Kardinal Koch am Karfreitag: Schönheit der gekreuzigten Liebe Jesu Christi

Die Beweinung Christi von Sandro Botticelli
Foto: Paul Badde / EWTN
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In der Kirche am Campo Santo Teutonico hat am heutigen Karfreitag der Schweizer Kurienkardinal Kurt Koch gepredigt. CNA Deutsch dokumentiert den Wortlaut der Predigt mit freundlicher Genehmigung.

Schönheit der gekreuzigten Liebe Jesu Christi[1]

"Er hatte keine schöne und edle Gestalt, so dass wir ihn anschauen mochten. Er sah nicht so aus, dass wir Gefallen fanden an ihm" (Jes 52, 2). Mit diesen Worten beschreibt der Prophet Jesaja den leidenden Gottesknecht, und in ihm hat die frühe Kirche den am Kreuz leidenden Gottessohn vorgebildet gesehen. Sein Anblick am Karfreitag zeigt uns Jesus Christus in der Tat von aller Schönheit beraubt: Wir sehen nur noch Schmerz und Leiden, Elend und Schmach. Diesem Bild setzen wir uns aus, wenn wir die Leidensgeschichte hören und anschließend das Kreuz verehren. Da finden wir nichts Schönes mehr.

Der ganze Abgrund öffnet sich aber erst, wenn wir bedenken, dass dies vom schönsten Menschen ausgesagt wird, den Gott uns geschenkt hat und den wir in unserer Welt kennen. Denn wir glauben an Christus, den guten, besser den schönen Hirten, wie man den griechischen Text genau übersetzen müsste; und dieser Hirte ist gemäß dem Evangelium des Johannes deshalb schön, weil er seine Schafe kennt und weil er sein Leben für sie hingegeben hat (Joh 10, 11). In diesem schönen Hirten hat die frühe Kirche die Vollendung jenes Königs gesehen, dessen Hochzeit im Psalm 45 mit den Worten gepriesen wird: "Du bist der schönste von allen Menschen, Anmut ist ausgegossen über deine Lippen, darum hat Gott dich für immer gesegnet" (Ps 45, 3).

Am Karfreitag tritt Jesus Christus, der "schönste von allen Menschen", vor unsere Augen, der aber "keine schöne und edle Gestalt" mehr hat. Der schönste aller Menschen ist entstellt, er wird geschlagen und ist mit Blut überströmt, er wird gegeißelt und mit Dornen gekrönt, wie wir es im schmerzhaften Rosenkranz meditieren. Doch in diesem entstellten Gesicht begegnet uns die wahre Schönheit. Der Karfreitag fordert uns zur Frage heraus, wie denn beides zusammengeht. Denn offensichtlich handelt es sich um eine völlig andere und völlig neue Gestalt von Schönheit, die wir ansonsten in unserer Welt nicht kennen.

Auf der Suche nach einer tragfähigen Antwort kann uns ein Zeuge der Schönheit den Weg weisen, nämlich der russische Dichter Fjodor M. Dostojewski, der davon überzeugt gewesen ist, dass die Welt nur von der Schönheit gerettet werden kann. In seinem Roman "Der Idiot" lässt der Dichter den Atheisten Ippolit den Fürsten Myschkin fragen: "Ist es wahr, Fürst, dass Sie einmal sagten, die <Schönheit> werde die Welt erlösen?" Demgegenüber behauptet Ippolit, dass der Fürst "auf so sinnige Gedanken bloß kommt, weil er verliebt ist"[2]. Ohne es zu wollen und ohne sich dessen bewusst zu sein, hat der Atheist damit die einzig richtige Antwort auf die Frage gegeben, welche Schönheit denn die Welt retten wird. Die Schönheit, die die Kraft hat, die Welt zu retten und zu erlösen, ist allein die Liebe, freilich nicht irgendeine Liebe, sondern die Liebe Gottes zu seiner Schöpfung und seine Verliebtheit in uns Menschen. Denn Liebe will, dass der Geliebte da ist, Liebe will das Sein und das Schön-Sein des Geliebten. Liebe ist Parteinahme  für das Sein und Schönsein des Geliebten.

Solche Liebe vermag nur Gott zu geben, und er hat sie uns geschenkt in seinem Sohn, wie dieses Geheimnis im ersten Johannesbrief unüberbietbar tief verkündet wird: "Die Liebe Gottes wurde unter uns dadurch offenbart, dass Gott seinen einzigen Sohn in die Welt gesandt hat, damit wir durch ihn leben. Nicht darin besteht die Liebe, dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt und seinen Sohn als Sühne für unsere Sünden gesandt hat" (1 Joh 4, 9-10). Christus ist die gekreuzigte Liebe, und sie ist die Schönheit, die uns rettet und erlöst.

Die wahre Schönheit Gottes am Kreuz seines Sohnes wahrzunehmen: dies ist die Zumutung des Karfreitags. Denn am Kreuz wird sichtbar, dass Gottes Liebe keine Grenzen kennt, da es Liebe ohne Opfer gar nicht geben kann. Liebe als Hingabe seiner selbst und deshalb Hingabe des eigenen Lebens gegenüber Anderen, ist Opfer. Das Kreuz ist das deutlichste Zeichen dafür, dass Jesus Christus sich nicht einfach mit verbalen Liebesbezeugungen begnügt, sondern selber hat einen hohen Preis für seine Liebe bezahlt hat, indem er am Kreuz in Liebe sein Herzblut für uns Menschen investiert hat. Das Kreuz ist die Erscheinung der größten Liebe Gottes oder, wie Papst Benedikt XVI. in seiner Enzyklika über die christliche Liebe sagt, "Liebe in ihrer radikalsten Form"[3]. Der gekreuzigte Christus ist die Gewissheit der universalen Liebe.

Diese Botschaft begegnet uns in der zweiten Lesung aus dem Hebräerbrief. Er verkündet uns  nicht einen Hohenpriester, "der nicht mitfühlen könnte mit unserer Schwäche", sondern einen, "der in allem wie wir in Versuchung geführt worden ist, aber nicht gesündigt hat" (4, 15). Der christliche Glaube ist überzeugt, dass Gott nicht einfach im Himmel wohnt und dem Leiden der Menschen in der Welt teilnahmslos zuschaut, sondern einen Gott voll von Mitleiden, der uns Menschen in unserem Leiden sym-pathisch nahe ist.

Von diesem Mitleiden Gottes her erahnen wir vollends, worin seine Schönheit besteht. Christus ist deshalb der "schönste von allen Menschen", weil er gottgleich ist, aber nicht daran festhält, wie Gott zu sein, sondern sich entäußert und uns Menschen gleich wird. Seine Schönheit besteht in seiner Gottgleichheit, auf die er aber verzichtet und sich freiwillig unschön machen lässt. Christus als der "schönste von allen Menschen" hat seine Schönheit preisgegeben und ist mit seiner Liebe so weit gegangen, dass er "keine schöne und edle Gestalt" mehr hat. Denn Christus verzichtet auf seine Schönheit, damit wir Menschen schön gemacht werden.

Jetzt wird vollends deutlich, um welche Schönheit es am Karfreitag geht. Es ist die Schönheit des schönsten Menschen, der freiwillig auf seine Schönheit verzichtet und die elende Gestalt eines leidenden Menschen annimmt, um uns Menschen schön zu machen, nämlich frei vom Elend unserer Sünde. Der Karfreitag lädt uns ein, diese neue Schönheit anzunehmen, die Schönheit der Liebe, die bis zum Letzten geht und sich als unendlich stärker erweist als alle Schönheit dieser Welt. Die Schönheit der gekreuzigten Liebe Christi rettet und erlöst uns. Ihm bringen wir unsere Dankbarkeit dar, wenn er jetzt sein Kreuz verehren. 

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[1]  Meditation in der Feier vom Leiden und Sterben Jesu Christi in der Kirche des Campo Santo Teutonico am Karfreitag,  19. April 2019.

[2]  F. M. Dostojewskij, Der Idiot (München 1964) 503.

[3]  Benedikt XVI., Deus caritas est. Nr. 12.

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