"Feuer der Brüderlichkeit": Papst Franziskus begegnet Flüchtlingen und Migranten auf Malta

Papst Franziskus spricht zu Migranten und Flüchtlingen auf Malta am 3. April 2022
Foto: Vatican Media Pool (VAMP)
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Papst Franziskus hat heute in einem Aufnahmezentrum für Migranten auf Malta dazu aufgerufen, "Feuer der Brüderlichkeit" zu entzünden und eine "Kultur der Begegnung und sozialen Freundschaft" aufzubauen.

Der Pontifex äußerte sich während eines Events unter freiem Himmel am zweiten und letzten Tag seiner Reise. Dabei saß Franziskus vor einer aufgebauten Kulisse aus zerdrückten Wasserflaschen und Schwimmwesten, die Flüchtlinge und Migranten mit nach Malta gebracht haben.

Der Papst begann seine Rede mit der Erinnerung an eine Botschaft, die er im Dezember 2021 in einem Flüchtlingszentrum auf der griechischen Insel Lesbos ebenfalls verlesen hatte.

"Lassen Sie mich wiederholen, was ich vor einigen Monaten auf Lesbos gesagt habe: 'Ich bin hier ... um Ihnen meine Nähe zu versichern. ... Ich bin hier, um eure Gesichter zu sehen und euch in die Augen zu schauen", sagte er zu den rund 200 Migranten. "Seit dem Tag, an dem ich Lampedusa besucht habe, habe ich Sie nicht vergessen. Ihr seid immer in meinem Herzen und in meinen Gebeten."

"Menschen aus Fleisch und Blut"

Nach seiner Ankunft im "Peace Lab Johannes XXIII." in Hal Far, Malta, rief wurde Papst Franziskus von Pater Dionisio Mintoff, dem Gründer dieses "Friedenslabors", begrüßt und hörte sich anschließend zwei Zeugnisse von Migranten im Zentrum an.

"Keiner von uns verlässt seine Heimat aus mangelnder Liebe zu seinem Land", sagte Siriman Coulibaly, ein Migrant, der seit vier Jahren im Zentrum auf Malta lebt und inzwischen eine schwangere Frau hat, dem Papst. "Im Gegenteil, unsere Reisen sind Reisen, die in der Hoffnung beginnen, einen sicheren Ort zu finden. Wir fliehen vor Krieg, gewaltsamen Konflikten und Menschenrechtsverletzungen".

Papst Franziskus sagte wer seine Heimat verlässt, weil er von Freiheit und Demokratie träumt, erlebe oft eine Kollision mit der Realität – "einer harten, oft gefährlichen, manchmal schrecklichen und unmenschlichen Wirklichkeit".

An die Flüchtlinge und Migranten gewandt, betonte der Pontifex: "Ich möchte dies mit euren eigenen Worten bekräftigen: Ihr seid keine Statistiken, sondern Menschen aus Fleisch und Blut mit Gesichtern und Träumen, Träumen, die manchmal zerschlagen werden", sagte er.

"Sechsmal Schmuggler bezahlt"

Als zweiter sprach bei der Veranstaltung Daniel Jude Oukeguale aus Nigeria. Er schilderte seine hartnäckigen Versuche, über Libyen nach Europa zu kommen. 

"Ich habe meine Heimatstadt vor 5 Jahren verlassen. Nach 13 Tagen Fahrt kamen wir in der Wüste an. Auf der Fahrt kamen wir an Leichen von Menschen und Tieren, verbrannten Autos und vielen leeren Wassertanks vorbei. Nach 8 traumatischen Tagen in der Wüste sind wir in Libyen angekommen", erzählte der junge Mann seinen Zuhörern, darunter Papst Franziskus.

"Wer den Menschenhändlern noch etwas für die Überfahrt zahlen musste, wurden eingesperrt und gefoltert, bis die Schulden bezahlt worden waren. Ich hatte Glück, dass ich nicht dabei war", sagte der junge Mann.

In Teilen Nigerias tobt seit 2009 eine Zahl islamistischer Terror-Organisationen, darunter Boko Haram (auf Deutsch in etwa: "Westliches Wissen ist schmutzig"). Die Gruppe will Nigeria in einen Islamischen Staat verwandeln.

Daniel Jude Oukeguale betonte, dass es für ihn keine Lösung gewesen sei, in ein afrikanisches Land zu gehen. In Libyen habe damals "ein Guerillakrieg" getobt, auch wenn er mehrfach in das Land eingereist und dort monatelang gearbeitet habe.

"Ich habe zweimal Schmuggler bezahlt, die mir versprachen, mich auf ein Boot nach Europa zu bringen. Die Reisen wurden jedoch storniert und wir haben das Geld nie zurückerhalten. Es gelang mir, in Libyen Arbeit als Maurer zu finden, um eine weitere Überfahrt zu bezahlen. Schließlich stieg ich in ein 20 Meter großes Boot mit über 100 Leuten darauf", sagte er.

In diesem Boot sei er 17 Stunden lang unterwegs gewesen, bis ein italienisches Boot sie aufgegriffen habe – und der libyischen Küstenwache übergab. Zurück in Libyen habe er wieder als Maurer gearbeitet, um noch einmal Schmuggler bezahlen zu können. Doch der nächste Versuch endete bei der tunesischen Küstenwache. Dort habe er auch nicht bleiben wollen, so der Nigerianer, auch wenn er dort seine Liebe zur Kunst entdeckt habe. Mit zwei Kameraden sei er deshalb wieder nach Libyen gegangen, wo es zwar schrecklich sei, aber einfacher, Schmuggler zu finden.

Daniel Jude Oukeguale erzählte dem Papst weiter, dass er in Libyen wieder einen Job gefunden und genug Geld verdient habe, um einen weiteren Versuch zu finanzieren: "Dieses Mal kam ich nach drei Tagen auf See in Malta an, und das war das sechste Mal, dass ich die Schmuggler bezahlt hatte".

Der Flüchtling beklagte, dass er sechs Monate in einer Unterkunft eingesperrt worden sei. Er sagte dem Papst, dass er manchmal geweint und seine Migration bereut habe und sogar "am liebsten tot" gewesen wäre. Dann sei er in das Zentrum Hal Far gebracht worden, wo es ihm mittlerweile gut gehe.

"Danke, Heiliger Vater, dass Sie mir zugehört haben. Leider haben auch heute noch viele Menschen, die vor Krieg und Hunger fliehen, eine ähnliche Geschichte wie ich", schloss er.

Auf der Suche nach dem Glück in Europa

Im Jahr 2021 kamen mehr als 800 Migranten auf dem Seeweg in Malta an, ein deutlicher Rückgang gegenüber 2019, als 3.406 Migranten an Maltas Küsten mit Hilfe von Schmugglern landeten.

Viele Migranten, die in Malta ankommen, versuchen, in andere Länder auf dem europäischen Festland zu gelangen – eine große Zahl zieht schließlich weiter bis nach Deutschland.

Papst Franziskus sagte den Migranten in Hal Far, dass sein Besuch bei ihnen "uns an die Bedeutung des Logos denken lässt, das ich für meine Reise nach Malta gewählt habe."

Dieses Logo zeigt Hände, die nach oben zu einem Kreuz erhoben sind, während sie aus einem Boot auftauchen, das von den Wellen getroffen wird.

Das Logo wurde durch den Schiffbruch des Apostels Paulus auf der Insel Malta inspiriert, sagte Papst Franziskus, "der davon erzählt, wie die Menschen auf Malta ihn aufgenommen haben."

Inmitten der heutigen Tragödien des Schiffbruchs auf Schmugglerbooten kann man eine andere Art von Schiffbruch beobachten, sagte Papst Franziskus: Ein "Schiffbruch der Zivilisation, der nicht nur die Migranten, sondern uns alle bedroht".

Die Art und Weise, wie wir uns vor dem Schiffbruch der Zivilisation retten, ist "indem wir uns mit Freundlichkeit und Menschlichkeit verhalten", sagte er.

"Indem wir uns vorstellen, dass diese Menschen, die wir auf überfüllten Booten oder auf dem Meer, im Fernsehen oder in den Zeitungen sehen, jeder von uns sein könnte", können wir uns vor dem Schiffbruch bewahren, fügte der Papst hinzu.

Worte über die Ukraine

In seiner Ansprache an die Menge sagte Papst Franziskus weiter, dass die Erfahrungen der Migranten an den Exodus der Tausenden erinnern, die gezwungen waren, die Ukraine wegen des Krieges zu verlassen. Aber nicht nur die Ukraine, fügte er hinzu, sondern auch die Erfahrungen so vieler anderer Menschen in Asien, Afrika und Amerika, die ihre Heimat und ihr Land auf der Suche nach Sicherheit verlassen mussten".

Der Pontifex sagte, es sei wichtig, dass Aufnahmezentren "Orte sind, die von menschlicher Güte geprägt sind." Er räumte ein, dass es schwierig sei, ein solches Zeichen zu setzen, da Schwierigkeiten zu Spannungen führen können.

Weiter sagte Papst Franziskus: "Entzünden wir die Feuer der Brüderlichkeit, an denen sich die Menschen wärmen können, um wieder aufzustehen und die Hoffnung neu zu entdecken. Stärken wir das Gewebe der sozialen Freundschaft und die Kultur der Begegnung, ausgehend von Orten wie diesem. Sie mögen nicht perfekt sein, aber sie sind wahrhaftig 'Laboratorien des Friedens'."

Gegen Ende der Zeremonie entzündete der Papst  zusammen mit einer Migrantenfamilie Kerzen vor einer Statue der Heiligen Jungfrau Maria. Nach dem Ende seines Besuchs in Hal Far wurde der Papst für eine Abschiedszeremonie zum internationalen Flughafen von Malta gefahren, bevor er nach Rom zurückkehrte.

Courtney Mares auf Malta, Diego Lopez Marina und Joe Bukuras trugen zur Berichterstattung bei.

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