Zukunft der Kirche: Eine "kreative Minderheit mit Anziehungskraft" statt Volkskirche?

Johannes Hartl im Interview: "Die Menschen verstehen unsern eigenartigen Wortschatz nicht"

Der Gründer und Leiter des Gebetshauses, Johannes Hartl
Foto: Wolfgang Wimmer/Gebetshaus Augsburg

"Die Zeit der Volkskirche ist vorbei" – diese Überzeugung äußerte diese Woche der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz, Bischof Georg Bätzing. "Diese Sozialstruktur, in der Kirche-Sein, in der religiöse Sozialisation irgendwie in einem Automatismus verlief, ist vorbei und sie wird nicht wieder kommen", erläuterte Bätzing in seiner Predigt in Sankt Martin in Lahnstein. Der Limburger Oberhirte stellte fest: "Wir müssen ganz andere Wege gehen, um mit Menschen die Perspektive des Glaubens zu entdecken".

Als erfolgreicher Anbieter einer "Perspektive des Glaubens" gilt Johannes Hartl, Leiter des Gebetshauses in Augsburg. Hartl ist unter anderem Organisator der "Mehr"-Konferenz, die erst letztes Jahr einen Besucherrekord mit 12.000 – meist jugendlichen – Teilnehmern aufgestellt hat. 

CNA Deutsch: Dr. Hartl, der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz, Bischof Georg Bätzing, stellt ein Schwinden der Volkskirche fest. Deckt sich das mit Ihren Beobachtungen?

Rein statistisch ist das völlig unbestritten. Ganz verschwinden wird die Volkskirche nicht und das ist auch gut so. Spannend ist aber, dass im Zeitalter der "Optionalisierung des Glaubens" (Charles Taylor) zusätzlich zu den gewohnten religiösen Strukturen ganz neue Chancen entstehen. 

Was bedeutet Volkskirche für Sie?

Sie ist die kirchliche Struktur aus einer Zeit, in der Glaubensweitergabe ausschließlich durch Initiation als Kind erfolgte und das auch ausreichte, damit ein Mensch selbst seinen Glauben später an seine Kinder weitergab. Das ist in den letzten Jahrzehnten zunehmend nicht mehr so. 

Die Kirche ist immer noch der größte Arbeitgeber in Deutschland. Was ist Ihr Eindruck: Gibt man sich mit diesem Status zu leicht zufrieden? Kritiker behaupten ja gerne, dass die Kirche so künftig nur noch eine Sozialstelle sei.

Dass die Kirche als sozial aktive Gemeinschaft auch unter Nichtglaubenden nach wie vor großes Ansehen genießt, ist zunächst etwas Wunderbares. Wie aber auch die Glaubensinhalte auf eine Weise vermittelt werden können, die anspricht und neue Menschen erreicht, dahingehend gibt es eine große Ratlosigkeit. Und ja, solange die Kirchensteuer das System am Laufen hält, besteht auch die Gefahr, die Dramatik der Situation nicht direkt zu spüren. 

Die Kirche arbeitet in Deutschland eng mit dem Staat zusammen, obwohl sie weiter an Bedeutung und auch an Einfluss verliert. Irgendwann stellt sich da zwangsläufig die Frage, ob diese Rolle, ob eine "Sonderbehandlung" der Kirche noch gerechtfertigt ist, oder?

Diese Frage wird ja aktuell ganz massiv gestellt. Weshalb Gottesdienste erlauben aber keine Kulturveranstaltungen. Dass die Kirche überhaupt etwas Entscheidendes beizutragen hat, dafür wird in Zukunft einiges an Überzeugungsarbeit zu leisten sein. Der Kontakt zur Politik und zur Öffentlichkeit generell ist aber wichtig. Wir sollen Salz der Erde sein und nicht ein Zirkel von Eingeweihten, die am Rande der Gesellschaft einem exotischen Hobby frönen.   

Welche Rolle wird die Katholische Kirche in Deutschland in Zukunft Ihrer Meinung nach spielen?

Das kommt darauf an, welche Weichen jetzt gestellt werden. Im schlechtesten Falle als eher museal anmutende Erinnerung an eine frühere kulturelle Instanz. Im besten Falle aber als kreative Minderheit mit Anziehungskraft, gerade weil sie anders ist und Positives ausstrahlt. Ganz viele sehnen sich nach etwas anderem als dem ewig gleichen Brei aus Konsum, Leistung und Oberflächlichkeit. 

Das fordert alle Christen heraus – welche Erwartungen haben Sie an die Bischöfe? 

Es ist weniger eine Erwartung als eine Hoffnung. Und die ist, dass immer mehr Amtsträger erkennen, dass es "da draußen" Millionen von Menschen gibt, die echt auf der Suche sind. Die keine Ahnung von dem haben, was uns als Kirche beschäftigt, auch nicht von Strukturfragen und Reformdebatten. Die nicht einmal unseren eigenartigen Wortschatz verstehen. Aber die Fragen an das Leben haben und die Gott oft weniger distanziert gegenüber stehen, als man manchmal denken könnte. Bischöfe, die dann die schlichte Frage stellen: Wo werden solche Menschen heute effektiv und nachhaltig erreicht? Was können wir tun, damit das an noch viel mehr Orten geschieht? Das scheint mir die entscheidende Zukunftsfrage. 

Was macht Ihnen dabei Hoffnung? 

Mir macht die Botschaft von Jesus Hoffnung. Ich begegne in der digitalen Welt und im echten Leben praktisch täglich jemandem, der sich zum ersten Mal dem christlichen Glauben zuwendet. Es ist faszinierend zu sehen, was dann mit einem Menschen passiert. Es gibt auch heute unzählige Orte, viele davon auch ganz unbekannt, an denen das geschieht. Doch kein Ort ist momentan so gut geeignet, auch jene zu erreichen, die dem Glauben fern stehen, wie das Internet. Im 17. Kapitel der Apostelgeschichte spricht Paulus  auf dem Areopag in Athen über seinen Glauben. Das Internet ist der heutige Areopag und was dort nicht stattfindet, existiert für die Menschen unter 40 praktisch nicht. 

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