Erzbischof Gänswein übt erneut Kritik an Missbrauchsgutachten, verteidigt Benedikt XVI.

Erzbischof Georg Gänswein
Foto: EWTN.TV/Paul Badde

Erzbischof Georg Gänswein, der Privatsekretär von Benedikt XVI., hat die mit der Ausarbeitung des Münchner Missbrauchsgutachtens beauftragte Kanzlei scharf kritisiert. Gleichzeitig verteidigte er den emeritierten Papst gegen eine Reihe von Vorwüfen, Missbrauchstäter geschützt zu haben.

Viele Fragen an Benedikt XVI., der von 1977 bis 1982 Erzbischof von München und Freising war, seien "unsauber und geradezu suggestiv formuliert" worden. "Nicht immer wurde zwischen Vermutung, Behauptung und Tatsachen unterschieden", so Gänswein am Donnerstag gegenüber der Zeit. "Kurz: mehr Unterstellung als erkenntnisoffene Fragestellung."

Gänswein hatte im Namen von Benedikt XVI. einen Priester des Opus Dei, der Experte im deutschen wie im weltlichen Recht ist, mit der Beantwortung der Fragen der Kanzlei beauftragt. "Bei dem Begriff 'Opus Dei' gibt es noch immer einen reflexhaften Schaudereffekt", erklärte Gänswein. "Da wird sofort geargwöhnt, das sei eine erzkonservative Geheimgilde. Falsch!" Professor Dr. Dr. Stefan Mückl sei wegen seiner Qualifikationen als "Jurist, Kanonist und Theologe" ausgewählt worden.

"Weder die Kirche noch die Gesellschaft werden bei der Aufarbeitung des Missbrauchs auch nur einen Schritt weiterkommen, wenn weiterhin die Verantwortung auf die 'anderen' abgeschoben wird", räumte Gänswein ein. "Der einzig wirksame Schutz besteht darin, dass wir alle sensibel werden für frühe Anzeichen von Missbrauch. Hier hat die Kirche versagt, auf allen Ebenen. Das müssen wir ändern!"

Mit Blick auf den Rücktritt des deutschen Papstes 2013 gab Gänswein zu, dies sei für viele Gläubige nicht leicht gewesen. "Ich selbst war auch nicht glücklich, als Benedikt mir seinen Amtsverzicht ankündigte, aber ich verstand: Die Entscheidung war gefallen", so Gänswein. "Er hatte sie gründlich bedacht, mit sich gerungen und im Gebet erwogen."

Der Privatsekretär des emeritierten Papstes wehrte sich gegen Vorwürfe, er schreibe Texte, die dann im Namen von Benedikt XVI. veröffentlicht würden: "Die Behauptung, Benedikt schreibe nicht mehr selber, das mache alles der Gänswein, wäre vielleicht für mich ein Kompliment – aber es ist völliger Unsinn."

"Anonyme Briefe und Beschuldigungen", die Gänswein Verbindungen zu einer Homosexuellen-Lobby unterstellen, wies er deutlich als unwahr zurück. "Wenn es um den Vatikan geht, wird gern und genüsslich über homosexuelle Seilschaften spekuliert, denen auch ich absurderweise zugerechnet wurde. Der Kontrast zur Lehre der Kirche ist einfach zu verlockend. Solche Verschwörungsgeschichten sind vielleicht spannend, das macht sie aber nicht wahr."

Trotz der Kirchenkrise, die mehr ist als nur eine Missbrauchskrise, sei sein Glauben nicht erschüttert worden, stellte Gänswein abschließend fest. Vielmehr habe der Glaube ihm geholfen, die Anspannung der letzten Monate "physisch wie psychisch durchzustehen". Außerdem sei "das monastische Leben hier in dem kleinen Kloster" im Vatikan, wo er mit dem emeritierten Papst und einigen Ordensfrauen wohnt, eine Hilfe, "und, ganz schlicht, der allabendliche Spaziergang durch die Vatikanischen Gärten".

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