Gerichtliche Hinweise auf Vertuschung von Missbrauch durch hochrangige Legionäre Christi

Illustration
Foto: Andrik Langfield / Unsplash

Priester der Legionäre Christi sollen laut der Agentur AP unter Verdacht stehen, die italienische Justiz behindert und die Familie eines Opfers sexuellen Missbrauchs erpresst zu haben: Beweise für ein anstehendes Strafverfahren in Italien erheben den Verdacht einer ausgeklügelte Vertuschung von Missbrauchsvorwürfen gegen einen ehemaligen Priester der Legionäre Christi, den ein italienisches Gericht wegen sexuellen Missbrauchs eines Minderjährigen verurteilt hat.

Das berichtet die "Catholic News Agency" (CNA) mit Verweis auf Meldungen der Agentur "Associated Press" (AP).

Der Strafprozess, der im März beginnen soll, benennt vier Priester der Legionäre und Anwalt des Ordens. Diese Personen sollen – laut Berichten der AP – unter Verdacht stehen, die Justiz behindert und die Familie eines Opfers sexuellen Missbrauchs erpresst zu haben.

Die Namen der fraglichen Priester und des Anwalts wurden nicht veröffentlicht, und die Legionäre Christi reagierte nicht auf eine Bitte von CNA um Stellungnahme.

Die Legionäre Christi sind eine religiöse Kongregation, war lange Zeit Gegenstand kritischer Berichte und Gerüchte, bis der Vatikan öffentlich feststellte, dass ihr charismatischer Gründer, Pater Marcial Maciel, ein Doppelleben führte, Seminaristen sexuell missbrauchte und Kinder gezeugt hatte. Maciel missbrauchte mindestens 60 Minderjährige.

Im Jahr 2006 ging die Glaubenskongregation – mit Zustimmung von Papst Benedikt XVI. – gegen Maciel vor und befahl ihm, den Rest seines Lebens im Gebet und in der Buße zu verbringen. Die Kongregation beschloss, ihn wegen seines fortgeschrittenen Alters nicht einem kanonischen Prozess zu unterziehen. Der Verbrecher starb im Jahr 2008.

Benedikt XVI. ernannte im Jahr 2010 Kardinal Valasio De Paolis, einen hochangesehenen Kirchenrechtler, zur Leitung des Ordens.

De Paolis, der 2017 starb, wurde dafür kritisiert, einen Großteil der Leitung der Kongregation aus der Zeit Maciels im Amt belassen und Vertuschungsvorwürfe nicht untersucht zu haben.

Der nun vorliegende Fall betrifft vor allem den in Mexiko geborenen Vladimir Reséndiz Gutiérrez, der 2006 zum Priester geweiht und direkt zur Beaufsichtigung von Jungen im Knabenseminar von Gozzano geschickt wurde, nahe der italienischen Grenze zur Schweiz, wie die AP berichtet.

Dem Orden zufolge wurden erstmals im März 2011 Vorwürfe sexuellen Missbrauchs gegen Reséndiz erhoben. Ein Junge aus Österreich meldete offenbar den Vorwurf bei einer kirchlichen Ombudsstelle in Österreich, so AP.

Darüber hinaus enthüllte der Sohn von Yolanda Martinez, einer kirchlichen Mitarbeiterin in Mailand, im Jahr 2013 gegenüber einem Psychologen, dass Reséndiz ihn 2008 im Jugendseminar in Gozzano missbraucht hatte.

Im Oktober 2013 bot die Legion Frau Martinez eine "Abfindung" in Höhe von 15.000 Euro an, aber im Gegenzug sollte ihr Sohn seine Aussage gegenüber der Staatsanwaltschaft widerrufen, dass Reséndiz ihn wiederholt missbraucht habe, so die AP weiter.

Yolanda Martinez rief Kardinal De Paolis an, um ihn über dieses Vorgehen des Ordens zu informieren und sich zu beschweren. Laut ihrem – abgehörten und gespeicherten – Telefongespräch am 7. Januar 2014 sagte De Paolis gegenüber Frau Martinez, sie solle den Vertrag nicht unterschreiben und ohne Anwälte einen anderen Vertrag aushandeln.

Die Behörden beschlagnahmten die Aufnahme des Gesprächs sowie zahlreiche Dokumente, die nun vor Gericht verwendet werden sollen, bei einer Razzia im Hauptquartier der Legionäre Christi in Rom im Jahr 2014. 

Die während der Razzia 2014 sichergestellten Dokumente weisen darauf hin, dass Reséndiz offenbar dem Orden bereits als Teenager und junger Seminarist im Jahr  1994 als Risiko für Kinder bekannt war. Sein Novizenmeister schrieb demnach, er glaube, dass Reséndiz "ein Junge mit starken sexuellen Impulsen und geringer Fähigkeit, diese zu kontrollieren" sei.

Ein Anwalt der Legionäre Christi steht beschuldigt, der Leitung der Legionäre verschiedene Vertuschungspläne unterbreitet zu haben. 

Der Anwalt empfahl offenbar in einer E-Mail im März 2011, dass Pater Gabriel Sotres – ein Priester der Legionäre, der vor einem Jahrzehnt mit der Überarbeitung der Kongregationsverfassung beauftragt wurde – nach Österreich reise, um das dortige mutmaßliche Opfer davon zu überzeugen, weder seinen Eltern noch Behörden etwas zu sagen.

Weitere beschlagnahmte Unterlagen deuten auch darauf hin, dass der Orden von einem weiteren möglichen Opfer in Venezuela wusste, wohin Reséndiz 2008 verlegt worden war.

Der Anwalt schlug laut AP einen Plan vor, nur den Namen von Reséndiz der venezolanischen Polizei zu melden, um den örtlichen Meldegesetzen zu entsprechen und mitzuteilen, dass der Verdächtige nicht mehr in Venezuela lebe – aber nicht zu erwähnen, dass er Priester war und bereits eines Sexualverbrechens an einem Kind beschuldigt wurde. All dies werde helfen, möglichen Schaden für den Orden abzuschwächen.

Im gleichen Monat wurde Reséndiz zwar von seinen priesterlichen Diensten nach einem Gespräch mit seinem Vorgesetzten suspendiert. Doch Dokumente deuten laut AP darauf hin, dass der Mann in Kolumbien trotzdem weiter Beichten in Schulen hörte, die Heilige Messe feierte und später eine Verwaltungsstelle erhielt.

Laut den Unterlagen, die nun gerichtlich als Beweise eingebracht werden sollen, hat Kardinal De Paolis zwar eine kirchenrechtlichte Untersuchung von Reséndiz beauftragt, aber nicht die Polizei verständigt.

Die staatlichen Behörden in Mailand erfuhren erst im März 2013 von den Missbrauchsvorwürfen gegen Reséndiz: Der Psychologe brachte den Fall zur Polizei, der Martinez' Sohn behandelte.

Reséndiz gestand seine Verbrechen schließlich im Jahr 2012 in einem Brief an Kardinal Gerhard Müller, den damaligen Präfekt der Glaubenskongregation. Diese habe Reséndiz im April 2013 aus dem Klerikerstand entlassen, sagen die Legionäre Christi.

Ein italienisches Gericht verurteilte Reséndiz im März 2019 in Abwesenheit, und im Januar 2020 bestätigte ein Berufungsgericht das Urteil. Reséndiz droht eine Strafe von sechseinhalb Jahren Gefängnishaft. Es wird angenommen, dass er in Mexiko lebt.

Die Vorverhandlung für den anstehenden Strafprozess in Mailand ist für den 12. März angesetzt.

Übersetzt und redigiert aus dem englischen Original.

Das könnte Sie auch interessieren: