Analyse: Was steckt hinter der kommissarischen Verwaltung für Caritas Internationalis?

Papst Franziskus, 20. November 2022
Foto: Daniel Ibáñez / CNA Deutsch

Warum hat Papst Franziskus am Dienstag die gesamte Leitung der weltweiten kirchlichen Wohltätigkeitsorganisation Caritas Internationalis entlassen? Welche Rolle wird Pier Francesco Pinelli als kommissarischer Verwalter von Caritas Internationalis spielen, der per päpstlichem Dekret am 22. November ernannt wurde?

Der 15. Oktober 2022 ist ein Schlüsseldatum, um diesen Schritt zu verstehen und um zu verstehen, wie er sich in die umfassenderen Reformen des Papstes einfügt.

An diesem Tag empfing Papst Franziskus in Audienz im Vatikan den Priester Giacomo Canobbio und Vertreter von Bain Capital. Bei der Investmentfirma war Pinelli früher tätig. Und Canobbio ist der Priester, der von Papst Franziskus ohne Ankündigung zum Kommissar der Päpstlichen Lateranuniversität ernannt wurde.

Beide Ernennungen sind typisch für den Pontifex und seinen bevorzugten Verfahrensweg: Papst Franziskus beauftragt eine Überprüfung oder ernennt einen Kommissar, wenn er etwas reformieren will.

Das Pontifikat der Kommissare

Es gab keine offensichtlichen Gründe für die Ernennung eines Kommissars bei Caritas Internationalis – genauso wenig, wie es offensichtliche Gründe für die Ernennung eines Kommissars an der Päpstlichen Lateranuniversität gab.

Allerdings hat Papst Franziskus schon früher eine Reihe von Untersuchungen angeordnet.

Bischof Claudio Maniago wurde zum Prüfer der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung ernannt, woraufhin der Papst Erzbischof Arthur Roche zum Präfekten des Dikasteriums ernannte. Als nächstes prüfte Bischof Egidio Miragoli die Kongregation für den Klerus. Die Prüfung war noch nicht beendet, als der Papst den koreanischen Bischof Lazzaro You Heung-sik – inzwischen Kardinal – zum Präfekten des Dikasteriums ernannte.

Zu Beginn seines Pontifikats ernannte Papst Franziskus mehrere Kommissionen.

Eine davon war die Referenzkommission für die administrativ-wirtschaftlichen Strukturen des Heiligen Stuhls, bekannt unter dem italienischen Akronym COSEA. Eine andere war CRIOR, die Kommission zur Untersuchung der Reform des Instituts für die Werke der Religion, allgemein bekannt als Vatikanbank.

Ihre Arbeit führte zu einer umfassenden Überarbeitung der Finanzabteilungen des Vatikans und zu den neuen Statuten des Instituts für die religiösen Werke, die im Jahr 2019 verkündet wurden.

Die Ernennung eines Kommissars für Caritas Internationalis hat jedoch noch einen weiteren klaren Präzedenzfall: die Überprüfung des Dikasteriums für die Förderung der ganzheitlichen Entwicklung des Menschen.

Die Inspektion fand im Juli 2021 statt und wurde von Kardinal Blase Cupich, dem Erzbischof von Chicago, geleitet. Zum Team gehörten auch Schwester Helen Alford, Vizerektorin der Päpstlichen Universität Angelicum, ordentliches Mitglied der Päpstlichen Akademie der Sozialwissenschaften, und Pinelli, der neue Administrator von Caritas Internationalis.

Das Profil von Pinelli

Als ausgebildeter Ingenieur und erfahrener Manager hat Pinelli für verschiedene Institutionen sowie als Berater für Management- und Investmentfirmen gearbeitet.

Nach nicht offiziell bestätigten Gerüchten aus dem Vatikan, die Catholic News Agency (CNA), der englischsprachigen Partneragentur von CNA Deutsch, aus mehreren Quellen zugetragen wurden, war Pinelli auch an der Umstrukturierung des heutigen Dikasteriums für ganzheitliche Entwicklung des Menschen beteiligt.

In einer Pressemitteilung des Dikasteriums heißt es, Pinelli sei ein Ingenieur "mit einer eher humanistischen als technischen Vorgehensweise" und "in der ignatianischen Spiritualität ausgebildet", ein Mann, der "von klein auf als Freiwilliger in der Arbeit mit Drogenabhängigen, in der Entwicklungszusammenarbeit, in der Unterstützung von Missionswerken und in der Katechese aktiv war". In der Erklärung wird auch erwähnt, dass er verheiratet ist und drei Kinder sowie drei Enkelkinder hat.

In der Mitteilung wird betont, dass Pinelli "in 33 Berufsjahren" Führungserfahrung in verschiedenen Sektoren gesammelt hat, unter anderem in einem großen Energieunternehmen.

Pinelli habe sowohl als Projektmanager für Energieunternehmen als auch als Unternehmensberater für Bain gearbeitet und verfüge über Erfahrung in der Arbeit mit religiösen und weltlichen Werken und Institutionen, heißt es in der Mitteilung.

Offensichtlich könnten seine Ausbildung und seine Positionen in einigen jesuitischen Einrichtungen eine Rolle gespielt haben. Es scheint wahrscheinlich, dass Kardinal Michael Czerny SJ, der derzeitige Präfekt des Dikasteriums, ein Wörtchen mitzureden hatte, um ihn und andere einzubeziehen.

Es ist jedoch immer noch schwer abzuschätzen, welche Themen auf dem Spiel stehen. Klar scheint zu sein, dass der Papst die Organisation Caritas Internationalis, einschließlich ihrer Statuten und Satzungen, reformieren will.

Der 1951 gegründete katholische Verband besteht aus 162 karitativen Organisationen, die in 200 Ländern der Welt vertreten sind. Sein Hauptsitz befindet sich auf vatikanischem Territorium in Rom, und der Vatikan beaufsichtigt seine Aktivitäten.

Laut Czernys Dikasterium gab es "keine Beweise für finanzielles Missmanagement oder sexuelles Fehlverhalten"; allerdings wurden "Mängel im Management und in den Verfahren festgestellt, die den Teamgeist und die Moral der Mitarbeiter ernsthaft beeinträchtigen".

Pinellis Aufgabe

Die Reform der Satzung wird die erste Aufgabe des neuen Kommissars sein.

Pinelli wird von Maria Amparo Alonso Escobar, der Leiterin der Interessenvertretung von Caritas Internationalis, und von Jesuitenpater Manuel Morujão unterstützt, der laut dem Dekret von Papst Franziskus die persönliche und geistliche Begleitung der Caritas-Mitarbeiter übernehmen wird.

Im Mai 2023 wird voraussichtlich die nächste Generalversammlung von Caritas Internationalis in Rom stattfinden, bei der der neue Präsident, der Generalsekretär und der Schatzmeister ernannt werden. Bis dahin wird der Reformprozess wahrscheinlich abgeschlossen sein.

Caritas Internationalis wird sich einer Überprüfung unterziehen, "um ihre Verwaltungsnormen und -verfahren zu verbessern – auch wenn die finanziellen Angelegenheiten gut gehandhabt und die Spendenziele regelmäßig erreicht wurden – und so ihren Mitgliedsorganisationen in aller Welt besser zu dienen".

Eine Reform der Statuten fand jedoch bereits 2019 statt und wurde vom Papst mit einem Reskript vom 13. Januar 2020 genehmigt.

Bei der Änderung der Statuten von Caritas Internationalis ging es lediglich darum, die Kompetenzen vom Päpstlichen Rat Cor Unum, der nicht mehr existiert, an das Dikasterium für die Förderung der ganzheitlichen Entwicklung des Menschen zu übertragen, das dessen Funktionen übernommen hat.

Was die Geschäftsordnung anbelangt, so wurden diese Änderungen nicht öffentlich mitgeteilt. Im Allgemeinen wurden jedoch einige der von der Caritas-Generalversammlung angenommenen Anträge akzeptiert, die die Förderung der Präsenz von Frauen in den höchsten Vertretungsgremien und die Aufnahme von zwei jungen Menschen in dieselben Vertretungsgremien vorsahen.

Insbesondere war vom Repräsentativrat des Verbandes die Rede, der mit RE.CO. abgekürzt wird. Diese Hinweise wurden nun umgesetzt und werden in Kraft treten.

Die Struktur von Caritas Internationalis wurde somit "bereinigt" und an die Reform der Kurie angepasst.

Die Statuten von Caritas Internationalis wurden jedoch in ihrer Struktur bestätigt, da Papst Benedikt XVI. sie 2012 reformiert hatte. Diese Statuten stärkten die Zusammenarbeit zwischen Caritas Internationalis und dem Heiligen Stuhl und legten die Kompetenzen des vatikanischen Staatssekretariats klar fest.

Und nicht nur das: Die neue Struktur von Caritas Internationalis ermöglichte eine stärkere Koordinierung der Abteilungen und Gremien, die mit dem Heiligen Stuhl verbunden sind, was auch lehrmäßige Aspekte betraf.

Die Beweggründe für die Reform von Benedikt XVI.

Es ist bemerkenswert, dass die Reform von 2012 Teil eines umfassenderen Projekts von Benedikt XVI. war, um die Bestimmungen von Pastor Bonus vollständig zu erfüllen.

Pastor Bonus war die apostolische Konstitution, die die Funktionen und Aufgaben der Kurienämter regelte, und Praedicate Evangelium ersetzt diese nun.

Die Reform erfolgte jedoch nach einer Führungskrise. Im Jahr 2011 hatte das Staatssekretariat die Wiederernennung der ehemaligen Generalsekretärin Lesley-Anne Knight nicht gebilligt. (Ihre Arbeit wurde jedoch vom damaligen Präsidenten von Caritas Internationalis, Kardinal Oscar Andrés Rodriguez Maradiaga, gelobt.) Infolgedessen wurde sie durch Michel Roy ersetzt, einen Franzosen, der bei Secours Catholique – der Caritas in Frankreich – tätig war.

Die Nichtbestätigung von Knight war auch auf den neuen Ansatz zurückzuführen, der mit der nachfolgenden Reform von Caritas Internationalis eingeführt wurde.

Es war ein Ansatz, der sich aus der Formulierung der Enzyklika Caritas in Veritate von Benedikt XVI. ergab. In dieser Enzyklika betonte Benedikt XVI., dass die menschliche Entwicklung und die Auslandshilfe nicht von der Forderung nach Wahrheit getrennt werden können. Die Enzyklika wies auch auf die Tatsache hin, dass viele internationale Organisationen Abtreibung, Empfängnisverhütung, Sterilisation und Euthanasie förderten.

Dies war ein Ansatz, den Knight nicht uneingeschränkt teilte, wie sie damals gegenüber den Medien öffentlich erklärte.

Während einige den Weggang von Knight begrüßten, waren andere enttäuscht. Trotz eines starken Generationswechsels bei Caritas Internationalis in den letzten Jahren mögen diese gespaltenen Emotionen im Hintergrund geblieben sein und einige Beschwerden über "Management und Verfahren" genährt haben.

Wie wird die neue Reform aussehen?

Der Ton der Pressemitteilung des Dikasteriums deutet darauf hin, dass die Reform eher verwaltungstechnisch sein wird. Vor allem aber stellt sie eine wesentliche Änderung der Philosophie gegenüber der Reform von Benedikt XVI. dar.

Kurz gesagt, es könnte sich um einen weiteren Paradigmenwechsel von Papst Franziskus handeln, der in gewisser Weise mit seinen Einschränkungen der überlieferten lateinischen Messe vergleichbar ist.

Unter diesem Gesichtspunkt hat Papst Franziskus mehrere Personen benannt, die ihm helfen sollen, seine Veränderungen in der Struktur der Kirche zu vollenden.

Bei der Durchführung der Reform zögert der Papst nicht, jemanden wie Kardinal Luis Antonio Tagle, den derzeitigen Präsidenten der Caritas, zu degradieren, der sich nun beauftragt sieht, mit Pinelli und seinen Mitarbeitern für die bevorstehende Generalversammlung "Verbindung aufzunehmen".

Es wurde gemunkelt, dass Tagle zum nächsten Präfekten des Dikasteriums für die Bischöfe ernannt werden soll. Selbst wenn sich diese Gerüchte bestätigen sollten, ist Tagles öffentliches Ansehen durch die Caritas-Entscheidung in Mitleidenschaft gezogen worden. Dies wird auch bei einem künftigen Konklave ins Gewicht fallen.

Papst Franziskus hingegen ist dabei, seine Ziele zu verwirklichen. Wie er in einer seiner Predigten in den Tagen der COVID-19-Lockdowns im Jahr 2020 sagte – und auch bei einem Treffen mit der Candia-Stiftung im April –, bleibt er kritisch gegenüber humanitären Organisationen, die gute Arbeit leisten, aber 60 % ihres Budgets für Löhne ausgeben. Der Papst forderte sie auf, die Kosten auf ein Minimum zu beschränken, "damit das meiste Geld bei den Menschen ankommt".

Übersetzt und redigiert aus dem Original von Catholic News Agency, der englischsprachigen Partneragentur von CNA Deutsch.

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