Analyse: Wie kann der Kardinalsrat von Papst Franziskus Reformen bringen?

Papst Franziskus begrüßt Kardinäle am 3. Oktober 2016
Foto: mazur / catholicnewsorguk
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Kann Papst Franziskus die hohen Erwartungen an eine Kurienreform erfüllen? Mit diesem Mandat ist er 2013 gewählt worden, berichteten immer wieder Medien.

Die Römische Kurie ist eine kompliziertes - manche würden sagen verworrenes - Geflecht von Dikasterien, Kommissionen und Räten, und betraut mit der zentralen Verwaltungsarbeit der katholischen Kirche. Auch und gerade Experten vergleichen den Apparat eher mit einem Kaninchengehege denn einem sauber definierten System von regierbaren Ämtern mit klaren Verantwortlichkeiten.

Franziskus schien von Anfang an die Erwartungen einer Reform erfüllen zu können: Seine Ungezwungenheit und fröhliche Missachtung des Protokollarischen - seine Fähigkeit, über den Tellerrand hinaus zu denken: Das ließ viele glauben, dass unter seiner Führung die kuriale Wildnis gezähmt werden könnte.

Eine Frage der Glaubwürdigkeit

Bereits einen Monat nach seiner Wahl machte der Papst aus Argentinien eine große Reformankündigung: Er gründete den Kardinalsrat, der ihm dabei helfen sollte, den gesamten Apparat der Römischen Kurie und der Weltkirche abzuklopfen und neu aufzustellen.

Die Kardinäle Maradiaga, Bertello, Errázuriz, Gracias, Marx, Monsengo Pasinya, O'Malley und Pell wurden informell "K8" genannt, später "K9" (Kardinal Parolin wurde dem Rat hinzugefügt, als er Staatssekretär wurde). Viele sahen in diesem Rat und seiner gewaltigen Aufgabe eine weltkirchliche Herangehensweise verkörpert.

Fünf Jahre später freilich ist die Lage durchwachsen: Internationale Krisen haben die kurialen Störungen verstärkt, und mehrere Mitglieder des "K9" sind selbst in Kontroversen verstrickt. Anstatt aus weltkirchlicher Perspektive den Skandalen in der Kurie ein Ende zu setzen, scheinen stattdessen die Probleme der römischen Kurie - so einige Beobachter - global geworden zu sein.

Verstrickt in sexuelle Missbrauchsskandale, fragwürdige Finanzgeschäfte, kuriose Machtspielchen und sogar ausgewachsene Lehrstreitigkeiten: Anstatt zum Motor der Reform zu werden, hat die K9 für einige Kritiker begonnen, ein Mikrokosmos all dessen zu sein, was in der Kirche schief läuft.

Beobachter werfen immer mehr die Frage auf, ob der Kardinalsrat und die gesamte Reformagenda von Papst Franziskus noch die Glaubwürdigkeit haben, eine sinnvolle Veränderung herbeizuführen.

Das zeigt etwa die neue Skandal-Welle rund um sexuellen Missbrauch in der Kirche. Diese hat sich erneut zu einer großen Krise in der Kirche entwickelt, und drei Kardinäle des "K9" stehen selber in direktem Zusammenhang mit den Vorwürfen des sexuellen Missbrauchs.

Kardinal Oscar Rodriguez Maradiaga, Erzbischof von Tegucigalpa und enger Vertrauter des Papstes, ist der offizielle Koordinator des "K9". Seit Monaten verfolgen ihn Vorwürfe bezüglich seines persönlichen Finanzgebarens. Gleichzeitig wurde sein Weihbischof und häufiger Stellvertreter in der Leitung seiner Erzdiözese, Juan Pineda, vor kurzem zum Rücktritt gezwungen, nachdem Beschuldigungen lauter wurden, dieser habe versucht, junge Priesterschaftsanwärter sexuell zu nötigen, und eine Reihe von männlichen Liebhabern finanziell ausgehalten. Dieses Verhalten dsei zudem sowohl in der Diözese als auch beim Kardinal allgemein bekannt, hieß es weiter.

Als Antwort auf diesen Skandal schrieben mehrere Seminaristen aus Tegucigalpa einen offenen Brief an die Bischöfe von Honduras, in dem sie eine Kultur der offenen und aktiven Homosexualität im Seminar darlegten, mit Repressalien gegen diejenigen, die sich dazu äußerten. Und Kardinal Maradiaga? Er soll die Autoren des Briefes und ihre Beweggründe für das Schreiben angegriffen haben, statt sich des Problems zu stellen

Kardinal George Pell, ein weiteres Mitglied des "K9", ist nach Australien zurückgekehrt, um sich gegen "Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs" zu verteidigen. Im Verfahren hat sich Pell wiederholt sehr energisch verteidigt. Auch das Vorgehen der ermittelnden Polizei des Bundesstaates Victoria ist in Kritik geraten. 

Kardinal Francisco Javier Errázuriz, ebenfalls ein "K9"-Kardinal, der vor seiner Wahl als enger Freund des Papstes bekannt war, hat sich zu einer zentralen Figur im katastrophalen chilenischen Missbrauchsskandal entwickelt, der tatsächlich eine ganze Kette massiver Skandale darstellt.

Obwohl er 2010 als Erzbischof von Santiago in den Ruhestand ging, soll Errázuriz selber über Jahre hinweg an der Vertuschung des klerikalen sexuellen Missbrauchs in Chile beteiligt gewesen sein - einschließlich des Missbrauchs durch den berüchtigten Fernando Karadima. Es wurde auch berichtet, dass er versuchte zu verhindern, dass Juan Carlos Cruz, der sichtbarste und lautstärkste der chilenischen Missbrauchsopfer, zum Mitglied der Päpstlichen Kommission für den Jugendschutz ernannt wurde.

Während fünf chilenische Bischöfe ihren Rücktritt durch Franziskus annehmen ließen  und Erzbischof Theodore McCarrick kürzlich mit seinem Rücktritt aus dem Kardinalskollegium nach seinem eigenen Skandal Geschichte schrieb, bleibt Errázuriz bis heute Kardinal und Mitglied des Kardinalsrates des Papstes.

Unterdessen wird Kardinal Sean O'Malley aus Boston, dessen öffentliche Intervention mit dem Sinneswandel des Papstes gegenüber Juan Carlos Cruz und den anderen chilenischen Opfern gewürdigt wurde, weithin als die glaubwürdigste Stimme der Kirche gegen sexuellen Missbrauch angesehen. Doch die von ihm geleitete Päpstliche Kommission für den Jugendschutz hat den Rücktritt von zwei hochrangigen Mitgliedern erlebt, die beide Opfer sexuellen Missbrauchs waren. Eine von ihnen, Marie Collins, hat oft von ihrer Enttäuschung darüber gesprochen, dass die Empfehlungen der Kommission weder von der Kurie noch von nationalen Bischofskonferenzen angenommen wurden.

Und O'Malley ist selber durch Meldungen in Kritik geraten, denen zufolge im Jahr 2015 sein Büro einen Brief von einem Priester erhielt, der Behauptungen gegen McCarrick einzeln aufführt, aber nur die Antwort eines Angestellten erhielt, in der mitgeteilt wurde, es liege nicht in der Verantwortung des Kardinals, sich dieser anzunehmen.

Kritiker im Vatikan sagen daher, dass der Präsident der Päpstlichen Kommission für den Jugendschutz, ein Mitglied des Kardinalsrates, keine verbindlichen Reformen in der Kurie vorantreibe oder gar eine Kultur der moralischen Verantwortung unter seinen eigenen Mitarbeitern einführe.

Blockade der Finanzreform

Auf struktureller Ebene schreitet die Reform der Kurie auf den ersten Blick voran: Die vatikanischen Abteilungen werden neu geschaffen, zusammengeführt und umbenannt.

Die wichtigste dieser Maßnahmen war zunächst die Gründung der Präfektur für die Wirtschaft unter der Leitung von Kardinal Pell. Doch noch bevor Pell nach Australien zurückkehren musste, wurde klar, dass die Transparenz und Rechenschaftspflicht für die Finanzen des Vatikans eine schwierige Aufgabe sein würde.

Im Jahr 2016 hat das Staatssekretariat - dem Kardinal Pietro Parolin vorsteht - eine externe Prüfung der Finanzen durch anerkannte, unabhängige Experten gekippt, die von Pells Abteilung organisiert worden war.

Die Absage wurde vom damaligen Erzbischof, dem heutigen Kardinal Angelo Becciu, angeordnet. Bezeichnend dabei: Weder Becciu noch sonst irgendjemand im Staatssekretariat hatte überhaupt nur die Befugnis, den australischen Kardinal Pell und die Präfektur für die Wirtschaft zu überstimmen. Dass Franziskus überzeugt wurde, diesen Rückschritt zu unterstützen, indem er nachträglich rechtliche Befugnisse schuf, war ein schwerer Schlag für die Finanzreform in der Kurie.

Im Juni 2017 fiel Pells Abreise nach Australien mit der Entlassung des ersten vatikanischen Generalrechnungsprüfers Libero Milone zusammen. Milone wurde auf dramatische Weise vom Staatssekretariat entlassen, wiederum durch den später von Franziskus zum Kardinal gemachten Angelo Becciu. Milone wurde nichts geringeres vorgeworfen, als die Finanzen hoher Beamter "auszuspionieren" und mit Strafverfolgung zu drohen.

Milone beteuerte, dass er gefeuert wurde, weil er "zu gut" in seinem Job gewesen sei, und weil er und die Reformarbeit der Präfektur für die Wirtschaft eine direkte Bedrohung für die kuriale "alte Garde" darstellten.

Wie sich herausstellte, trifft dies offenbar zu: Im Mai dieses Jahres gab der Vatikan leise bekannt, dass alle Anklagen gegen Milone fallengelassen wurden.

Aber auch die Finanzreformen, auf die Milone und Pell hingearbeitet hatten, wurden offenbar fallengelassen.

Trotz der Erwartung, dass der "K9" eine umfassende Reform der Römischen Kurie bringen würde, sind die Ergebnisse keineswegs klar. Neue "Super-Dikasterien" wie das Dikasterium für Laien, Familie und Leben wurden mit großem Trara angekündigt, aber bisher scheinen die Namensänderungen der Abteilungen ohne klare Zuständigkeiten und Aufsichtsverfahren abzulaufen. Das macht sie in etwa so greifbar wie die Reformen.

Unterdessen hat das Staatssekretariat seinen Einfluss unter Kardinal Parolin so stark ausgebaut, dass praktisch alle vatikanischen Geschäfte, sei es formell oder informell, in seinen Zuständigkeitsbereich fallen, da andere Abteilungen wie die Präfektur für Wirtschaft sehr öffentlich beschnitten wurden.

Ironischerweise behaupten einige in Rom, dass Parolins größter Coup darin bestand, seinen persönlichen Rivalen und nominalen Stellvertreter, Angelo Becciu, zum Kardinal machen zu lassen, und ihn in die weit weniger einflussreiche Kongregation für die Heiligsprechungsprozesse zu versetzen lassen.

Parolin hat auch ein persönliches Interesse an hochkarätigen Disziplinarfällen, die in der Kongregation für die Glaubenslehre behandelt werden, und schaut persönlich in der Kongregation vorbei, um deren Fortschritte zu überwachen - ein Vorgang, der in früheren Jahrzehnten völlig undenkbar gewesen wäre. Und auch außerhalb Roms wurden Bischöfe in fernen Teilen der Welt durch Telefonanrufe des Kardinals geweckt, die sich mit den lokalen Fragen der Kirchenführung befassen.

Als fähiger Diplomat und Politiker hat es Parolin geschafft, in einem Vatikan Macht zu entfalten, in dem versuchte Strukturreformen traditionelle Einflussbereiche und Machtzentren tangiert haben und die alltägliche Autorität, die er in seiner eigenen Abteilung angehäuft hat, beträchtlich ist.

Wenn also die reformierte Kurie unter Papst Franziskus - vielleicht eher zufällig als geplant - immer mehr administrativ zentralisiert wurde, ist der Zug doktrinär in die andere Richtung abgefahren.

In einer ganzen Reihe von Fragen, vor allem bei der pastoralen Umsetzung von Papst Franziskus' Schreiben Amoris Laetitia des Jahres 2016, haben Bischofskonferenzen begonnen, sehr unterschiedliche Ansätze zu den bis vor kurzem universellen Lehr- und Disziplinpunkten zu formulieren. 

Viele der radikaleren Ansätze haben ihren Ausgangspunkt - oder zumindest starke Unterstützung - in Deutschland, wo die Bischofskonferenz von Kardinal Reinhard Marx geleitet wird. Als de facto Oberhaupt der deutschen Kirche war Marx eng mit einigen sehr umstrittenen pastoralen Entscheidungen befasst, vor allem mit dem jüngsten Vorstoss, protestantischen Ehepartnern von Katholiken die Kommunion zu ermöglichen.

Die Art und Weise, in der die deutschen Bischöfe sich tatsächlich geweigert haben, ein "Nein" von Rom als Antwort zu akzeptieren, zeigt, wie schwach die Kongregation für die Glaubenslehre geworden ist und wie wenig Parolins sonst so mächtiges Staatssekretariat in Fragen der Disziplin tun kann.

Einige haben festgestellt, dass Marx und die deutsche Kirche aufgrund ihrer enormen finanziellen Ressourcen autonom, ja sogar ungestraft handeln können. Es ist sicher kein Zufall, dass Kardinal Marx auch als Koordinator des Vatikanischen Rates für die Wirtschaft fungiert.

Die Kirchensteuer, durch die der deutsche Staat der Ortskirche einen Teil der Einkommenssteuer jedes katholischen Bürgers zuspricht, hat die deutschen Diözesen fabelhaft reich gemacht, auch wenn die tatsächlichen Kirchengebäude immer leerer sind.

Die deutschen Bischöfe schicken jedes Jahr viele Millionen Euro ins Ausland, und mit der Kirche in einigen Teilen der Welt - und sogar Teilen des Vatikans - kann Marx mit germanischer Großzügigkeit öffentlich über theologische Fragen in einer Weise nachdenken, von der progressive Bischöfe anderswo nicht träumen würden.

Das Ergebnis der besonderen Parolin-Marx-Dynamik ist, dass sich die Kirche unter Franziskus zu einem föderalisierten Lehr- und Disziplinansatz hinbewegt hat, auch wenn die administrative Macht in der Kurie stärker zentralisiert wird.

Es ist möglich, dass diese Situation umgekehrt oder zumindest in einen kohärenteren Kontext gestellt wird, wenn der "K9" eine endgültige Fassung einer neuen Apostolischen Konstitution vorlegt. Ein erster Entwurf wurde dem Papst offenbar im Juni dieses Jahres vorgelegt, aber es gibt keine klaren Hinweise darauf, wann ein endgültiges Dokument veröffentlicht, geschweige denn in Kraft gesetzt werden könnte.

In der Zwischenzeit rumpeln Kurienpolitik und Skandal weiter, und die weltweite Krise des sexuellen Missbrauchs zeigt keine Anzeichen für eine sinnvolle Lösung.

Vor fünf Jahren wurde die C9 gegründet, um der Welt zu versichern, dass die besten Führer der Weltkirche hart daran gearbeitet haben, das franziskanische Reformversprechen einzuhalten. Heute, da einige seiner Mitglieder direkt in persönliche Skandale verwickelt sind und andere sich öffentlich für ihre eigenen Ziele einsetzen, scheint der Kardinalsrat genauso verdorben wie die Strukturen, die er zu reformieren hatte.

Papst Franziskus, der sich auf Menschen verlässt, die er kennt und denen er vertraut, um seine Vorstellungen zu verwirklichen, wird vielleicht bald keine glaubwürdigen Mitarbeiter mehr haben, und das würde wohl ein ganz neues Problem für die Weltkirche schaffen.

Übersetzt aus dem englischen Original.

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