Die Beichte kann warten

Sie gilt als unpopulär. Manche meinen, sie sei am Verdunsten. Aber kann ein Sakrament überhaupt seine Kraft verlieren?

Beichtstuhl
Foto: AS photo studio/Shutterstock
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Es ist still in Sankt Magdalena. Kurz vor halb sechs - etwas Tageslicht kommt noch durch die Fenster. Die beiden Seitenaltäre der barocken Pfarrkirche sind beleuchtet. Und der Beichtstuhl. Wie jeden Samstagabend sind die Gläubigen im mittelfränkischen Herzogenaurach eingeladen, das Sakrament der Versöhnung zu empfangen, die Beichte. Kaplan Tobias Fehn sitzt seit 20 Minuten in dem kleinen, holzverkleideten Raum und betet den Rosenkranz. Bisher ist niemand gekommen. "Hier ist es anders als in der Nürnberger Innenstadt, wo ich zur Urlaubsvertretung war. Dort hatte ich zwischen den Gesprächen kaum Luft", erzählt der junge Priester und schaut auf die Kerze, die vor ihm steht. "Ich glaube, dass sich die Beichte verändert hat…"

Noch vor einigen Jahrzehnten war es unter Katholiken üblich, einmal im Monat zu beichten. Nach einer Studie aus den Fünfzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts hielt das immerhin die Hälfte der sonntäglichen Gottesdienstteilnehmer noch für selbstverständlich. Die andere Hälfte bekannte ihre Sünden seltener, aber doch mindestens einmal im Jahr.

Gegenwärtig gibt es zur Beichtpraxis in Deutschland keine offiziellen Zahlen oder Untersuchungen. Die Bischofskonferenz verweist auf die Vertraulichkeit der Beichte, sie stehe unter einem gewissen Schutz, deshalb die Zurückhaltung bei der Erfassung von Zahlen.

Trotzdem kann man es unschwer übersehen: bundesweit, wenn nicht europaweit geht es vielen Priestern nicht anders als Kaplan Fehn. Regelmäßige Beichtgelegenheiten werden kaum in Anspruch genommen, bestenfalls nehmen einige vor den großen Festen den Bußgottesdienst als Gelegenheit zur Umkehr wahr. Sakramentale Absolution wird nicht mehr gesucht. Die Beichtstühle bleiben leer und werden als willkommene Abstellräume für die Soundanlage der Kirchenband genutzt, wenn man sie nicht - wie mancherorts - sogar ganz entfernt hat. Muffig seien sie geworden, kann man dort hören, oder unzeitgemäß.

"Man kann davon ausgehen, dass der überwiegende Teil der Gläubigen gar keine regelmäßige Beichtpraxis mehr hat", stellte der Schönstatt-Pater Frank Riedel bereits vor einigen Jahren in seiner Diplomarbeit fest. Auch Priester, Priesteramtskandidaten und Ordensleute würden da keine Ausnahme machen. In den letzten 50 Jahren zeichne sich ein massiver Wandel ab, eine Art Enttraditionalisierung. Auf Traditionen beruhende und sozial kontrollierte Verhaltensmuster seien nicht mehr wirksam: "Es lässt sich eine Wende von einer Gehorsamsmoral zur Verantwortungsethik feststellen", schreibt er, "was bisher von außen vorgegeben war, verlagert sich nun zunehmend in den Bereich der Subjektivität". Mit anderen Worten, nicht mehr die empfohlene regelmäßige Beichte wird zur Richtlinie, sondern vielmehr das Gewissen des Einzelnen. "Der Vollzug der Buße wurde so in den Raum personaler Entscheidung verlegt."

Mit Blick auf die heute oft beklagte mangelnde Persönlichkeitsbildung und moralische Formung stehe die selbstverständliche Verbindung zwischen christlichem Glauben, sittlicher Überzeugung und Lebensführung in Gefahr, schleichend aufgelöst zu werden. Das Gewissen wird sozusagen weitmaschig.

Pater Frank sieht aber auch innerkirchliche Gründe für den Rückgang. In der Theologie habe es Veränderungen gegeben. Es sei zu fragen, "ob in der Beichte nicht auch die Besinnung auf das Sakramentale oft zu kurz gekommen ist." Weil sie in ihrer Form kaum mehr als wirkliche Gottesbegegnung erfahren wurde, sei sie lange Zeit unter dem Vorzeichen einer oft pflichtbetonten Askese gestanden.

Und manchmal hätten die Menschen auch einfach schlechte Erfahrungen mit ihren Beichtvätern gemacht.

 "Im Bewusstsein der Gläubigen scheint die Beichte keine große Rolle mehr zu spielen", diagnostiziert er. Allerdings räumt er ein, dass man hier und da auch heute noch wartende Menschen vor Beichtstühlen antreffen könne. Und zwar in Wallfahrtsorten oder geistlichen Zentren. "Wo die Beichte sozusagen inmitten des Geschehens mit einer bewusst niedrigen Hemmschwelle angeboten wird, wird das Angebot durchaus angenommen. Hier zeigt sich, dass es eine Art Verlagerung von der regelmäßigen hin zur anlassbezogenen Beichte gibt."

Malerisch in den Wienerwald eingebettet liegt das majestätische Zisterzienserkloster Stift Heiligenkreuz. Hier versammeln sich jeden ersten Freitag im Monat rund 300 Jugendliche zur sogenannten Jugendvigil. In einer Lichterprozession ziehen sie zusammen durch den mittelalterlichen Kreuzgang in die Kreuzkirche. Neben Predigt und Segen gibt es dort auch die Möglichkeit, das Sakrament der Versöhnung zu empfangen. Und die Beichtstühle sind voll. Einer der Patres, die dabei stundenlang im Einsatz sind, ist Pater Bernhard Vosicky. "Wo es viel Angebot gibt, zieht das die Menschen an", sagt er. Der 68-jährige Professor für Liturgiewissenschaft verbringt viel Zeit damit, Beichte zu hören. "In Heiligenkreuz erlebe ich die Jugendlichen sehr offen dafür" sagt er gegenüber kath.net . Unverzichtbar ist für den Ordensmann dabei eine gute Hinführung zur Beichte. Denn "wer die Schrift nicht kennt, erkennt auch die Sünde nicht. Und wer nicht betet, lässt den Heiligen Geist nicht einfließen". Man habe sich daran gewöhnt, die Sünde als Kavaliersdelikt zu sehen und sie zu verdrängen: "Die Menschen meinen, Gott sei ohnehin barmherzig und in Seiner Güte werde er schon ein Auge zudrücken".

Sein Mitbruder Pater Johannes Paul Chavanne stellt fest: "Schuld ist zu einem Unwort geworden".

Chavanne ist im Kloster unter anderem für die Jugendseelsorge zuständig. "Es ist tragisch," meint er, "weil wir es bei der Sünde eben nicht mit einer Bagatelle, sondern nach christlichem Verständnis mit dem Urdrama der Welt zu tun haben." Jede zwischenmenschliche Katastrophe, im Kleinen und im Großen, habe schließlich ihre Ursache in Sünden, und "mit ein bisschen Nachdenken kommen wir da relativ bald drauf". Auch er verweist auf die dringende Notwendigkeit einer guten Katechese: "Man muss halt lernen, es zu verstehen, man muss erklären. Ich habe kürzlich vor Firmlingen eine ganz kurze Einführung in das Beichtsakrament gehalten und mich in den Beichtstuhl gesetzt. Danach waren sogar die Eltern und Firmpaten da. Darunter viele, die schon Jahre und Jahrzehnte nicht mehr zur Beichte waren."                                                     

Aus Sicht der modernen Medizin liegen die Patres völlig richtig. In seinem Buch "Selber Schuld!" schreibt der Wiener Neurowissenschaftler und Psychiater Raphael Bonelli: "In der Psychiatrie begegnet man heutzutage kaum noch Menschen, die Sexualität verdrängen…aber verdrängt wird heute mindestens genauso viel Bedrohliches wie damals: die eigene Schuld nämlich". Nachdem der Begriff "Sünde" jahrzehntelang aus dem psychotherapeutischen Vokabular praktisch verschwunden war, lässt sich in der Seelenheilkunde gegenwärtig eine Trendwende beobachten. Zunehmend raten Therapeuten dazu, sich der eigenen Schuld zu stellen, anstatt sie zu relativieren oder zu verdrängen. Der Grund: "Verdrängte Schuld bleibt im Unterbewussten und beginnt ein Eigenleben… wir sind nicht automatisch entschuldigt, nur weil wir eine wissenschaftliche Erklärung für unser Verhalten haben. Wir sind nicht schuldlos, wenn wir unseren Zorn ungezügelt ausleben, unserem Neid oder unserer Trägheit nachgeben, unseren Hochmut pflegen", findet Bonelli. "Auch wenn man in einer dysfunktionalen Familie aufgewachsen ist, kann man erkennen, dass man Grenzen überschreitet", zitiert er den Psychologen Heiko Ernst. Und sowohl bei den Opfern als auch bei den Tätern solcher Grenzüberschreitungen seien psychische Schäden die Folge. Bonellis kanadischer Kollege Henri Ellenberger stelle in diesem Zusammenhang fest, dass sich in nahezu allen Kulturen Formen ritualisierter Sündenvergebung finden ließen. Denn, so erklärt Bonelli, das reuevolle Schuldgeständnis sei "Balsam auf die schuldgeplagte Seele". Das könne die Psychologie heute recht gut anerkennen. Und es sei die katholische Kirche, die hier weltweit am klarsten agiere.

Wo sie das tut, kommt offensichtlich etwas in Bewegung. Pfarrer Norbert Traub ist Wallfahrtsrektor in Maria Brünnlein, der bedeutendsten Wallfahrtsbasilika im Bistum Eichstätt. Er wurde am Aschermittwoch 2016 mit über tausend weiteren Priestern von Papst Franziskus als sogenannter "Missionar der Barmherzigkeit" in die Beichtstühle der Welt ausgesendet. "Das Sakrament wird für jeden Bußfertigen eine Quelle wahren inneren Friedens sein" schrieb der Pontifex dazu in seiner Verkündigungsbulle Misericordiae Vultus. Im Grunde genau das, was der Katechismus der katholischen Kirche lehrt: "Bei denen, die das Bußsakrament empfangen, können Friede und Heiterkeit des Gewissens, verbunden mit starker Tröstung des Geistes folgen" - und was die Verwaltungsbeamtin Nicola B. als regelmäßig Beichtende genauso empfindet: "Die Beichte, die Lossprechung von meinen Sünden, erfüllt mich mit großer Freude, Hoffnung und innerem Frieden. Die Beichte bringt mir eine tiefe Erleichterung. Gott kann das heilen, was ich verwundet habe und was ich nicht mehr wiedergutmachen kann. Das ist sehr tröstlich für mich."

 "Franziskus forderte in seiner direkten Jesuitenart die Gläubigen ohne Umschweife auf, das Sakrament der Buße zu empfangen", erinnert sich Pfarrer Traub. Er habe regelrecht alle Türen geöffnet, "damit wir Menschen verstehen, wer Gott ist und wie er wirkt. Barmherzigkeit ist eben nicht eine Oberflächlichkeit, das Tun eines gutmütigen Opas, der dem Enkel alles durchgehen lässt, Barmherzigkeit nimmt uns Menschen ernst in unserer Freiheit: ich kann meine Freiheit für oder gegen Gott nutzen, aber es ist nie zu spät, zu ihm zu kommen und seine Barmherzigkeit weist uns nicht ab."

Die Folge der Offensive des Papstes sei ein regelrechter Beicht-Boom gewesen. Unter Priestern habe man von einem "Franziskuseffekt" gesprochen. Er erlebe, sagt Pfarrer Traub, dass gerade auch viele junge Menschen neu zur Beichte finden. Sie hätten die Gnade verstanden, als Sünder niemals ohne die göttliche Barmherzigkeit zu sein. Genau das habe Papst Franziskus von Anfang an zu vermitteln versucht. Der Barmherzigkeitsmissionar merkt an, dass auch der mittlerweile verstorbene Kölner Kardinal Joachim Meisner den Priestern bereits 2009 ans Herz gelegt habe, wie der Barmherzige Vater zu sein: "Manchmal warten wir lange, wir müssen viel Ausschau halten… Doch der Sohn kommt und erwartet sich alles." Deshalb laden die Missionare ein - und warten. Mit Katechese und vor allem Dienst im Beichtstuhl wollen sie die Gnade Gottes vermitteln.

In Maria Brünnlein sind die Beichtzahlen um 20 Prozent gestiegen.

Die Worte "erklären" und "Katechese" fallen besonders oft dort, wo viel gebeichtet wird. "Wir versuchen, dieses Sakrament zu erklären und ermutigen dazu, es in Anspruch zu nehmen. Man muss es als positive Option darstellen, als etwas Heilendes, Befreiendes…und man muss Gelegenheit dazu bieten. Erklären, hinführen und anbieten." Darin sieht Pater Johannes Paul eine große Aufgabe für die Kirche. Und ergänzt: "Der Priester ist eine Garantie dafür, dass ich in wirklichen Kontakt mit Christus komme", also dass etwas Sakramentales passiert, dass eine Begegnung mit Gott stattfindet. Er ist überzeugt: "Das Bedürfnis, sich in einem vertraulichen Rahmen auszusprechen, sich vor Gott auszusprechen, das ist absolut stark vorhanden…"

In Sankt Magdalena ist unterdessen eine junge Frau in den Beichtstuhl gekommen. Kaplan Tobias Fehn hat viel Zeit für sie. Die will er sich auch weiterhin nehmen. Er wird warten, samstags um fünf.

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