Nach Empörung über Aussagen: Kardinal Müller bestreitet Vorwurf "antisemitischer Chiffren"

"Im Interview gibt es überhaupt keine Chiffren. Zitiert wird die Bibel mit dem Hinweis auf die Erschaffung des Menschen nach dem Bild und Gleichnis Gottes."

Kardinal Gerhard Ludwig Müller
Foto: Daniel Ibanez / CNA Deutsch
Kardinal Gerhard Ludwig Müller  hat sich in einem kurzen Gespräch mit dem österreichischen katholischen "St. Bonifatius Institut" zum Verhältnis von Eucharistie und medizinischen Hygieneregeln und damit über das Verhältnis von Theologie und Medizin im Zusammenhang mit der Covid-19-Seuche geäußert.
 
Dabei hat der Kardinal die Auffassung vertreten, dass von interessierten Kreisen die Pandemie genutzt werde, um "die Menschen jetzt gleichzuschalten, einer totalen Kontrolle zu unterziehen, einen Überwachungsstaat zu etablieren." Darüber hinaus hat er ausgeführt, dass bestimmte "Philanthropen" die Seuche nutzen würden, "um ihre Agenda durchzusetzen", die von ihnen gewollte neue Weltordnung. Kardinal Müller hat den Microsoft-Gründer Bill Gates sowie George Soros und Klaus Schwab, die zwar mit ihren Stiftungen durchaus Gutes tun wollen, aber als diejenigen bezeichnet, die versuchten, ihr Weltbild, das nicht mehr christlich ist, der Welt zu oktroyieren. Dieses – zum Teil völlig verkürzt wiedergegebene – Interview hat für heftige Kritik gesorgt, zu der sich der Kardinal gegenüber CNA Deutsch äußert.
  
Lothar C. Rilinger: Eminenz, im Interview mit dem St. Bonifatius-Institut warnen Sie davor, Menschen die Sakramente zu verweigern, die nicht geimpft sind. Wie bewerten Sie die staatlichen und kirchlichen Vorschriften zum Besuch von Hl. Messen in Deutschland, der nur nach Einhaltung der 2-G-Regeln erlaubt sein soll?
 
Kardinal Gerhard Ludwig Müller: Hier wird das theologische Thema des Zugangs zu den Sakramenten mit dem praktisch-medizinischen Thema der Gesundheitsvorsorge verwechselt und vermengt.  Den Zugang zu den Sakramenten kann kein Mensch einem anderen verweigern, weil sie Gaben Gottes sind. Die Bischöfe und konkret die Seelsorger vor Ort als verantwortliche Diener Christi müssen nur auf die spirituellen Voraussetzungen, d.h. die geistliche Disposition, auf Seiten des Empfängers achten. Um es am Beispiel der Taufe zu verdeutlichen: Nur wer an den dreifaltigen Gott glaubt und sich zu ihm öffentlich bekennt, kann auch gültig  getauft werden im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Wer die Taufe allerdings nur für einen gesellschaftlichen Aufnahmeritus hält, muss von seinem Seelsorger gütig und geduldig über seinen Irrtum aufgeklärt und zum tieferen Verständnis geführt, aber keineswegs schroff zurückgewiesen werden.
 
Etwas anderes ist es, die notwendigen Hygienemaßnahmen (Impfung, Maskentragen etc.) zu beachten und praktisch zu gewährleisten, damit eine Gefahr der Ansteckung so weit wie möglich vermindert oder ausgeschlossen wird. Ich selbst bin schon dreimal geimpft und halte natürlich die Sicherheitsregeln ein. Das nur zum Thema "Impfgegner und Coronaleugner".
 
Von den zuständigen staatlichen Behörden darf der Bürger durchaus erwarten, dass sich die einzelnen Maßnahmen nicht logisch widersprechen. Die Stringenz ist oft nicht zu erkennen. Niemand weiß nämlich, warum man z.B. im Flughafen "sozialen Abstand" - übrigens eine schwer nachvollziehbare Wortverbindung - halten muss, im Flugzeug aber die Fahrgäste auf engstem Raum zusammengepfercht sind.
 
Wie sollten sich Katholiken, die Befürchtungen haben, sich in der Kirche mit dem Covid-Virus anzustecken, angesichts dieser nicht vorhandenen Stringenz bezüglich der sonntäglichen Teilnahme an der Eucharistiefeier entscheiden?
 
Diese Mitchristen sollen sich bei Fachleuten erkundigen, wie hoch unter den gegebenen Umständen für sie persönlich das Risiko ist und dann in ihrem Gewissen abwägen, was sie vor Gott und der Gemeinschaft der Mitglaubenden verantworten können. Auf jeden Fall sollten sie dann aber über das Internet wenigstens virtuell mit innerer Andacht an der Eucharistiefeier teilnehmen. 
 
Unverständnis, bis hin zu scharfer Kritik, haben deutsche Politiker an Ihrer Aussage geübt. Ihnen wurde sogar vorgeworfen, "antisemitische Chiffren" zu verwenden. Wie bewerten Sie diese Vorwürfe und die Berichterstattung darüber?
  
Traurig ist es nur, wie sich auch gute Leute von manipulierten Meldungen aufhetzen lassen. Die meisten, die sich empören, kennen weder das Interview - außer in der verfälschten Fassung -, noch geben sie zu erkennen, dass sie auch nur die leiseste Ahnung von Kirche und Theologie haben. Jeder, der eine christliche Bibel mit dem Alten und Neuen Testament in die Hand nimmt, versteht, wie tief Judentum und Christentum im Glauben an Gott den Schöpfer der Welt und liebenden Vater aller Menschen innerlich verbunden sind. 
 
Im Interview gibt es überhaupt keine Chiffren. Zitiert wird die Bibel mit dem Hinweis auf die Erschaffung des Menschen nach dem Bild und Gleichnis Gottes. Darüber hinaus wird das dritte Gebot aus dem Dekalog, das die Heiligung des Sabbats vorschreibt, erwähnt. Der "Tag des Herrn" - der Sonntag, der Tag der Auferstehung des Herrn Jesus Christus - wird christlich gefeiert mit der Eucharistie. Wer einem altgedienten Theologieprofessor wie mir "antisemitische Chiffren" andichten will, sollte das wissenschaftlich belegen und nicht auf den dialektischen Trick verfallen, irgendetwas Nichtvorhandenes aus einem unbekannten Zoomgespräch herauszulügen.
 
Die von den Betreffenden getätigte Aussage, dass die furchtbare Corona-Krise eine Chance (!) sei, die  am grünen Tisch ausgedachte "Neue Weltordnung" zu etablieren, muss kein vernünftig denkender Mensch als unhinterfragbar hinnehmen. Von wem stammt denn eigentlich die Chiffre von der Neuen Weltordnung und - in älterer, marxistischer Formulierung - von dem von  Menschen zu machenden Paradies auf Erden? Nicht von Christen!  Wir glauben, dass nicht Menschen, sondern nur Gott die Welt erlösen und neu machen kann. Wir können aber im Geiste Jesu Christi an einer gerechteren und friedlicheren Welt mitarbeiten.
 
Sie erinnern an die Freiheit des Denkens, warnen vor einem Überwachungsstaat im Zuge der Coronavirus-Maßnahmen, einer neuen atheistischen Weltordnung, vor einer "Gleichschaltung" aller Menschen, vor einer Aufgabe von Meinungen, die nicht den Mainstream wiedergeben. Wie sollten demokratisch gesinnte Katholiken und Familien mit dieser Situation umgehen? 
 
Wer sich mit offenen Augen in der Welt umschaut, kann nicht übersehen, dass die diktatorischen bis totalitären Staaten auf dem Vormarsch sind, wenn sie die Gefährdung der unveräußerlichen Menschenwürde auch mit schönen Heilsversprechungen verklausulieren. Auch  in den freiheitlichen Demokratien des Westens können die Bürger sich nicht auf den Lorbeeren ausruhen und ihre Verantwortung  vertrauensselig und staatsgläubig "nach oben" delegieren. Wir müssen schon kritisch mitdenken und angstfrei mitsprechen. Wir können nicht alles bedingungslos denjenigen glauben, die regieren und die auch nur -  wie wir -  fehlbare und sündige Menschen sind.  Glauben können wir nur Gott allein, der die volle Wahrheit ist und immer unser Heil will.  Selbst der religiöse Gehorsam des Katholiken gegenüber dem Papst und den Bischöfen ist nicht blind und schon gar nicht unterwürfig, weil deren Autorität an die Offenbarung gebunden ist und an ihre objektive Vergegenwärtigung in der Heiligen Schrift mittels der lebendigen Apostolischen Tradition, d.h. der Liturgie, der Katechese und amtlichen Lehrverkündigung. 
 
Sie sagen, dass eine "Neue Weltordnung" auch mit Hilfe der Pandemie-Einschränkungen geschaffen werden soll. Was meinen Sie damit, und hat Gott darin noch einen Platz, soll darin zumindest die christliche Ethik berücksichtigt werden?
 
Alle Menschen guten Willens wünschen sich eine bessere Welt mit weniger Konflikten, ohne Ausbeutung und die Spaltung in Superreiche und Bitterarme, in Angesehene und Marginalisierte. Ich jedenfalls stehe nicht auf der Seite derer, die mit der Krise reicher, sondern sorge mich um jene, die seither ärmer geworden sind. Aber jeder Humanismus und Posthumanismus, die Vor- und Postmoderne, sind nach der Erfahrung der "Dialektik der Aufklärung" (Horkheimer/Adorno) und auf Grund unserer christlichen Überzeugung zum Scheitern verurteilt, wenn man einen Staat ohne Gott errichten will und die religiösen Überzeugungen der Bürger eines Staates nur als unmaßgebliche Privatmeinungen an den Rand drängt. Aber kein Arzt kann etwa gezwungen werden, an einer Abtreibung teilzunehmen, nur weil die offizielle Lesart die Abtreibung, die Tötung eines ungeborenen Menschen, als ein Menschenrecht auf Abtreibung ausgibt. 
 
Inwieweit können Ihrer Ansicht nach Pandemieregelungen herangezogen werden, um eine neue profane "Weltordnung" zu denken und welche Möglichkeiten können finanzielle Eliten nutzen, um ihre Vorstellungen durchzusetzen?
 
"Finanzielle Eliten" ist nicht ein von mir erfundener Ausdruck, aber damit sind in der Gesellschaftskritik jene gemeint, die die Lösung aller Probleme der modernen Welt ausschließlich mit der Strategie von wirtschaftlichen Unternehmen erreichen wollen und damit den Big-Reset von der globalen Welt anstreben - eine Welt, bar der Vielheit der Religionen, Kulturen, Staaten und Nationen, ja eine Welt als ein einziger großer Markt. Das ist etwas ganz anderes als wenn solche, die durch Erbschaft und Fleiß vermögend geworden sind, positive Projekte fördern. Der Mensch ist über die materiellen Bedürfnisse hinaus auch ein moralisches und religiöses Wesen. Er ist transzendental auf Gott und seine Offenbarung verwiesen und darf auf das ewige Leben hoffen. Darum ist seit jeher das Projekt einer innerweltlichen Definition des Menschen mit großen Verlusten gescheitert. Die Offenheit auf Gott bewahrt uns vor einer totalen Vereinnahmung durch jede noch so gut gemeinte innerweltliche Heilslehre.
 
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