Analyse: Aus der Kirchenkrise führt kein Sonderweg. Auch nicht für die deutschen Bischöfe

Bischöfe in bei einer Messe im Petersdom
Foto: CNA/Daniel Ibanez
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Sie wollen sich "dem Ernst der Stunde stellen": In einer gemeinsamen Erklärung haben sich die deutschen Bischöfe zur Umsetzung von sieben Maßnahmen verpflichtet. Darin geht es darum, "mehr als bisher die Begegnung mit Betroffenen zu suchen", Fachleute und Anlaufstellen zu Rate zu ziehen, Personalakten zu standardisieren, Monitoring einzuführen – und zuletzt wird der Wunsch geäußert zu "klären, wer über die Täter hinaus institutionell Verantwortung getragen hat".

Diese sieben Maßnahmen sind nicht die einzigen, aber eine erste Konsequenz aus den Ergebnissen und Empfehlungen der Studie "Sexueller Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz".

Die am 27. September dazu veröffentlichte Erklärung ist Ergebnis der Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz, die seit Montag, 24. September, in Fulda getagt hatte.

Die Reaktion darauf war alles andere als positiv: Kurz nach ihrer Bekanntgabe am gestrigen Donnerstag stieß die Erklärung samt ihrer "sieben Maßnahmen" auf scharfe Kritik.

Das sei kein konkreter Fahrplan für die Umsetzung von Schritten wie er sie erwartet hätte, so der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig.

Die Journalistin Christiane Florin kommentierte im "Deutschlandfunk", keiner der Bischöfe sei wirklich bereit, Verantwortung zu übernehmen. "Auf meine Frage, ob unter den mehr als 60 anwesenden Bischöfen einer oder zwei sagen: Ich habe so viel persönliche Schuld auf mich geladen, ich kann mein Amt nicht mehr wahrnehmen, gab es eine sehr kurze Antwort des ansonsten beredten Vorsitzenden. Er sagte 'Nein'".

Der Opferverband "Eckiger Tisch" wurde deutlicher: "Diese dürftigen Ankündigungen lassen uns fassungslos zurück", so Sprecher Matthias Katsch.

In einer Pressemitteilung warnt Katsch: Die "jetzt vorgelegte sozialwissenschaftliche Studie darf nicht mit Aufarbeitung verwechselt werden".

Gegen die Studie - auf der ja die Erklärung der Bischöfe beruht und das weitere Vorgehen fußen soll - waren bereits vor der offiziellen Vorstellung massive Bedenken angemeldet worden. Im "Spiegel" kritisierte Redakteurin Annette Langer, dass "sich die Forscher vom katholischen Machtapparat benutzen lassen. Indem sie der Kirche die Datenhoheit überließen, haben sie einen unschönen Pakt mit ihrem kontrollhungrigen Auftraggeber geschlossen".

Im Bonner "General-Anzeiger" erklärten Winfried Ponsens und Sylvia Witte vom Verein "Missbrauchsopfer Collegium Josephinum Bonn und Redemptoristen": "Die Studie greift zu kurz, weil darin die meisten Opfer gar nicht erfasst sind".

Fundiert im Detail und geradezu vernichtend im Urteil äußerte sich der Psychiater und Psychotherapeut Manfred Lütz. Er bezeichnet in einer elfseitigen Stellungnahme das Forschungsprojekt als missglückt. Lütz meldet nicht nur mehrere wissenschaftliche Vorbehalte an, sondern kritisiert auch die "absurde Geheimhaltungsstrategie" des Forschungsprojekts.

Sein vielleicht schärfster Kritikpunkt ist jedoch ein anderer.

"Offensichtlich ist man der Versuchung erlegen, eine Studie mit schwacher Datenbasis dadurch öffentlich zu platzieren, dass man – ohne Datenbasis – die üblichen kirchenkritischen Themen raunend oder dezidiert anspricht, was sofort für öffentliche Aufmerksamkeit sorgt", so Lütz.

In der Zusammenfassung der Studie seien wohl "so gut wie alle wissenschaftlich unbelegten, aber populären Forderungen eingegangen. Es bleibt dabei unklar, wer die Verantwortung für diese Zusammenfassung übernimmt. Man kann sich eigentlich nicht vorstellen, dass irgendein Wissenschaftler so etwas schreibt", urteilt der bekannte Psychiater und Autor.

Was aus katholischer – also weltweiter – Sicht den deutschen Bischöfe klar werden muss: Sie befinden sich nun in einer ähnlichen Situation wie ihre Amtsbrüder in den USA, Chile, Argentinien oder Australien. Was zwei Dinge bedeutet, neben dem eigenen Umgang mit der Krise.

Einmal, dass auf weltlicher Seite der Ruf nach staatlicher Ermittlung nicht verstummen wird. Opfer-Sprecher Katsch etwa fordert eine unabhängige, staatliche Untersuchungs- und Aufarbeitungskommission in Deutschland. Ähnlich äußert sich der Missbrauchsbeauftragte Rörig.

Möglich wäre hier – neben staatsanwältlichen Ermittlungen, wie sie nun in den USA laufen – eine deutsche Spielart der australischen Royal Commission: Sie untersuchte Missbrauch nicht nur in kirchlichen, sondern allen gesellschaftlichen Institutionen des Landes, wie CNA Deutsch berichtete.

Die zweite Konsequenz ist kirchlich, genauer, weltkirchlich, wie auch die Kirchenkrise eine weltkirchliche ist. Hier wird Papst Franziskus entscheiden, was zu tun ist: In Chile hat er einen Gesandten ermitteln lassen, im Fall der USA und Argentinien – Ländern, in denen er selber schweren Vorwürfen ausgesetzt ist – zögert er noch mit einer eigenen Untersuchung durch seinen Gesandten. Die US-Bischöfe haben darum explizit gebeten. Sie wissen: Aus der Kirchenkrise führt kein Sonderweg zur Rechenschaft. Was zunehmend klar werden muss: Auch nicht für die deutschen Bischöfe.

Freilich bleiben personelle Konsequenzen in der Regel nicht aus, wenn Rechenschaft abgelegt werden soll. In Australien etwa hat Franziskus den Rücktritt von Erzbischof Wilson angenommen, dem wohl ersten Bischof, der wegen Vertuschung zu einer Haftstrafe verurteilt worden ist. Dass Wilson nicht der letzte sein wird: Das dürfte allen Beobachtern klar sein.

UPDATE 17:44 Uhr am 28. September: Wenige Stunden nach Veröffentlichung kam die Meldung, dass Papst Franziskus nun den Priester Fernando Karadima laisiert hat.

2. UPDATE 18:03 Uhr am 28. September: Wie die Erzdiözese Washington mitteilt, lebt der des Missbrauchs und sexueller Nötigung junger Männer beschuldigte Erzbischof Theodore McCarrick nun ein "Leben in Gebet und Buße" in einem Kapuzinerkloster in Kansas. McCarrick ist weiterhin Erzbischof und Priester, wurde bislang nicht laisiert.

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