Evangelische Kirche in Bayern: "Bedauern kritiklosen Umgang mit Helmut Kentler"

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Foto: Pixabay / klavesakm

Der Landeskirchenrat und der Landessynodalausschuss der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern bitten um Entschuldigung für die Verstrickung in die Förderung des Pädophilen-Aktivisten Helmut Kentler (1928-2008). Seine Person wirft heute noch große Fragen auf und zeigt exemplarisch, wie Politik, Kirche und Gesellschaft zeitweise Sexualverbrechen an Kindern aktiv förderten.

Kentler war von 1962 bis 1965 pädagogischer Referent des Studienzentrums für evangelische Jugendarbeit in Josefstal e.V. und setzte sich für die Legalisierung von Pädophilie ein. Besonders das "Kentler-Experiment" in Berlin erlangte traurige Berühmtheit, nachdem dort Ende der 60er Jahre staatlich legitimierter schwerer sexuellen Missbrauch gefördert wurde. Bei diesem Projekt wurden Minderjährige aus schwierigen Verhältnissen bewusst zu verurteilten pädophilen Männern in die Obhut gegeben. 

Evangelische Kirche: "Haben versäumt uns zu distanzieren"

In der von der Evangelischen Kirche in Bayern vorgestern veröffentlichten Stellungnahme unter dem Titel "Kirchenleitung entschuldigt sich für kritiklosen Umgang mit Pädophilie-Professor Helmut Kentler" äußern sich die Verantwortlichen "bestürzt, dass weder das entsprechende Problembewusstsein noch die notwendige Sensibilität vorhanden waren, seinem kinderverachtenden Interesse entschieden zu widersprechen". Weiter heißt es wörtlich:

"Selbst als Kentlers Verteidigung der Pädophilie öffentlich kritisiert wurde, haben wir als evangelische Kirche versäumt, uns öffentlich von ihm und seiner Haltung zu distanzieren – wir haben es auch nicht getan, als 2010 im Rahmen einer Eingabe an die Landessynode die ausdrückliche Möglichkeit dazu bestanden hätte. Dafür bitten wir heute um Entschuldigung."

Auch das Studienzentrum Josefstal, in dem Kentler drei Jahre lang als Referent arbeitete, veröffentlichte eine Erklärung. Darin heißt es:

"Kentler verstand es auf perfide Weise, die richtige Idee von der Rolle von Jugendarbeit zur Emanzipation und zur Subjektwerdung von Kindern und Jugendlichen mit seiner Verteidigung der Pädophilie zu verbinden. Er machte damit eine pädagogische Theorie zu einem Vehikel der Unterdrückung und des Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen. Wir treten dieser Verknüpfung entschieden entgegen und sind bestürzt, dass auch das Studienzentrum einen Resonanzboden dafür geboten hat."

Der Landeskirchenrats der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern bestätigt in seiner Stellungnahme, dass Helmut Kentler "bereits Ende der 60er Jahre (...) im Rahmen seiner Tätigkeit in Berlin, Jungen in die Obhut von Päderasten" gegeben habe. Die Kirchenleitung beschuldigt außerdem die Politik, ebenfalls in die Vorgänge verstrickt zu sein:

"Später wurde dies von Berliner Jugendämtern im Rahmen eines von Kentler angestoßenen und begleiteten Experiments von öffentlicher Seite unterstützt. In mehreren seiner Schriften finden sich zudem Aussagen, die Kentlers Anerkennung von Pädophilie und das Bestreben, Pädosexualität zu legalisieren, deutlich machen. Wissenschaftliche Untersuchungen haben inzwischen nicht nur Kentlers Haltung, sondern auch die Tatsache, dass es im Rahmen des 'Kentler-Experiments' zu schwerem sexuellen Kindesmissbrauch kam, bestätigt." 

Man sei "beschämt", schreibt der Landeskirchenrat der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, und verurteile "jede Form von sexualisierter Gewalt". Gleichzeitig unterstütze man "die Aufarbeitung des Verhältnisses der evangelisch-lutherischen Kirche zu Helmut Kentler".

Expertin: "Entschuldigung kommt spät"

Gegenüber CNA Deutsch forderte die Wissenschaftlerin Katharina Westerhorstmann am Freitag, dass die Netzwerke offengelegt werden, die von Kentler und dessen Gedankengut geprägt waren oder sind. Für Westerhorstmann, die als Theologin an der Franciscan University of Steubenville (Ohio, USA) lehrt, kommt die Entschuldigung der Evangelischen Kirche in Bayern zwar spät, sei aber "dringend notwendig gewesen" – und müsse weitere Konsequenzen nach sich ziehen.

"Es stellt sich natürlich die Frage, warum man auf diesem Auge so lange blind war", äußerte sich Westerhorstmann gegenüber CNA Deutsch. Der Name "Kentler" sei nicht erst 2013, 2017 und dann 2020 im Zusammenhang der Aufarbeitung der "Grünen" zu ihrer eigenen Verstrickung in die geforderte Legalisierung von Pädosexualität sowie in einer eigenen Studie zu den Vorgängen in Berlin aufgetaucht. Bereits in den 1990er Jahren hätten feministische Gruppen bestehende Pädophilen-Netzwerke von Pädagogen, Gutachtern und Pädokriminellen angeprangert.

Die "Grünen" mussten bereits im Jahr 2013 eingestehen, dass "mehrere Landesverbände aktiv die Aufhebung des Verbots von sexuellen Handlungen zwischen Erwachsenen und Kindern angestrebt hatten und grüne Politiker sich des sexuellen Missbrauchs von Kindern schuldig gemacht hatten", so die Wissenschaftlerin. Und weiter:

"Die Problematik jener Zeit bestand darin, dass die Sexualwissenschaft beziehungsweise Sexualpädagogik behauptete, Pädosexualität sei eine legitime Weise sexueller Aktivität und diene dem Wohl von Kindern. Unser heutiges Verständnis, dass Kinder niemals in eine sexuelle Handlung einwilligen können und daher sexuelle Handlungen an und mit Kindern immer verbrecherisch sind, hat sich gerade in Abgrenzung von damals recht gängigen und auch politisch wie sexualwissenschaftlich forcierten Theorien entwickelt."

Die evangelische Kirche - aber auch die Katholische - seien auf diesem Gebiet "viel zu lange viel zu unbedarft" gewesen. Es sei kein Zufall, dass es zahlreiche Fälle gibt, in denen Präventionsbeauftragte, Mitarbeiter von Jugendämtern oder Sozialeinrichtungen des Kinderschutzes in sexuellen Missbrauch oder dessen Vertuschung verstrickt waren. 

Inzwischen sei es zwar weitgehend gesellschaftlicher Konsens, "dass sexuelle Handlungen an, vor und mit Kindern immer missbräuchlicher Natur sind und dass dies mit Einschränkungen auch noch für Heranwachsende gilt", sagte Westerhorstmann gegenüber CNA Deutsch.

Jedoch gebe es weiter Versuche, die Gesellschaft zu bewegen, Pädosexualität zu legalisieren. "Dies fand auch einen Widerhall in den Kirchen und sie haben solchem Einfluss praktisch nichts entgegengesetzt", so die Theologin, "Weitere Aufarbeitung und Offenlegung von Netzwerken, die von Kentler und dessen Gedankengut geprägt waren oder sind, ist dringend geboten."

Kentler: Sexueller Missbrauch unter der Obhut des Staates?

Wie die Tageszeitung "taz" bereits 2013 berichtete, machte Kentler sein "Experiment" in den 1980er Jahren mehrfach publik: in der linken Zeitschrift "konkret", aber auch vor FDP-Bundestagsabgeordneten, 1988 in einem von der Jugendbehörde bei ihm in Auftrag gegebenen wissenschaftlichen Gutachten. 1989 veröffentlichte der Verlag Rowohlt gar ein Buch mit Kentlers Thesen unter dem Titel "Leihväter".

Kentler verteidigte ausdrücklich sein Konzept, dass die "Betreuer" ihre Schutzbefohlenen sexuell ausbeuteten. Im Senatsgutachten schrieb er:

"Mir war klar, dass die drei Männer vor allem darum so viel für 'ihren' Jungen taten, weil sie mit ihm ein sexuelles Verhältnis hatten. Sie übten aber keinerlei Zwang auf die Jungen aus, und ich achtete bei meiner Supervision besonders darauf, dass sich die Jungen nicht unter Druck gesetzt fühlten."

Wie die "taz" weiter recherchierte, soll Kentler 1988 von der Berliner FDP-Jugendsenatorin Cornelia Schmalz-Jacobsen den Auftrag erhalten haben, die Eignung Homosexueller als Pflegeeltern zu beurteilen. In seinem Gutachten, das der Zeitung angeblich vorliegt, soll der Wissenschaftler "unverlangt auch eine Empfehlung für Sex mit Schutzbefohlenen" abgegeben haben. "Man kann sich das, von heute aus betrachtet, kaum vorstellen: Sex zwischen Betreuern und ihren Schutzbefohlenen – gefördert von einer Behörde", heißt es im Artikel der "taz" von 2013.

Kentler habe 1980 geschrieben, er könne erst jetzt von den Vorfällen berichten, weil "die Straftaten, die alle Beteiligten begingen, inzwischen verjährt sind". Die "taz" resümierte in ihrem Artikel von 2013:

"Helmut Kentler, Jahrgang 1928, war keine gesellschaftliche Randfigur, im Gegenteil. Der homosexuelle Diplompsychologe, politisch im linken SPD-Lager zu Hause, zählte zu den Stars der Sexualwissenschaft, war als progressiver Erziehungswissenschaftler gefragt – und galt, anders als die ausgeflippten Typen aus der Indianerkommune, nicht als Spinner. Vielleicht verschaffte genau das die Akzeptanz für seine pädophilen Ideen auch unter Bildungsbürgern."

Die Zeitung "Welt" bezeichnete das "Kentler-Experiment" im vergangenen Jahr als "einen der größten pädagogischen Skandale". Noch bis ins Jahr 2001 seien Pflegekinder von Jugendämtern an vorbestrafte Pädophile vermittelt worden, berichtet die Zeitung.

Der Bericht erhebt auch schwere Anschuldigungen gegen den Berliner Senat und zitiert das Gutachten eines Forschungsteams der Universität Hildesheim. Darin wird festgestellt, dass von Kentlers Pflegestellen "Kindeswohlgefährdung in öffentlicher Verantwortung" ausgegangen sei. Die Verantwortung für die Verbrechen liege "eindeutig und unstrittig beim Senat als dessen Dienstherr". 

Die Berliner Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) kündigte daraufhin an, dass die Opfer entschädigt werden sollen. 

Die Autoren des Hildesheimer Gutachten arbeiteten heraus, dass das "Kentler-Experiment" von einem "Netzwerk von Akteuren" geduldet und gefördert worden sei. Der Staatsverwaltung und auch Bezirksjugendämter hätten Bescheid gewusst, es gebe "'deutliche Hinweise' auf bundesweite Zusammenhänge", zitiert die "Welt" einen der Wissenschaftler.

Deutsche Bischofskonferenz ebenfalls in der Kritik

Erst im vergangenen April hatte die deutsche Bischofskonferenz Proteste ausgelöst, nachdem bekannt wurde, dass im Positionspapier der Bundeskonferenz der Präventionsbeauftragten die Theorien des bekannten Pädophilie-Befürworters Michel Foucault rezipiert werden.

Am 7. April hatte CNA Deutsch die deutsche Bischofskonferenz um eine Stellungnahme. Ihr Sprecher Matthias Kopp antwortete am 12. April schriftlich "für die Präventionsbeauftragten und unser Haus". Dabei betonte die Stellungnahme, "dass die Vorwürfe gegen Herrn Foucault ja – das machen alle Medienbeiträge so in der ZEIT, dlf, NZZ u. a. deutlich – zunächst Verdächtigungen sind und kein Verdacht".

Gleichzeitig betonte die Stellungnahme, der "humanwissenschaftliche Rahmen" des eigenen Konzepts werde dadurch nicht "beschädigt". Man werde Foucault gegebenfalls als Referenz entfernen, lehne dies aber bislang ab.

Als daraufhin der "Elternverein NRW" die Bischofskonferenz ebenfalls scharf kritisierte, verwehrte sich der Arbeitskreis der Bundeskonferenz der Präventionsbeauftragten gegen diese Anschuldigungen. "Wir weisen den Vorwurf des Elternvereins ausdrücklich zurück, sexuelle Bildung auf einen pädophilen Ansatz stützen zu wollen", teilten Vertreter in einem Bericht der "Rheinischen Post" mit.

Der Inhalt des Positionspapiers habe "eindeutig und unmissverständlich die Stärkung der Sprachfähigkeit und Kompetenzerweiterung aller Kinder und Jugendlichen zum Ziel". Den Präventionsbeauftragten gehe es um eine sexuelle Bildung, die "auf den aktuellen Erkenntnissen aus Forschung und Wissenschaft beruht und die selbstverständlich ihrerseits alle Schutzmaßnahmen berücksichtigt und auf jede Form von Grenzmissachtung verzichtet". 

Der Elternverein hatte in seinem offenen Brief auch eine Verbindung zu Kentler hergestellt. Wörtlich:

"Als Vertreter der Elternschaft macht es uns nahezu fassungslos, dass das gesamte Papier, das nicht nur Missbrauch verhindern, sondern auch als Konzept zur 'sexuellen Bildung' dienen soll, von den  Theorien des bekanntermaßen pädokriminellen Helmut Kentler geprägt ist."

Explizit beziehe sich das Papier etwa auf Schüler Kentlers, die etwa ausdrücklich empfehlen würden, "möglichst unzensierte Intimkontakte mit anderen Kindern  aufzunehmen, wenn sie nicht auf die Eltern fixiert bleiben sollen". Und: Dass Kinder schon im Alter von null bis vier Jahren die Masturbation erlernen sollten, so der Brief weiter.

Der Verein betonte, er appelliere an die Bischofskonferenz als oberste Verantwortliche, "dies befremdliche Papier" zumindest umgehend zu überarbeiten: "Dies Konzept schützt nicht vor  Missbrauch, es öffnet eher den Weg dazu", so Heck. Man rufe die deutschen Bischöfe dazu auf, für ein eine ganzheitliche, entwicklungssensible und die Schamgrenzen der Kinder achtende Pädagogik in katholischen Einrichtungen einzutreten: "Das sollte die Aufgabe der Kirche sein".

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