Analyse: Was steckt hinter den Gerüchten, dass Papst Franziskus zurücktreten möchte?

Papst Franziskus begrüßt Pilger auf dem Petersplatz be der Generalaudienz am 28. Mai 2014.
Foto: CNA / Daniel Ibanez

Trotz anhaltender Gerüchte gibt es keinerlei Bestätigung dafür, dass Papst Franziskus ein Dokument verfasst, das die Rolle und die Aufgaben eines emeritierten Papstes definiert. Es gibt auch keine Anzeichen dafür, dass Papst Franziskus das Petrusamt bald aufgeben könnte, wie es Benedikt XVI. vor ihm getan hat.

Dennoch halten einige Quellen im Vatikan diese Szenarien weiterhin für möglich, zumal sie miteinander verwoben zu sein scheinen: Die Gerüchte über den Rücktritt von Papst Franziskus sind aus den Gerüchten über ein mögliches Dokument über den Status des emeritierten Papstes entstanden, das auch eine Diskussion über ein mögliches Konklave auslöst.

An diesem Thema arbeiten sich auch deutschsprachige Medien und "Experten" in einer Sommerpause gerne ab, um eigene Vorstellungen und Ansprüche zu verbreiten. 

Wenn ein Dokument über die Rolle und die Funktionen des emeritierten Papstes in Arbeit jedoch in Arbeit sein sollte, dann wäre dies ein streng gehütetes Geheimnis.

Aus einer zuverlässigen vatikanischen Quelle ist zu erfahren, dass ein solches Vorhaben nicht ausgeschlossen werden kann, da der Papst das Dokument möglicherweise persönlich verfasst und es erst nach Fertigstellung den zuständigen Stellen zur Veröffentlichung vorlegen wird.

Der Druck, den Status eines emeritierten Papstes "besser" zu definieren, wird schon länger ausgeübt. Der italienische Theologe Andrea Grillo provozierte sogar mit der Forderung eines "institutionellen Todes" für einen emeritierten Papst.

Die Forderung, die Rolle eines emeritierten Papstes "besser" zu regeln, entspringt tatsächlich einschlägigen Kreisen, die sich als Anhänger von Papst Franziskus sehen – oder zumindest von Franziskus hoffen, dass er ihre Vorstellungen von Änderungen in der Kirche umzusetzen versucht. 

Dazu gehört auch ein Kreis von Personen, die sich "besorgt" zeigen, dass die öffentlichen Äußerungen von Benedikt XVI. etwa Verwirrung über die Autorität von Franziskus auslösen könnten.

Diese Gruppe reagierte besonders kritisch darauf, dass  Erzbischof Georg Gaenswein, der Privatsekretär von Benedikt XVI., die derzeitige Situation als "außergewöhnlich" bezeichnete, und von einem "aktiven Pontifikat" und einem "kontemplativen" sprach.

Benedikt XVI. beschloss, seine Rolle nach seinem Rücktritt nicht kirchenrechtlich zu regeln. Er beschloss jedoch, weiterhin die weiße Soutane zu tragen und den Titel "emeritierter Papst" zu führen. Dies weicht von der Vorstellung ab, dass ein Papst nach seinem Verzicht auf das Pontifikat wieder zu einem Kardinal werden würde. Papst Pius XII., der ein Rücktrittsschreiben für den Fall hinterließ, dass die Nazis den Plan, ihn zu entführen, in die Tat umsetzen würden, dachte dies. "Wenn sie kommen, werden sie Kardinal Pacelli mitnehmen und nicht Papst Pius XII", soll er gesagt haben.

Dem italienischen Theologen Giovanni Cavalcoli zufolge trug Benedikt XVI. weiterhin Weiß, weil er das Papstamt als zweite Bischofsweihe betrachtete. Emeritierte Bischöfe behalten schließlich ihre Wahrzeichen und Titel. Das Gleiche gilt nach dieser Auslegung für den emeritierten Papst.

Auf diese Weise hat Benedikt XVI. auch darauf geachtet, das Konklave, das einen Nachfolger hätte wählen sollen, nicht zu beeinflussen. Ein Kardinal, wenn auch ein ehemaliger Papst, könnte an den Vorkonklave-Sitzungen der Kardinäle teilnehmen und somit die Wahl eines Nachfolgers beeinflussen. Benedikt XVI. hat das nie getan.

Was Papst Franziskus tun wird, bleibt ein Geheimnis. Bislang hat auch er, wie Benedikt, die Rolle des emeritierten Papstes nie juristisch definieren wollen. Er hat jedoch ein meist freundliches Verhältnis zu Benedikt XVI. gepflegt und immer zugestimmt, wenn der emeritierte Papst um die Möglichkeit bat, sich zu äußern. In einem seiner ersten Interviews mit ihm im Jahr 2014 sagte er, dass "der emeritierte Papst am Leben der Kirche teilnimmt."

Warum kommt dann jetzt die Idee auf, die Figur des emeritierten Papstes zu institutionalisieren?

Dafür scheint es verschiedene Gründe zu geben. Der erste betrifft den Gesundheitszustand von Papst Franziskus. Nach seiner Operation am 4. Juli wirkte der Papst bei den Generalaudienzen und dem Angelus im August recht aktiv. Außerdem bereitet er sich auf eine ziemlich anstrengende Reise nach Budapest und in die Slowakei vor. Dennoch haben Gerüchte über eine mögliche "degenerative" und "chronische" Krankheit des Papstes (in den Worten der gewöhnlich gut informierten Website "Il Sismografo") die Diskussionen beschleunigt.

Dennoch gibt es keine Anhaltspunkte für Spekulationen, dass selbsternannte "Reformer" eine Art "Torschlusspanik" hätten. Auch wenn es Interessensgruppen in der Kirche gibt, die mit dem Pontifikat von Franziskus große Hoffnungen verknüpft hatten.

Der Vorstoß für eine Reform der Konklave-Regeln ging von unterschiedlichen Ecken aus. Zunächst plädierten etwa die Italiener Alberto Melloni und dann Massimo Faggioli für ein Konklave mit einer längeren "Isolierung" der Kardinäle, und zwar bereits bei den Vorkonklave-Sitzungen, die eine Woche lang halböffentlich stattfinden, bevor die geheime Sitzung in der Sixtinischen Kapelle beginnt. Beide sprachen sich auch für eine gewisse Zeit zwischen der Verkündung des Gewählten und seiner Annahme aus, damit der gewählte Papst auf "Leichen im Keller" untersucht werden kann, die seinem Pontifikat schaden könnten.

Das liegt vor allem an der Tatsache, dass mehrere Kardinäle beschuldigt worden sind, im Umgang mit Missbrauchstätern und anderen Personen nicht immer redlich gehandelt zu haben. Das Risiko will man in Zukunft vermeiden.

Außerdem gibt es eine laufende juristische Diskussion. Die italienische Professorin für Kirchenrecht an der Universität von Bologna, Geraldina Boni, hat eine Studie zu diesem Thema verfasst.

Boni legt in ihrer Studie, die in vatikanischen Kreisen angeregt diskutiert wurde, "die Gründe für die Notwendigkeit und Dringlichkeit eines Eingreifens des obersten Gesetzgebers der Kirche (des Papstes) dar, um zwei rechtliche Lücken zu schließen: "die Regelungen des Apostolischen Stuhls für den Fall, dass der Papst sein Amt aufgrund eines 'unüberwindbaren Hindernisses' vorübergehend oder dauerhaft nicht ausüben kann, und die Regelungen für den Fall, dass der Papst sein Amt nicht ausüben kann". 

Kurz gesagt: Was tun, wenn ein Papst eine Krankheit hat, die seinen Verstand und seinen Willen beeinträchtigt? Und was ist der Status des emeritierten Papstes?

Die zunehmende Diskussion über Bonis Aufsatz führte zu Gerüchten über den Rücktritt von Papst Franziskus. Die Logik ist folgende: Wenn wir angefangen haben, über den Status des emeritierten Papstes zu diskutieren, dann bedeutet das, dass der Papst zurücktreten will.

Tatsache ist, dass es nie Anzeichen dafür gegeben hat, dass Papst Franziskus aufgeben will. Franziskus sagte Nelson Castro in einem Interview in dem Buch "La Salud de los Papas" ("Die Gesundheit der Päpste"), dass er sich selbst "als Papst oder im Amt oder emeritiert" sterben sieht.

Laut einem argentinischen Priester, der Papst Franziskus seit seiner Zeit in Buenos Aires kennt, "gibt es nur einen Grund, warum Papst Franziskus zurücktreten würde: damit er den Prozess zur Wahl seines Nachfolgers beeinflussen kann."

Das ist eine etwas harte Lesart der Persönlichkeit von Papst Franziskus. Wenn jedoch die angeblich neuen Regeln festlegen, dass der emeritierte Papst in die Reihen der Kardinäle tritt, könnte seine Anwesenheit in den Generalversammlungen vor dem Konklave sicherlich die Wahl seiner Mitkardinäle beeinflussen.

Wie viel von all dem ist letztlich Klatsch und Tratsch und wie viel ist wahr? Zunächst einmal ist es wahr, dass die Gesundheit des Papstes einen schweren Schlag erlitten hat und dass Papst Franziskus selbst begonnen hat, einige Entscheidungen zu beschleunigen, falls etwas passiert.

Vatikanische Quellen sagten gegenüber CNA, dass sie nun einen sehr schnellen Abschluss des scheinbar nicht enden wollenden Prozesses der Kurienreform erwarten, der zwischen Ende September und Anfang Oktober stattfinden könnte; ein neues Konsistorium für die Ernennung von 5 oder 6 neuen Kardinälen Anfang Oktober; und dann eine "Reihe von Entscheidungen per Dekret in harschem Tonfall", die ähnlich polarisieren könnten wie das heftig umstrittene Papstschreiben Traditionis Custodes

Laut einer Quelle "erwartet niemand, dass der Papst in nächster Zeit stirbt oder zurücktritt. Aber jeder bereitet sich darauf vor, nicht überrascht zu werden, wenn es passiert". 

Andrea Gagliarducci ist ein Vatikanist für CNA und die Schwesteragenturen der ACI Gruppe in Rom. Übersetzt und redigiert aus dem Original der CNA Deutsch-Schwesteragentur. 

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