Kritik an "Traditionis Custodes": Helmut Hoping fordert Bischöfe auf, gute Wächter zu sein

Der Theologe Helmut Hoping ist Professor für Dogmatik an der Universität Freiburg im Breisgau.
Foto: Universität Freiburg

Der Freiburger Professor für Dogmatik und Liturgiewissenschaft Helmut Hoping hat sich der Kritik an "Traditionis Custodes" angeschlossen. Der katholische Theologe und Diakon sagte gegenüber dem "Domradio", Papst Franziskus habe damit Summorum Pontificum nicht geändert, sondern aufgehoben. 

"Nur in sehr engen Grenzen duldet Franziskus noch die Feier der Messe nach dem Missale Romanum von 1962, wobei die anderen liturgischen Bücher, die vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil promuligiert wurden, in "Traditions custodes" gar nicht mehr erwähnt werden, so Hoping. 

Der deutsche Liturgiewissenschaftler erklärte, kurzfristige Änderungen in der Praxis seien wohl kaum zu befürchten: Jene, die bisher in der alten Form feiertern, würden dies weiter tun.

Er gehe aber davon aus, dass "diejenigen Bischöfe in Deutschland, die immer schon gegen die Rückkehr der alten Messe waren, schrittweise versuchen werden, sie soweit wie möglich zurückzudrängen und schließlich aus dem Leben der Pfarreien ganz zu verbannen."

Wenn aber "Bischöfe ihr Wächteramt über die Liturgie wahrnehmen, indem sie die Praxis der alten Messe stärker reglementieren oder ganz zurückdrängen, wird man die Bischöfe fragen dürfen, ob sie ihr Wächteramt auch über die erneuerte Liturgie wahrnehmen wollen", so Hoping mit Blick auf Missstände in der "neuen Messe".

In seinem Begleitschreiben zum Motu proprio erkläre Papst Franziskus mit Worten Benedikts XVI., dass vielfach die Vorschriften des Messbuchs Pauls VI. von Priestern nicht beachtet werden, sagte der Liturgie-Experte gegenüber dem "Domradio" weiter.

"Franziskus spricht von liturgischen Missbräuchen auf allen Ebenen. Ich sehe in diesen Missbräuchen eine neue Form priesterlichen Klerikalismus".

Man dürfe gespannt sein, "ob die deutschen Bischöfe jene Priester, die sich nicht an die liturgischen Bücher und Vorschriften halten, in ihrer Aufgabe als Hüter der Liturgie der Kirche disziplinieren werden". Er selbst rechne nicht damit. "Denn es ist ja bekannt, wie tolerant nicht wenige deutsche Bischöfe sind, wenn es um Verstöße gegen Lehrvorgaben, liturgische und disziplinäre Vorgaben geht. Hüter der Liturgie zu sein, ist aber nicht teilbar."

Mit Blick auf die Konsequenzen des Motu proprio weist Hoping auf einen weiteren Aspekt hin: "Die Erklärung, dass es nur einen Ausdruck der lex orandi des römischen Ritus gibt, bedeutet zudem ein weitreichendes Urteil über die Liturgie der Priestergemeinschaften, die der Messe des usus antiquior verbunden sind, wie z.B. die Petrusbruderschaft. Franziskus attestiert diesen Priestergemeinschaften, die jetzt der Kongregation für die Orden unterstellt sind, dass sie eine Liturgie feiern, die keinem Ritus zugehört, sich also im rituellen Nirgendwo befindet."

Stichwort "Traditionis Custodes": Wer hütet die Tradition?  

Mit dem Motu proprio, das am 16. Juli herausgegeben wurde, verfügt Papst Franziskus mit sofortiger Wirkung weitreichende und tiefgreifende Änderungen des Schreibens Summorum Pontificum seines Vorgängers Benedikt XVI. aus dem Jahr 2007. Dieses erkannte das Recht aller Priester an, die Messe unter Verwendung des Römischen Messbuchs von 1962 zu feiern.

In einem Begleitbrief an die Bischöfe, in dem er seine Entscheidung darlegt, schreibt Papst Franziskus: "Zur Verteidigung der Einheit des Leibes Christi sehe ich mich gezwungen, die von meinen Vorgängern gewährte Erlaubnis zu widerrufen. Der verzerrte Gebrauch, der von dieser Erlaubnis gemacht worden ist, steht im Widerspruch zu den Absichten, die zur Gewährung der Freiheit geführt haben, die Messe mit dem Missale Romanum von 1962 zu feiern."

Das neue Motu proprio, das mit sofortiger Wirkung herausgegeben wurde, besagt einerseits, dass ausschließlich der jeweilige Ortsbischof entscheiden kann, die Feier der lateinischen Messe in der überlieferten Form in seiner Diözese zu autorisieren. Andererseits setzt es fest, dass die Bischöfe keine Messen im usus antiquior in Pfarrkirchen feiern lassen dürfen, und jeder neu geweihte Priester, der die heilige Messe in dieser Form des römischen Ritus feiern will, muss nach diesen Maßgaben dafür einen Antrag in Rom stellen. 

Ob und wie solche – und weitere – drakonischen Maßnahmen in der Praxis umsetzbar sind, haben Betroffene bereits bezweifelt. In den Sozialen Medien warfen gemäßigte Kritiker dem Papst bereits am Freitag pastorale "Grausamkeit", Intoleranz und Unbarmherzigkeit vor. Andere reagierten mit weitaus vehementeren Worten auf "Traditionis Custodes". 

Frankreichs Bischöfe haben bereits gemeinsam reagiert und am Wochenende den vielen Katholiken und Priestern ihrer "Hochachtung" versichert, die die heilige Messe in der überlieferten Form feiern: Die Bischöfe gaben eine Erklärung – hier der französische Wortlaut – am 17. Juli heraus.

Die Äußerungen der französischen Bischöfe werden auch in Deutschland mit großer Aufmerksamkeit wahrgenommen werden, zumal Frankreich eines der führenden Zentren des katholischen Traditionalismus ist, und in beiden Ländern die Zahl der Gläubigen wie Priester wächst, die sich zur "alten Messe" hingezogen fühlen. 

In einer ersten Stellungnahme gegenüber CNA Deutsch teilten bis zum heutigen Montag mehrere deutsche Bistümer mit, der Bischof setze sich derzeit noch mit dem päpstlichen Schreiben auseinander.  

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