Kardinal Urosa: "Viri probati" sind eine unvollkommene und problematische Lösung

Erzbischof aus Venezuela warnt vor den Folgen einer möglichen Aufhebung des Zölibats

Kardinal Urosa
Foto: Petrik Bohumil / CNA Deutsch
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Kardinal Jorge Urosa Savino hat sich in die andauernde Debatte um eine Weihe von "Viri Probati" zu katholischen Priestern eingeschaltet. Dies sei eine "unvollkommene und problematische Lösung", so der emeritierte Erzbischof von Caracas in Venezuela.

Bei der aktuell stattfindenden Amazonas-Synode in Rom wird unter anderem darüber diskutiert, ob ältere, verheiratete Männer zu Priestern geweiht werden sollten.

Eines der Argumente der Befürworter ist, damit dem Priestermangel in Amazonasgebieten beikommen zu wollen.

In seinem Beitrag weist südamerikanische Kardinal, der als "moderater Mann der Mitte" gilt, auf Versäumnisse in der Evangelisierung hin und warnt vor den praktischen Folgen, die eine Aufhebung des Zölibats als Weihevoraussetzung hätte.

CNA Deutsch dokumentiert den vollen Wortlaut mit freundlicher Genehmigung in einer eigenen Übersetzung von Susanne Finner / CNA Deutsch. 

ÄLTERE VERHEIRATETE PRIESTER

Eine unvollkommene und problematische Lösung

Kardinal Jorge Urosa Savino,

Emeritierter Erzbischof von Caracas (17. Oktober 2019)

1. Nach zwei intensiven Wochen des Gebets und der liturgischen Feiern, der Vollversammlungen und Treffen in den Kleingruppen, veschiedener Begegnungen und paralleler Aktivitäten, kommt die Synode nun auf die Zielgerade.

Ich habe ihre Entwicklung verfolgt und den Mut gefasst, einen neuen Beitrag zu leisten - erneut mit Bewunderung für die Missionare in Amazonien.

Gerechtfertigte und richtige Verteidigung der Völker in Amazonien und ganzheitliche Ökologie

2. Viele Themen wurden von den Synodenvätern in großer Freiheit und mit Respekt behandelt. Enige Synodenväter haben Zeugnis über ihre Arbeit, ihre Schwierigkeiten und ihre pastoralen Erfolge gegeben. Andere haben Beiträge zu ökologischen und sozialen Themen vorgestellt. Immer auf der Linie mit der notwendigen und richtigen Unerstützung für die Verteidigung der Rechte der amazonischen Völker und der Ökologie des Territoriums; sie wurden mit Wohlwollen von der Versammlung aufgenommen.

Die Mehrheit der Synodenväter hat strikt pastorale Themen behandelt. Darunter einige von besonderem Interesse. Dazu gehört - auch wenn es nicht das wichtigste, aber das polemischste ist – das Thema der älteren, verheirateten Priester, beziehungsweise der Weihe älterer, verheirateter Priester. Diesem Thema möchte ich einige Betrachtungen widmen.

Eine wichtige Beobachtung: Nicht die gesamte amazonische Bevölkerung ist eine indigene Bevölkerung

3. Die Priesterweihe älterer, verheirateter Männer ist das Thema, das am meisten Einfluss in den Medien hat. Aber bevor ich darauf eingehe, möchte ich in Erinnerung bringen, dass in Amazonien etwa 34 Millionen Menschen leben, von denen nur circa drei Millionen Ureinwohner sind; die meisten davon sind nicht in das gesellschaftliche Leben ihrer jeweiligen Länder integriert.

Das bedeutet: Die einheimische Bevölkerung, die darunter leidet, dass die Pastoral nicht fortwährend präsent ist, sondern durch Besuche vollzogen wird, ist nicht die Mehrheit der amazonischen Bevölkerung, in der die meisten bereits katholische Kreolen und Mestizen oder getaufte Christen sind. Daher darf man nicht verallgemeinern und das Problem einer chronischen Abwesenheit der Priester als Problem ganz Amazoniens darstellen. Es handelt sich vorallem um die indigenen Gemeinschaften.

In diesem Gebiet gibt es auch große Städte und bedeutende Diözesen und Erzdiözesen, die pastoral besser versorgt sind als indigene Gemeinschaften, die über große Flächen ausgebreitet sind. Eine Synode, die sich nur auf die indigene Bevölkerung konzentriert, würde den Rest der amazonischen Bevölkerung vergessen. Einige scheinen das so zu verstehen, restriktiv.

Die Lösung: Ältere, verheiratete Männer zu Priestern weihen?

4. Ich glaube, dass die Sorge um eine bessere pastorale Aufmerksamkeit für diese indigenen Bevölkerungsgruppen legitim ist. Und wir müssen eine Lösung für den Priestermangel finden. Hierfür hat das Instrumentum Laboris die Weihe einer anderer Art von Priestern als mögliche Lösung vorgestellt: Ältere Männer mit nachgewiesenem Tugendleben, verheiratet, mit ihrer eigenen Familie, die in ihren Gemeinden die häufige Feier der Eucharistie ermöglichen würden.

Der Text erklärt eindeutig die Gültigkeit der Disziplin des priesterlichen Zölibats als Geschenk für die Kirche. Sehr gut. In der Tat: In der Nachahmung des zölibatären Christus, Bräutigam der Kirche, wählen wir, Priester des lateinischen Ritus, und auch viele in den orientalischen Kirchen freiwillig, unser Leben Gott und der Kirche zu weihen. Deshalb verzichten wir auf die Ehe und verpflichten uns vor Gott zu einem Leben in vollkommener Keuschheit. Etwas, das sich perfekt für das Wesen des Priestertums ziemt, das die Konfiguration mit Christus, dem ewigen Hohenpriester und guten Hirten ist.

5. Ein Detail: Der Text verwendet nicht den bekannten und populären Ausdruck "viri probati" - "Männer mit nachgewiesenem Tugendleben". Er verwendet den Ausdruck "ältere Menschen" und lässt so die Möglichkeit einer Priesterweihe von Frauen offen. Wir werden diese zweite Möglichkeit nicht betrachten, die bereits wiederholt vom heiligen Paul VI. und vom heiligen Johannes Paul II., sowie kürzlich auch von Papst Franziskus klar ausgeschlossen wurde.

Hören wir direkt die Worte des heiligen Johannes Paul II.:

Damit also jeder Zweifel bezüglich der bedeutenden Angelegenheit, die die göttliche Verfassung der Kirche selbst betrifft, beseitigt wird, erkläre ich kraft meines Amtes, die Brüder zu stärken (vgl. Lk 22,32), daß die Kirche keinerlei Vollmacht hat, Frauen die Priesterweihe zu spenden, und daß sich alle Gläubigen der Kirche endgültig an diese Entscheidung zu halten haben.“ (Heilige Johannes Paul II, Apostolisches Schreiben Ordnatio Sacerdotalis, 4, 1994).

 

Einige Fragen

6. Wir werden uns hier darauf beschränken, über die Möglichkeit nachzudenken, tugendhaften ältere, verheirateten Männer die Priesterweihe zu spenden. Diese Lösung ist mit verschiedenen Problemen und Fragen verbunden. Ich werde einige davon benennen. Es ist klar, dass das Thema der Weihe von verheirateten, älteren Männern eine Frage der Disziplin, der religiösen und pastoralen Angemessenheit ist, und dass man das Für und Wider erwägen muss. Der Zölibat ist kein Dogma des Glaubens. Man könnte sie zweifelsfrei weihen. Aber man müsste darüber nachdenken, welche Art von Priester sie sein würden. „Priester zweiter Klasse?“ , unstudierte Landpfarrer mit wenig Autorität, wie sie früher curas de misa y olla (Priester von Messe und Kochtopf) genannt wurden. Wie würde ihre besondere Ausbildung aussehen, das heißt, wie würden sie sich vorbereiten? Die ständigen Diakone durchlaufen eine gründliche Vorbereitung von generell mindestens vier Jahren. Wie würde ihr Dienst aussehen - einfach nur die Sakramente spenden? Von wem wären sie abhängig, das heißt, wer wäre ihr direkter Vorgesetzter? Würde es keine Konflikte zwischen diesen Ältesten-nur-Sakramenten-Priestern und den Pfarrern oder Bischofsvikaren geben? Wie wäre die finanzielle oder administrative Verwaltung, wer würde sie in äußerst armen Diözese oder in Missionsvikariaten unterstützen?

7. Weiter: Es ist eine Öffnung in der Disziplin. Wäre diese nur auf Amazonien beschränkt? Würde das nicht den Priesterzölibat im Rest der Welt schwächen? Und sehr wichtig: Kann eine regionale Synode eine Norm verabschieden, die die ganze, universelle Kirche betriftt? Ein wichtiger Synodenvater hat schon darauf hingewiesen, dass man dafür das Priestertum in globaler Weise betrachten müsse – nicht nur den Zölibat – und das in einer Generalsynode, nicht in einer regionalen Synode.

 

Die Grundlage des Priesterzölibats: Die Konfiguration mit Christus, Hoherpriester und Hirte

8. Man muss auch die Bedeutung und den Wert des priesterlichen Zölibats betrachten, wenn er authentisch von den Ordensleuten und Priestern der lateinischen Kirche gelebt wird. Es handelt sich um eine Form der Hingabe, der Weihe des Herzens und des ganzen Lebens an Gott, um Zeugnis für seine Größe zu geben, davon, dass Er das Wichtigste ist, dass seine Liebe das Größtmögliche ist, dass seine Liebe uns unendlich glücklich macht!

9. Es geht auch darum, dass wir Christus ähnlich werden, dem guten Hirten und ewigen Hohenpriester, der sich dem Vater übergab und zölibatär lebte, damit die Welt das Leben habe (Joh 10,10), um sein Leben als Opfer, das Gott gefällt, an den Vater hinzugeben für die Rettung der Welt. Der Zölibat ist eine vollständige Weihe, die Christus in der Welt von heute gegenwärtig macht. Der zölibatäre Diözesanpriester, so wie der Ordensmann, gibt Zeugnis dafür, dass er Gott mehr liebt als alle Dinge und dass er sich für die Kirche und seine Brüder und Schwestern, die Menschen, hingegeben hat, um ihnen die Gaben Gottes zu spenden, um sie Gott näher zu bringen, um Christus inmitten seines Volkes gegenwärtig zu machen.

 

Die Erfahrung in Venezuela: Die Berufungen können zunehmen. Sie haben in der Tat zugenommen.

10. Ich glaube, die Lösung für die Betreuung der Gemeinden liegt in einer umfassenderen evangelisierenden und heiligenden Tätigkeit, um das Glaubensleben in diesen christlichen Gemeinden, die ohne Priester sind, zu stärken.

Die Evangelisierung, zusammen mit der Berufungs- und Jugendpastoral, führt mittel- und langfristig zu Ergebnissen. Wir haben das in Venezuela gesehen. Diözesen wie Coro, Maracay, Maturín, Barcelona, Valencia, San Felipe und La Guaira verzeichneten in den letzten 40 oder 50 Jahren einen deutlichen Anstieg der Priesterberufungen.

Es besteht kein Zweifel daran, dass das Wirken der Missionare in Amazonien großartig war und ist und allen Respekt, Lob und Anerkennung verdient. Aber trotzdem gibt es keine Berufungen. Deshalb muss man mit Aufrichtigkeit und Realismus nachforschen, warum die Verkündigung des Evangeliums und die Arbeit der Missionare in den indigenen Gemeinden nicht mehr Frucht gebracht hat, darunter einheimische Berufungen zum Priestertum oder zum Ordensleben.

 

Eine unvollkommene und problematische Lösung

11. Nun gut: Würde die Weihe älterer, tugendhafter Männer, die allein für liturgische Funktionen zuständig wären, den notwendigen Impuls für das Leben der Kirche geben? Das Thema der älteren, verheirateten Priester ist zudem zu wichtig und schwerwiegend, als dass eine regionale Synode dies für die gesamte Kirche beschließen könnte.

12.Warum dann also die Disziplin und den Wert des priesterlichen Zölibats schwächen durch eine Lösung, die für die indigene Bevölkerung Amazoniens und für die universelle Kirche, unvollkommen und problematisch ist? Ich wiederhole, es gibt viele ernsthafte Fragezeichen hinsichtlich der Weihe von diesen tugendhaften, älteren, verheirateten Männern. Und es würde die Probleme der aktuellen Situation nicht lösen. Ich sehe das weder als angebracht noch nützlich an.

 

Schlussbemerkung

13. Ich hoffe und bitte Gott, dass der Heilige Geist alle Teilnehmer dieser großen Versammlung erleuchte. Bitten wir Gott, dass diese Synode positive Früchte für eine ganzheitliche Ökologie bringe. Aber vor allem Früchte für die Stärkung und Neubelebung der Kirche in den amazonischen Ländern, und für einen stärkeren Impuls in der Evangelisierungs- und Missionsarbeit für die indigene, kreolische und mestizische Bevölkerung auf diesem immensen Territorium.

Unsere Liebe Frau von Guadalupe, Königin Amerikas, möge für die Kirche in Amazonien und unsere ganze Kirche bitten. Amen.

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