Nach Flutkatastrophe in Deutschland: "Viele können nicht mehr beten"

Im Juli 2021 verwüstete das Hochwasser weite Teile des Ahrtals.
Foto: Dieter Hengsberg / CNA Deutsch
Previous Next

Nachdem im vergangenen Juli eine verheerende Flutkatastrophe hunderte Leben gekostet hat und noch viel mehr Menschen obdachlos geworden sind, bleiben weite Teile der besonders schwer getroffenen Gegend im Ahr- und Rheingebiet von Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen noch immer verwüstet. 

Nach jetzigem Stand kamen in Deutschland durch das Unwetter 184 Menschen ums Leben. Vor einer Woche meldete der "SWR", dass im Ahrtal noch immer zwei Menschen als vermisst gelten.

Während viele Betroffene Kritik am Bund und an den Ländern üben, weil die versprochene "schnelle und unbürokratische Hilfe" seitens staatlicher Stellen teilweise nicht umgesetzt wurde, gibt es auch Berichte über den großen Zusammenhalt innerhalb der Bevölkerung. Betroffene und Seelsorger berichteten gegenüber CNA Deutsch, wie sie die Flutkatastrophe und die schweren Monate seitdem erlebt haben.

Betroffener: "Freiwillige Helfer waren sich für keine Anstrengung zu schade"

Dieter Hengsberg stammt aus Kreuzberg an der Ahr. Seine Familie ist vom Unwetter und den Konsequenzen direkt betroffen: Die Aufräumarbeiten gestalteten sich schwierig, da Bautrockner und Heizgeräte zunächst Mangelware gewesen sind. Manche Gegenden hatten zudem wochenlang keinen Strom.

"Die Menschen, die uns wirklich geholfen haben, waren die vielen freiwilligen Helfer, die sich für keine Anstrengung zu schade waren", so Hengsberg. Aus vielen Teilen Deutschlands kamen Helfer ins Ahrtal angereist, um den Schlamm aus den Häusern zu schaufeln, elektrische Leitungen zu reparieren oder Schutt wegzuräumen. Freiwillige halfen zudem bei der Weinlese, da auch die meisten Weingüter schwer getroffen wurden. Der Weinbau stellte bislang eine der wichtigsten wirtschaftlichen Säulen der Ahrgegend dar.

"Viele kleine und mittelständige Unternehmen haben ihre Arbeitskraft und ihren Fuhrpark schonungslos für uns eingesetzt", berichtet Dieter Hengsberg. "Die zahlreichen geschlitzten Reifen haben sie ebenfalls selbst geflickt oder ausgetauscht. Bei uns in Kreuzberg (Ahr) kann ich mich besonders gut an zwei Firmen erinnern, die wirklich Tag und Nacht für die Betroffenen gearbeitet haben. Während sie tagsüber mitgeholfen haben die verschlammten Möbel und Küchen aus den Häusern und Wohnungen zu räumen, haben sie Nachts zusätzlich den ganzen Unrat und Sperrmüll auf große Sammelplätze gebracht und die 'ehemaligen Straßen' wieder freigeräumt."

Priester: "Ich durfte stellvertretend für die Menschen beten"

Der katholische Priester Daniel Sluminsky ist Kreisjugendseelsorger von Rhein-Sieg und Altenkirchen. Sluminsky erzählte gegenüber CNA Deutsch, dass er nach der Flut in seine frühere Gemeinde nach Bad Münstereifel (Erzbistum Köln) gerufen wurde.

"Ich bekam Fotos von Leuten aus dem Gebiet Euskirchen und Bad Münstereifel zugeschickt, die ein ersten, noch 'normalen' Eindruck vermittelten", berichtet der Geistliche. "Ich dachte, da werden ein paar Keller volllaufen und einige Autos werden weggespült." Doch schnell wurde klar, dass das Ausmaß der Zerstörung viel größer war als gedacht.

"Am Morgen danach rief mich jemand an und war froh, dass er Netz hatte und berichtete mir. Ich gebe zu, dass ich das anfangs nicht glauben wolle, was ich da hörte", so Sluminsky weiter. Ehemalige Gemeindemitglieder aus Bad Münstereifel baten ihn, vorbeizukommen. Die Lage vor Ort war erschütternd, berichtet der Priester. Wörtlich:

"Ich machte mich auf den Weg und kam in einem Gebiet an, das aussah, wie ein Kriegsgebiet. Ich ging durch die Trümmer und Pfützen. Schlammhaufen rechts und links vom Weg. Autos und Teile von Häusern irgendwo in der Gegend. Die Menschen waren am Arbeiten, einige saßen nur auf einem Stuhl oder einem Stein und starrten ins Leere. Sie konnten es nicht fassen. Eine Frau sprach mich an mit den Worten: 'Was sagen Sie nun Ihren Schafen? Das mit der guten Botschaft ist doch hier nicht glaubwürdig!' Ich sagte ihr, dass ich zuerst hierhergekommen sei, um zuzuhören, da zu sein und so Trost zu spenden. Sie fing dann direkt an zu erzählen und zu berichten, wie sie die Situation erlebt hat."

Auch die Hilfskräfte nahmen das offene Ohr des Priesters gerne in Anspruch. "Viele freuten sich, dass sie jemanden hatten, der zuhörten", sagt Daniel Sluminsky. Mehrmals sei er gebeten worden, "mit und für die Menschen" zu beten, weil viele nicht mehr dazu fähig seien. "Ich durfte als Priester erleben, dass ich wieder für die Menschen stellvertretend beten und sie so vor Gott bringen durfte", erzählt der Seelsorger. Und weiter:

"Im Laufe der Tage hörte ich viele solcher Geschichten. Viele Menschen kamen auf mich zu, fielen mir um den Hals, weinten, erzählten immer wieder ähnliche Geschichten von Angst, Hilflosigkeit, von tapferen Menschen und vom Wunder, dass wildfremde Menschen auf einmal da waren, um ihnen zu helfen."

Unter Tränen habe eine Dame, die er noch aus der Gemeinde kannte und die durch die Flut ihr Hab und Gut verloren hatte, zu ihm gesagt: "Herr Pastor, ich kann nicht einmal mehr das Vater unser aussprechen! Aber gut, dass Sie da sind und für uns beten!"

Kritik an Bundes- und Landesregierung

Dass der Glaube in einer solchen Situation Trost spenden kann, davon berichtet auch der Betroffene Dieter Hengsberg.

"Das Gebet für die in Not geratenen Menschen ist sehr wichtig und wertvoll. Die Nerven liegen bei vielen blank. Kraft und Perspektive hat nicht jeder im gleichen Maß."

Neben Hengsberg sprach CNA Deutsch auch mit weiteren Betroffenen. Dabei wurde immer wieder die Frage gestellt, ob die verhältnismäßig hohe Opferzahl nicht hätte vermieden werden könne, wenn man rechtzeitig auf die Unwetterwarnungen reagiert und entsprechende Notfallpläne besser ausgearbeitet hätte.

Betroffene kritisierten auch, dass die von Bund und Ländern versprochene "schnelle und unbürokratische Hilfe" teilweise nicht umgesetzt wurde. Auch fehle es bisweilen an Gutachtern für die Schadensfeststellung, um die entsprechenden Anträge auf Hilfeleistungen stellen zu können.

Dieter Hengsberg selbst hatte zumindest etwasGlück im Unglück. "Wir haben von den Johannitern völlig unkompliziert 2.500 Euro Soforthilfe erhalten", berichtet er.

Flut in Deutschland: Papst Franziskus zeigt Anteilnahme

Wie CNA Deutsch berichtete, hat sich auch Papst Franziskus bestürzt gezeigt vom Ausmaß der Verwüstungen. "Mit großer Betroffenheit hat Papst Franziskus von den schweren Unwettern und Überschwemmungen in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz Kenntnis erhalten", so Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin in einem Telegramm an Frank-Walter Steinmeier.

Der Papst gedenke "der ums Leben gekommenen Menschen im Gebet und bekundet den Angehörigen seine tief empfundene Anteilnahme. Er betet besonders für die zahlreichen Vermissten, für die Verletzten und für alle, die zu Schaden gekommen sind oder durch die Naturgewalten ihre Lebensgrundlage verloren haben."

Zahlreiche Bistümer haben bereits finanzielle Soforthilfe zugesagt und Spendenkonten eingerichtet. Die Bischofskonferenz in Polen hatte den 25. Juli zu einen Tag der Solidarität mit den Flutopfern in ganz Europa erklärt.

Der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz, Bischof Georg Bätzing (Bistum Limburg), bedankte sich bei den polnischen Amtsbrüdern für diese Geste. Diese Initiative sei "ein lebendiges Zeichen der Mitmenschlichkeit und der christlichen Verantwortung", heißt es in dem Brief. "Ihre Initiative ist ein lebendiges Zeichen der Mitmenschlichkeit und der christlichen Verantwortung. Und sie stärkt das Band zwischen unseren Völkern, das in der Vergangenheit nicht selten zerrissen wurde, um doch immer wieder erneuert zu werden."

Mehrere Bistümer in Deutschland ließen zudem 23. Juli um 18:00 Uhr landesweit die Glocken läuten als Zeichen der Verbundenheit mit den Betroffenen der Flutkatastrophe. Auch zahlreiche evangelische Landeskirchen beteiligen sich an der Solidaritätsaktion (CNA Deutsch hat berichtet).

Das könnte Sie auch interessieren: