnis indessen zerrüttet ist, war bei der Vollversammlung in Baltimore auch vor dem Tagungsgebäude zu sehen: Bei einer Demonstration sprach der Mann, der an die Öffentlichkeit ging mit seinem Vorwurf, dass ihn Theodore McCarrick 18 Jahre lang sexuell missbraucht hat.

James Grein trat am gestrigen Dienstag zum ersten Mal in der Öffentlichkeit auf, und enthüllte dabei seinen vollen Namen. Zuvor hatte die "New York Times" ihn nur als "James" identifiziert.

Grein sprach bei der Kundgebung "Silence Stops Now", die von mehreren Gruppen organisiert wurde. Er hielt eine kurze Rede über seine Erfahrungen. Die Teilnehmer spendeten ihm einen langen Applaus.

Er selber habe erst den Mut gefunden, an die Öffentlichkeit zu gehen, nachdem andere Opfer McCarricks dies getan hatten, so Grein.

"Dieser Artikel wäre nie geschrieben worden, wenn es nicht ein 16-jähriger Ministrant gewesen wäre, der McCarrick beschuldigte, ihn missbraucht zu haben", sagte er. Nachdem diesem Opfer geglaubt wurde, habe auch er gespürt, dass seine Zeit gekommen sei.

"Ich tue das heute, damit andere wie ich die Kraft haben, vorzutreten. Denkt darüber nach, was ihr tun könnt, um anderen zu helfen. Diese Bewegung muss weiter an Kraft gewinnen", sagte er.

"Unsere Bischöfe müssen wissen, dass das Spiel vorbei ist."

Grein sagte, er glaube, dass McCarricks Strafe für ein Leben des Gebets und der Buße ein "notwendiger Schritt" auf dem langen Weg zur "Reform und Rückforderung der Kirche" sei. McCarrick lebt derzeit in einem Kloster in Kansas, während ein kirchenrechtliches Verfahren vorbereitet wird.

Trotz seines Missbrauchs sagte Grein, dass er weiterhin an Christus glaubt, regelmäßig betet und fastet. "Das Gesetz Jesu ist viel wichtiger als päpstliche Geheimnisse", sagte er der Menge.

"Es ist nicht die Kirche von Franziskus. Es ist die Kirche Jesu Christi."

JD FlynnEd Condon und Christine Rousselle trugen zur Berichterstattung bei.

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